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Sex II

SIBYLLE BERG

Ein Interview mochte Sibylle Berg nicht geben. Verständlich. Wozu auch. Alles, was man über sie wissen muß, kann man ihren Kolumnen oder ihren beiden Büchern - "Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot" (vgl. INTRO #48) sowie "Sex II" - entnehmen. Was sollte man die Autorin da noch befrag
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Autor: intro.de

Ein Interview mochte Sibylle Berg nicht geben. Verständlich. Wozu auch. Alles, was man über sie wissen muß, kann man ihren Kolumnen oder ihren beiden Büchern - "Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot" (vgl. INTRO #48) sowie "Sex II" - entnehmen. Was sollte man die Autorin da noch befragen wollen. Schließlich beschreibt Sibylle Berg nichts anderes als den ganz alltäglichen Wahnsinn. Und den kennt jeder. Jeder kennt sie, diese Menschen, die fressen, kotzen, kacken, pissen, ficken, gefickt werden, verrückt werden, morden, sterben usw. Sibylle Berg schreibt es bloß auf. "Fressen, scheißen, Mist reden, aber auf hohem Niveau. Worte, die nichts bedeuten, außer gut tönen, gut aussehen ..." Einfach so. Natürlich kann es in solchen Geschichten keine Protagonisten geben, bloß Menschen wie dich und mich. Menschen inmitten ihres sinnlosen Lebens als Kinderficker, Leichenschänder, Sodomist, Sadist, Bulimiker, Pyromane oder was auch immer. Die ganz normalen Perversen, unsere Mitmenschen eben. Lebensinhalt wird zu Mageninhalt, will ausgekotzt werden. Aber halt, da wäre noch die Ich-Erzählerin ("Ich, 33. Normal schlechte Kindheit, normal aussehend, normal alleine, normal übersättigt. Ein ganz normales Arschloch.") zu erwähnen. Das arme Ich erleidet das Schicksal, eines Morgens aufzuwachen und die vielen Kaputten sehen zu müssen ("Alle verdammten Wände reißen auf, als würde einer einen Vorhang öffnen. Und ich sehe sie. Die Wohnungen, die Wohnungen dahinter, dahinter. Die Menschen. ... Durchsichtig, alles."). Sie kennt ihre Namen, und sie weiß, wie oft bzw. wie gern diese onanieren. Ein Alptraum? Nein. Aber "ein mieser Anfang, für einen neuen Tag." Weshalb sollte Sibylle Berg da noch Lust auf die Beantwortung dummer Fragen haben. Bleibt keine Zeit zum Antworten. Muß alles aufschreiben, die Sibylle, ob sie will oder nicht. Lebt schließlich davon. Wie ihr Kollege Maxim Biller ("Maxim, 36. Autor. Hauptproblem: alles. Onaniert zu Tierpornos. Häufig wechselnder GV mit Groupies, Literaturstudentinnen, Buchhändlerinnen. Tripper."). Maxim ist zu klein, um von anderen Männern ernst genommen zu werden, und er hat zu schütteres Haar, um von Frauen geliebt zu werden. Hat deshalb das Schriftstellern begonnen, der Maxim. Und Sibylle? Keine Lust zum Antwortengeben, tobt sich statt dessen in Tötungsphantasien aus. Bezwingt die Einsamkeit, das Leiden an der Umwelt mit Splatter und Blutrausch. Rein fiktiv, versteht sich! "Ich wollte doch nur zufrieden sein, ... wenn ich mit einer Maschinenpistole vor ihrer Türe stehe, mit Handgranaten, Flammenwerfern und Panzerfäusten um mich ballere, die Welt reinige, vom selbstgerechten Pack. Und die ist dann leer. Kann was Neues entstehen. Ameisen, Leoparden und dann wieder Menschen." Und die Journalisten wollen wirklich wissen, ob diese Hirngespinste einen biographischen Ursprung haben. Blöde Fragerei. Wer so etwas wissen will, der hat "Sex II" nicht richtig gelesen. "Sex II. Guter Film, müssen sie sehen. Müssen alle sehen. Das ist der Film zur Zeit. Er zeigt brillant die Reste der Welt, die Reste, was bleibt im Untergang, sind Fotzen, Schwänze, Ficken und Sex II." "Sex II" sublimiert indes nicht nur die Ästhetik des Horrors, es ist zugleich ein höchst moralisierendes Buch, das Werk einer enttäuschten Moralistin. Die Moral der Geschichten ist die, daß es keine mehr gibt - keine Moral und keine Geschichten. Es gibt nur noch den Wahsinn! Sibylle Berg schreibt "Geschichten gegen den Wahnsinn". Sechzehn davon hat sie in ihren Roman eingebunden, es sind ältere Kolumnen, die sich nahtlos einfügen: "Zitate, die würgen machen." Soweit kommt es freilich nicht. Es ist die eigentümliche Grammatik, die den Texten von Sibylle Berg innewohnt, die dies verhindert. Die nicht enden wollenden Aneinanderreihungen simpelster Sätze und die einförmige Abfolge von Aufzählungen stumpfen den Leser auf Dauer ab. Er verfällt einem Sprachrhythmus, dessen hypnotische Wirkung ihn geichgültig und schmerzunempfindlich werden läßt. Jedes Wort wird zum Sedativum, jeder Satz zum Narkosemittel - "weil der Mensch zum Abstumpfen neigt, zum Abdichten neigt, wenn er zuviel sieht, das ihm nicht paßt." So manches Mal möchte man das Buch verzweifelt weglegen, man kann es nicht ertragen, trotzdem liest man weiter, im Glauben, es kann nicht schlimmer werden. Es kann! "Hast du noch Geschichten? Noch eine, die letzte. Lies sie mir vor. Magst du meine Geschichten. Hm. Liebst du mich. Ja. Ich habe Angst. Ich auch."
Nach der Lektüre - und nicht vorher! - wird man denn auch die zeitgleich erschienene CD "Sex II" in einem anderen Licht sehen können. Die Zusammenstellung von PHILLIP BOA-, ROSENSTOLZ-, ELEMENT OF CRIME- und RAMMSTEIN-Songs auf einem Tonträger zeugt keineswegs vom schlechten Geschmack der Autorin, wie man voreilig glauben möchte. Durch die alternierende Montage von Song und Textpassage entsteht ein einheitlicher Sound, der verblüffender nicht sein kann. Plötzlich paßt Großstadtmelancholie zu Schlagerkitsch, und selbst die Grobmotorik der Pyromanenrocker von RAMMSTEIN steht nicht mehr im unbedingten Widerspruch zur Kopflastigkeit eines PHILLIP BOA. Letzten Endes: "Die Philosophie der 90er schlägt unerbittlich zu. Alles ist möglich, nichts ist böse, wir wollen alle Spaß."