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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Wir sind World Clash

Sentinel Soundsystem

Text: Elmar Jäger (MC bei Sentinel) Promofotos: Felix Seuffert Musikkulturelle Phänomene, insbesondere, wenn sie sich nicht unbedingt in erster Linie in Deutschland manifestieren, werden von den hiesigen Musikmedien gerne mal mit Nichtachtung gestraft. Im Fall von Dancehall-Reggae allerdings wen
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Text: Elmar Jäger (MC bei Sentinel)
Promofotos: Felix Seuffert

Musikkulturelle Phänomene, insbesondere, wenn sie sich nicht unbedingt in erster Linie in Deutschland manifestieren, werden von den hiesigen Musikmedien gerne mal mit Nichtachtung gestraft. Im Fall von Dancehall-Reggae allerdings weniger aus böser Absicht der Journalisten, sondern vielmehr wegen des fehlenden Ansatzes, die Phänomene dieser Untergrundmusikkultur richtig erklären oder Vergleiche und Verwandtschaften zu bekannten Clubkulturen wie z. B. HipHop aufzeigen zu können. Dabei zählen Dancehall-Clubabende in jeder deutschen Großstadt zum festen Gefüge des musikalischen Spektrums, erfreuen sich, nicht nur bedingt durch den Einfluss von Repräsentanten wie Sean Paul, in den letzten Jahren eines enormen Zuspruchs.

Wenn die Disziplin aber nicht Juggling-Dance heißt, sondern Soundclash, dann verschwimmen die Grenzen zwischen Tanzveranstaltung, musikalischem Bühnentheater in jamaikanischem Patois und sportlichem Wettbewerb - übrigens unter Aufwendung von riesigen Geldsummen, die die an einem solchen Battle teilnehmenden Kontrahenten zur Vorbereitung auf das Happening ausgeben müssen, aber dazu später mehr. Bei diesen Battles legen mehrere kontrahierende Soundsystems (DJ-Teams) Dubplates auf, ein MC hilft, die anderen Sounds zu diskreditieren - wobei das Publikum letztlich entscheidet, wer gewinnt. In Deutschland finden seit etwa drei Jahren ebenfalls Soundclashs mit deutscher und internationaler Beteiligung statt, der größte ist der jährlich in München stattfindende RIDDIM-Clash mit über eintausend Reggaeheads.

Beim World Clash in Brooklyn (am 8. Oktober 2005), der wichtigsten Veranstaltung dieser Art weltweit, gab es eine kleine Sensation: Der frisch gekrönte World Championsound heißt Sentinel - und stammt weder aus Kingston noch London noch New York, sondern aus Stuttgart. Sensationell deshalb, weil noch nie zuvor ein europäischer oder auch weißer Sound diesen Titel erringen konnte (einzig die Japaner Mighty Crown siegten im Jahre 1999). Grund genug für Intro, unser sechsköpfiges MusikerInnen-Kollektiv um eine persönliche Schilderung der Erlebnisse zu bitten.

08.09.05 Stuttgart

Von Irish & Chin, dem Veranstalter des World Clash in New York, empfange ich eine E-Mail mit Gastspielvertrag im Anhang. Die Gerüchte um die Teilnahme von Sentinel am World Clash waren also offensichtlich doch keine. Toll. Aber: Bis zur Veranstaltung ist es nur noch ein magerer Monat! Es gilt also folgende wichtige Fragen zu klären: Sind wir für die nächsten vier Wochen bereit zur totalen Selbstaufgabe? Denn es gilt, uns in die Tiefen des Reggae-Universums zu stürzen, um Instrumentalversionen auf über zwanzig Jahre alten Jamaika-Singles zu finden. Und als ob das noch nicht genug wär, muss anschließend natürlich auch noch Kontakt zum Originalkünstler dieser Tracks hergestellt werden. Können wir zigtausende von Euros für Dubplate-Aufnahmen, Telefonrechnungen sowie für Flugtickets nach England und Jamaika freisetzen, um gut ausgestattet mit neuen Platten am World Clash teilzunehmen? Um, wenn es blöd läuft, nach nur zehn Minuten als Erster von sechs Sounds rauszufliegen?

10.09.05 Stuttgart

Okay, wir haben zugesagt, wir Wahnsinnigen. Mal abgesehen vom finanziellen Aspekt (es gibt kaum Gage, aber riesige Unkosten) sind der mentale Druck und die körperliche Dauerbelastung jetzt bereits schon ziemlich hoch. Es muss schleunigst eine Strategie her: Es gilt zu klären, welche Dubs wir für New York brauchen, welche aktuellen Dancehall-Tracks die Dances in New York rulen, welche Foundation Tunes (grob: Reggae Vintage aus den Siebziger- bis Neunzigerjahren) uns den größten Publikumsbeifall in Brooklyn einbringen? Wobei die größte Herausforderung das Kontakten der jeweiligen Sänger zwecks Dubplate-Aufnahmen werden sollte: Leben sie nach wie vor in Jamaika, England oder den USA? Ja, leben sie überhaupt noch? Mit dem Ehrgeiz einer Sonderkommission versuchen wir über andere Sänger, Produzenten, Veranstalter, Dubplate-Studios oder Mittelsmänner die jeweilige Zielperson oder deren Familie zu kontaktieren.

