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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Aufzeichnungen aus England

Shifty Disco Records

Kontinentaleuropäer sind England-Fans. Für die Gegenseite möchte man das nicht so eindeutig formulieren. Jedenfalls waren die Plattenverkäufe des Labels Shifty Disco ans Festland immer um ein Vielfaches höher als die Verkäufe innerhalb der eigenen Reihen. Ein Glücksfall, denn so haben wir einem klas
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Kontinentaleuropäer sind England-Fans. Für die Gegenseite möchte man das nicht so eindeutig formulieren. Jedenfalls waren die Plattenverkäufe des Labels Shifty Disco ans Festland immer um ein Vielfaches höher als die Verkäufe innerhalb der eigenen Reihen. Ein Glücksfall, denn so haben wir einem klasse Oxforder Indie-Label ein bislang fünfjähriges Bestehen ermöglicht, das im Januar in Oxford und London ausgiebig begangen wurde.

Stephan Ossenkopp begab sich dann auch folgerichtig in die Obhut des Shifty-Disco-Betreibers Dave Newton. Der schleifte ihn von Club zu Club und zeigte ihm gar anschließend, Hosen runter, seine Plattensammlung. Jetzt sind sie verheiratet. Nein, er kam vielmehr zurück, um von dem Ereignis zu berichten.

30.01., 12 Uhr, London, Kensington

Mobilität heißt doch nichts weiter, als ständig Wege auf sich nehmen zu müssen. Man fährt zwar viel, aber zwischendurch steht man genauso viel herum. Wahrscheinlich sind deswegen die Wände der Londoner Tube eine riesige Werbefläche. Reisende wollen auch in den tristesten Schächten die gutaussehende Warenwelt widergespiegelt wissen. Ein Plakat der Klee-Ausstellung hängt gleichrangig neben dem einer Jobvermittlungsfirma. Sind sich Kunst und Dienstleitung wirklich so nah?

22 Uhr, London, Maida Vale

John Peel ist ein kluger Mann. Er hat sich im urbanen Chaos seine quasi-authentische Nische bewahrt, legt im staatlichen Radiokoloss BBC einfach nur seine Lieblingsplatten auf und lädt seine favorisierten Bands zu seinen seit ewig legendären Livesessions ins BBC-Studio ein. Keine an Chartentries orientierte Musikredaktion bestimmt sein Programm. Beneidenswert. Das Oxforder Independent-Label Shifty Disco zählt er zu seinen Lieblingen, seit es am 27.01.1997 sein erstes Release herausbrachte, den Rockburner "Senor Nachos" der damaligen Oxforder Lokalhelden Dustball.

Heute im BBC-Studio covern sie die ermittelten Top Five des "Shifty Disco Singles Clubs", bei dem die Club-Abonnenten jeden Monat eine neue CD-Single in den Briefkasten bekommen. Nach fünf Jahren und 60 Singles wird der Singles-Club dieser Tage allerdings eingestellt und statt dessen ein zweites Label namens Star Harbour aus der Taufe gehoben. Insofern ist die John Peel Show heute abend auch so etwas wie ein Erneuerungsakt. Die zweite Live-Band des Abends ist AM60 aus New York, frisch gesignt und so was wie der Hoffnungsträger der Labelschaft. Sie spielen ein solides Soulpop-Set. Drummer Mackie hat sogar etwas Fame am Hacken: Er trommelt sonst bei den Fun Loving Criminals. Vielleicht ist Peel deswegen persönlich in Maida Vale, wo er doch sonst lediglich von einem anderen BBC-Studio zugeschaltet wird.

31.01., 13 Uhr, Oxford, Wood Farm

Dave Newton besitzt eine Goldene Schallplatte. Als Manager der Oxforder Starpopper Ride hat er sich diese Trophäe für 100.000 verkaufte Exemplare des Creation-Albums "Nowhere" verdient. Das ist allerdings über zehn Jahre her. Damals hat er auf einer Ride-Tournee, die ihn und die Band auch nach Japan führte, seine jetzige Frau Asako kennengelernt. "Auch heute noch hat eine Frau in Japan kaum Möglichkeiten, die vorherrschenden männlichen Dogmen zu brechen", sagt Dave, während seine Tochter Katie die Playstation 2 bedient. Seine ersten 40.000 Pfund aus den Gewinnen mit Ride steckte er in ein bescheidenes gemeinsames Haus. Dann gründete er zusammen mit Richard Cotton Shifty Disco. Die kluge Investition in das Haus nahm ihm den großen finanziellen Druck, der durch die Mietpreise in Oxford und London unvermeidlich ist - was ja auch seine Label-Arbeit enorm entspannt.

