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Gute alte Zeit: So war's in Köln

Sharon Jones & The Dap-Kings live

Ist die großartige Sharon Jones ein Unikat des zeitgenössischen Soul? Oder verpassen wir gerade eine der mitreißenden, wenn auch uralten Musiken zur Zeit?
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Ist die großartige Sharon Jones ein Unikat des zeitgenössischen Soul? Oder verpassen wir gerade eine der mitreißenden, wenn auch uralten Musiken zur Zeit? Wie schmerzhaft das wäre, zeigt die Soul-Queen mit ihren Dap-Kings in der Kölner Live Music Hall.

16.10.2010, Köln, Live Music Hall

Es gibt auch und gerade im Spektrum des Soul wahre Nerds. Digger, die mit 7“-Singles handeln und Kapellen aus Georgia beim Namen kennen, die nie jemand auf Vinyl oder Schellack gebannt hat. Beiläufige Interessenten denken bei diesem Thema aber nahezu ausschließlich an die Vergangenheit, an Aretha Franklin, Al Green, Marvin Gaye oder den kürzlich verstorbenen Solomon Burke. An Künstler also, die zwar großartig und unvergessen sind, die aber die Höhepunkte ihrer Schaffenskraft in vergangenen Jahrzehnten hatten. Sharon Jones ist zwar nur unwesentlich jünger, sie wurde dieses Jahr 54, ist aber erst im letzten Jahrzehnt, mit ihrer Band The Dap-Kings und auf dem Indie-Label Daptone Records veröffentlichend, zu Popularität auch über die eigenen Auskenner-Kreise hinweg aufgestiegen.
 
Das zeigt sich nicht zuletzt an der immer größer werdenden Fanbase auf ihren Konzerten in Köln. Nachdem sie zweimal den kleinen Stadtgarten voll machte, ist nun die Live Music Hall zwar nicht ausverkauft, aber dennoch mehr als gut gefüllt. Und das Publikum ist keineswegs nur in den 1970ern groß geworden, sondern ausnehmend heterogen und bereit für eine Party. Dass es diese Party bekommt, erfuhr es von all jenen, die schon vorher die großartigen Konzerte der aus Georgia stammenden Sängerin besucht hatten. Hier half mal wieder Mund-zu-Mund-Propaganda darüber hinweg, dass die großen Musikgazetten die Klasse dieser Musik weitgehend ignorierten und ignorieren.
 
Schon das Warm-up des Konzertes ist absolut hörenswert – ein DJ greift tief in die sehr gut bestückte Kiste mit Soul-Singles und legt ein Set auf, dass sonst höchstens auf den wenigen Genre-Partys läuft. Da macht es nichts, dass Sharon Jones auf einen Support-Act verzichtet und stattdessen lieber ganz im Stile einer alten Soul-Revue die eigene Band vor schickt. Ihr Bandleader gibt den Conferencier und lässt die achtköpfigen Dap-Kings ein paar Stücke spielen. Verdammt professionell wirkt das, aber es erfüllt seinen Zweck, die steifen Kölner tauen ein wenig auf. Wer will ihnen ihre Unerfahrenheit auch verdenken, schließlich ist das Rheinland kein Soul-Hauptquartier, war es wohl auch nie.
 
Allein diese Konstellation rechtfertigt schon ein eigenes Konzert, der Auftritt der Sharon Jones bringt es aber zum Überkochen. Denn diese kleine, runde Frau mit ihrer geballten Entertainer-Qualität macht klar, wie das gewesen sein muss, etwa Aretha Franklin um 1970 herum live zu sehen. Sie bringt wirklich alles mit: Eine überragende, druckvolle Stimme, ein unorthodoxes, aber wildes Tanztalent, die richtige Ansprache an das Publikum und die eigene Band. Sharon Jones liefert eine 'good old-fashioned show', ohne artifizielle Sperenzchen, aber mit viele Seele, Liebe und dem Bewusstsein, am Ende des Tages eine Unterhaltungskünstlerin gewesen zu sein. Unterhaltung in einem guten Sinne, nicht das biedere und anbiedernde, pathosbeladende Getue, das heute damit assoziiert wird. Zwei Stunden füllt die Band so, mit eigenen und Cover-Songs, mit Tanzeinlagen und einigen dünnen weißen Kids aus den ersten Reihen, die ihr Tanztalent im Duell mit Jones auf der Bühne beweisen dürfen. Respektvoll erinnert Jones an die alten Helden, vor allem an den toten Solomon Burke, ein Verlust, der ihr selbst ziemlich nahe gegangen zu sein scheint. Aber die eiserne Regel auch dieses Business lautet: The show must go on. Und dieser Slogan wirkt im Zusammenhang mit dieser schon seit Monaten auf Tour hart arbeitenden Sharon Jones gar nicht so herzlos wie sonst. Eher schon wie ein Auftrag, wie Spiritualität und wie ein Bewusstsein, das auch der Titel ihres aktuellen Albums verdeutlicht: „I learned the hard way“.