23.09.05 London

Ich bin krank, Grippe, habe aber keine Zeit, mich auch noch darum zu kümmern. Es ist elf Uhr morgens, ich habe die Nacht in der Lounge des Sanderson Hotels in London verbracht, um mit Damian "Jr. Gong" Marley, der momentan hier im Hause residiert, Dubplates aufzunehmen. Bob Marleys jüngster Sohn ist derzeit mit "Welcome To Jamrock" der angesagteste Act im schnelllebigen Dancehall-Business. Vom Tourmanager über den A&R sind alle bereit, mir bei meiner Dubplate-Request zu helfen, nur hat sich Damian, nachdem er von der Afterparty gestern Nacht um halb fünf heimkam, leider nicht mehr vor mein mobiles Laptop-Studio getraut, vielleicht hatte es auch eher was mit seiner weiblichen Begleitung zu tun. "Nach den Interviews morgen ...", meinte er über das Hoteltelefon. Ich musste schon einen Rückflug verstreichen lassen, warte schon 22 Stunden.

01.10.05 Kingston

Nach einer Woche in Kingston, nonstop von Studio zu Studio, treffen wir Hopeton Lindo eher zufällig in Syl Gordons 321 Cellblock an, wo er momentan eine neue Single voicet. Seit drei Wochen versuche ich vergeblich, ihn ausfindig zu machen. Ich weiß inzwischen, dass er auf dem Miami Airport als Instandhaltungstechniker tätig ist, aber ins Studio konnte ich ihn leider nicht ordern. Nun erwische ich den medienscheuen Singer also doch. Ihn, dessen Hymne "Territory" in den frühen Neunzigern das musikalische Fallbeil für übermütige Soundboys darstellte, die diese Dubplate nicht aus ihrer Dubplatebox ziehen konnten. New York, wir kommen!

08.10.05 New York

Man muss vor Ort sein, um die Atmosphäre fühlen zu können. Es sind etwa 2000 Clashfans da - und Sentinel stehen im so genannten Dub Fi Dub, dem Finale eines Clashes, gegen den Veteran Sound Black Kat. "Territory" hat uns den Einzug in die Endrunde beschert, Damian Marley wurde bisher von keinem der anwesenden Sounds gespielt.

09.10.05 New York

Think big! Wir haben das Unmögliche vollbracht, Sentinel dürfen von nun an den Titel World Champion tragen, und wir haben Deutschland, das bisher für den größten Teil des Dancehall-Universums einen weißen Fleck auf der musikalischen Landkarte darstellte, rot markiert. Wyclef Jean, selbst auch begeisterter selfmade Soundboy außer Konkurrenz, hat uns zu sich ins Studio eingeladen und schüttelt unsere Hände. Mein Handy ist pausenlos aktiv, SMS von Gratulanten im Sekundentakt, Promoter aus allen Teilen der Welt wollen uns buchen. Mein Gott, der wahre Wahnsinn beginnt ja erst, wenn wir wieder in Deutschland sind ...

Dubplates
1. Auch Dubplate-Special. Ein exklusiver Track, vergleichbar einem Radio-Jingle, der nur für ein Soundsystem aufgenommen wurde. Der Reggaekünstler nimmt hierfür das Originalstück neu auf und interpretiert es dabei textlich um - wobei der Name des Soundsystems (hier: Sentinel) lobend erwähnt wird und andere konkurrierende Sounds gerne in blutrünstigen Bildern gezeichnet, musikalisch getötet oder vernichtet werden. Je kreativer und origineller die Neuinterpretation ist, umso mehr Zuspruch findet die Dubplate beim Publikum im Soundclash. Soundsystems zahlen den Künstlern grundsätzlich Geld für das Aufnehmen der Dubplate-Specials, der Preis richtet sich nach der Popularität des Künstlers oder danach, wie angesagt der original Tune momentan ist. Variiert von 150 US-Dollar bis zu Summen von 2000 US-Dollar für Reggae-Superstars wie z. B. Shabba Ranks.
2. Auch Terminus für das Vinyl-Azetat, in welches die Dubplate-Aufnahme geritzt wird, um dann an den Turntables im Clash gespielt werden zu können.

Links
www.sentinelsound.de
www.dancehallmusic.de
www.irishandchin.com