Im Namenslogo findet sich übrigens unbedingt ein "X" im Buchstaben "O", damit es wie das Ortskürzel OX aussieht. Local patriotism geht in England okay. Ride, die ja Daves Leben verändert haben, nennen ihre grad erschienene 3er-CD-Box konsequenterweise "OX4" (siehe Rezension in dieser Ausgabe). Sie kommen nämlich alle aus dem Stadtteil gleicher Ortskennzahl.

Um 23 Uhr in der Oxforder Cellar Bar: Einmal im Monat findet hier der Shifty-Discos-Club "Songs Of Praise" statt. Heute abend legt zufälligerweise Ride-Drummer Laurence "Loz" Colbert Platten auf. So nah dran kann man sein.

01.02., 16 Uhr, Oxford, Busstation

Die Buslinie Oxford-London ist angeblich die profitabelste der Welt. Tag und Nacht karrt man Studis und Touris zwischen diesen ungleichen Städten hin und her. Wer sich aber unter Oxford eine verschlafene Kleinstadt mit einem verfallenden Kirchturm vorstellt, liegt völlig falsch. Hier hat immerhin Bill Clinton studiert, und die Straßen sind voll von Leuten, die sich alles Mögliche kaufen können. Es gibt auch "hippe" Bands aus Oxford. Supergrass, die einmal The Jennifers hießen. Und Radiohead, die sich einmal On A Friday (ihr wöchentlicher Probetermin) nannten. Der Aufstieg dieser Bands hatte eine Menge Bewegung nach Oxford gebracht. Es gab plötzlich gutgehende Venues und Clubs, weil die Stadt als Indie-Hochburg galt.

In dieser Euphorie entstand auch Shifty Disco. "1997 ist Radio 1 mit seiner 'Sound City'-Reihe nach Oxford gekommen. Da war plötzlich eine ungeheure Aufmerksamkeit, die kurz davor noch undenkbar gewesen wäre", sagt Dave. Doch Musik-Euphorien halten nur so lange, wie Bands erfolgreich sind. Um die genannten ist es doch mittlerweile recht still geworden. Und der große Indie-Run auf die Stadt ist abgeebbt. Dave Newton hätte indes längst reich sein können. Er hat sowohl das Demo von Coldplay als auch das von Muse abgelehnt.

Ach, wenn man doch in die Zukunft schauen könnte. Reuige Gedanken scheint er allerdings nicht entwickelt zu haben. Das Leben ist als Kampf vielleicht interessanter - oder: nachjammern hilft eh nicht. So ist Newton noch immer der Besitzer eines gerade so über die Runden kommenden Kleinlabels. Zum Zusammenrechnen der kärglichen Abendkasse von gestern benutzt aber auch ein Mathegenie (Dave hat sein Studium der Mathematik mit Auszeichnung absolviert) einen Taschenrechner.

19 Uhr, London, East End

Schade, dass beim heutigen Main Event nicht alle Bands des Labels dabeisein können. Ganz arg vermisst wird von mir Jack Drag, dessen Musik ungerechtfertigt wenig bekannt ist. In Europa verkaufte er gerade mal traurige 800 Platten, in seiner Heimat Boston nicht mal 100. Die geheimen Label-Stars Beulah (Spektakel in Intro #90) aus den Staaten einzufliegen wäre zu kostspielig gewesen. Und Pluto Monkey aus dem schottischen Ort Galashiels haben abgesagt.

Die Besucherzahl der Shifty-Disco-Party im grandiosen Spitz Club bewegt sich unter den Erwartungen. Schade. Aber The Hives geben ausgerechnet heute eine vom NME aggressiv beworbene Show. Die neueste "heiße Sache" für das Monopol-Weekly in Sachen Pop, dessen Herausgeber IPC (gehört zum AOL-Konzern) sicherlich ein Herz hat für Meinungsführerschaft. Derweil spielen im Spitz eine Reihe mittelguter Bands mit Namen wie Samurai Seven, Frigid Vinegar oder Eeebleee.

Eeebleee-Sänger Dave Griffiths geht zwischenzeitlich in ein nahegelegenes Studio, da man mit ihm ein kurzes Akustik-Set aufzeichnen will. Auf dem Weg dorthin kommen wir auf Tony Blair und sein Konzept vom "Open Government" zu sprechen. Die Politik der Labour-Regierung werde stärker an öffentlichen Bedürfnissen ausgerichtet sein, so versprach Blair in der Parteitagsrede in Cardiff. Nun, Musiker sind doch irgendwie auch in der Öffentlichkeit Agierende und bedürften eigentlich besonderer sozialer Absicherungsmodelle.

Dave lacht und ist gleichzeitig wütend: "Ich war mal auf staatliche Unterstützung angewiesen. Das ist der totale Schwachsinn. Da sollte ich alle fünf Wochen nach London zu einem Manager, der eh kaum Zeit für mich hatte. Die britische Regierung hat wirklich das beschissenste und lächerlichste politische Programm für Künstler zusammengeschraubt, das man sich vorstellen kann. Man kriegt irgendwann einfach nur reguläre Arbeitslosenhilfe, von der man eh nicht leben kann." Englands Musiker sind manisch - fast panisch - aktiv, um bei dem allgemeinen musikalischen Überangebot wenigstens irgendwie Boden unter die Füße zu kriegen.

02.02., 11 Uhr, Oxford, Wood Farm

Daves Tochter Katie wünscht sich zwar Abba, aber den Schreiber dieser Zeilen interessiert doch eher die musikalische Zukunft von Shifty Disco. Das gerade erst vom Mastering eingetroffene Jack-Drag-Album "The Sun Inside" lässt das Herz pochen. Den zweiten Track "I'm Royalty" hat er, der eigentlich John Dragonetti heißt, mit Dan The Automator (of Gorillaz- und Lovage-Fame) aufgenommen. Klingt nach sehr frischem Pop. Stunden werden kurzweilig, wenn man sich durch Plattensammlungen hört. Englischer Tee und ein Kuchen, der nach Toffifee schmeckt, versüßen die Zeit zusätzlich. Von Portisheads Ride-Remix geht es über lange Bögen zum neuen Elf-Power-Album "Creatures", über das sich Dave vor der Veröffentlichung auf Shifty Disco noch Gedanken machen will. Eine vortreffliche Scheibe. Wäre doch schön, wenn ich mit einer positiven persönlichen Reaktion zu Daves Entschluss beigetragen hätte.

22 Uhr, London, Notting Hill

Eeebleee und AM60 treten heute im Notting Hill Arts Center auf. Mit auf dem Billing: die Oxforder Meanwhile Back In Communist Russia, die seit ihrem Supportgig für Pulp (am 31.10. in Birmingham) in der Region bekannter geworden sind. Dave Newton hat sie aber nicht in seinem Roster, findet sie wieder mal "rather boring" und lädt auf ein Bier ein.

Etiketten und Biersorten, die man noch nie gesehen hat. Und ein Preis, den man ehrfurchtsvoll zur Kenntnis nimmt: 3,15 Pfund sind doch glatt 5,5 €. Nun, in einem Land, das einen CD-Preis von 14 Pfund als "Sale" deklariert, wundert man sich nicht mehr über viel. Die junge Künstlerszene in England scheint es nicht zu stören. Überhaupt scheinen einige Bands, die im Shifty Disco Singles Club auftauchten, in dieser heterogenen Schar, die irgendwie immer etwas schriller rumläuft als der Durchschnitt, gut zu funktionieren. So auch die halb russische, halb englische Kunststudentin Nendie, die vor wenigen Tagen die Shifty-Disco-Band Nought für eine ihrer Vernissagen buchte. Dave Newton war auch dort und wunderte sich, dass die Leute sogar auf die komplizierten instrumentalen Punkjazz-Arien abgingen und nicht wie sonst das Weite suchten. Zum Abschluss des Abends hilft ein guter Falafel, den Nachthunger zu dämpfen. Das Buch "Verschwende deine Jugend" wird unter dem Gequatsche von Gaststudenten und unter erschwerten Lichtbedingungen im Bus nach Oxford weitergelesen. Auch darin ständig Verweise auf London als kreativem Urquell.

03.02., 21 Uhr, Köln, Flughafen

Von Heathrow nach Köln/Bonn ist ein ziemlicher Kulturschock. Zum Glück kommt mein Gepäck unbeschädigt an, denn darin befindet sich die Shifty-Disco-CD-Compilation, die zum Labelgeburtstag herausgekommen ist: 60 A-Seiten und 5 CDs. Sieht gediegen aus und verkauft sich in Europa hoffentlich wieder mehr als in England, damit Dave Newton weiter gute Bands signen kann. Aber vor allem, damit das deutsch-englische Verhältnis nicht leidet.