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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die Cover-Nerds

Señor Coconut & Nouvelle Vague

Man hört wieder Coverversionen. Punkklassiker in Bossa Nova. Japanelektronik versteckt im Cha-Cha-Cha. Pop als Mädchenchor-Fantasie oder Elektro unplugged. Seit dem von Sonic Youth propagierten "Year Punk Broke" - als in den frühen Neunzigern der Mainstream durch den Distortion-Fleischwolf gedreht w
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Man hört wieder Coverversionen. Punkklassiker in Bossa Nova. Japanelektronik versteckt im Cha-Cha-Cha. Pop als Mädchenchor-Fantasie oder Elektro unplugged. Seit dem von Sonic Youth propagierten "Year Punk Broke" - als in den frühen Neunzigern der Mainstream durch den Distortion-Fleischwolf gedreht wurde - sind die Nachahme-Strategien des Undergrounds diffiziler geworden. Den Lemonheads reichten 1992 noch eine Tempoverschärfung und die verzerrte Gitarre, um für Simon & Garfunkels "Mrs. Robinson" einen zielgruppenaffinen Perspektivwechsel vorzunehmen. Heute hingegen übertreffen sich die Coverkünstler gegenseitig mit ihren ästhetischen Konzepten beim Nachspielen der Musik anderer Leute. Doch was ist eigentlich ein guter Coversong?

Die Menschen lieben Cover-Songs. Der normale Hörer, weil er etwas Bekanntes - oft einen guten, weil bewährten Song - in einer neuen, vielleicht sogar witzigen Version hört. Der Kenner hingegen freut sich über offenbarte Geschichte, Bezüge und Zitate. Und weil alles mit allem zusammenhängt, kann man schöne Pfeildiagramme malen und mit gleich Gesinnten die Referenzhölle auseinander klamüsern. Mein erstes Coveralbum war 1989 "A Bridge: A Tribute To Neil Young". Hier spielten die jungen Idole der Generation Indie - Bands wie die Pixies, Sonic Youth oder Flaming Lips - die Songs ihres Rockidols mit den Zottelkoteletten. Durchaus ein Zeitdokument, denn das Neil-Young-Revival stand in voller Blüte: Kurze Zeit später, Anfang 1990, hievte die Spex Neil Young aufs Cover und bezeichnete ihn - vielleicht ein wenig übertrieben - als "Mann des Jahrzehnts". Doch auch dieser Schachzug machte irgendwie Sinn. Young war der Mann, auf dessen Version eines integren Songwriters unter Rockstarbedingungen man sich einigen konnte. Dazu hatte er natürlich klasse Songs, und die Versionen seiner Epigonen bestellten damals bereits das weite Feld des Cover-Ackerbaus. Wandelnd zwischen den beiden Polen respektvolle Revitalisierung und entrückte Verfremdung. "Die besten Coverversionen stammen von den Bands, die den Song wie ihren eigenen behandeln", schrieb der amerikanische Rolling Stone über das Album "The Bridge". Er hatte damit insofern Recht, als dass Coverversionen eines Klassikers für den Kenner des Originals nur dann eine Alternative darstellen, wenn sie es schaffen, dem Original neue Reize zu entlocken und es nicht nur in Erinnerung zu rufen. Insofern müssten die Protagonisten der jüngsten Cover-Welle von den Pophistorikern alle eine Eins mit Sternchen erhalten. Die Veröffentlichungen der Saison 05/06 sind nämlich ziemlich abgefahren.

Señor Coconut: Leicht klingende Referenzhölle

Uwe Schmidt, von Frankfurt nach Chile ausgewanderter Elektroniker, dürfte der weltweit umtriebigste Cover-Nerd des Musikbusiness' sein. Dazu ist seine Kunst eine der komplexesten des Genres, denn Themenvisier und Methoden werden ständig neu ausgerichtet. Selbst das bekannteste seiner vielen Pseudonyme - Señor Coconut - tritt keineswegs auf der Stelle und behandelt die Grundidee "Popmusik im Gewand von altem Salsa, Merengue und Cha-Cha-Cha" immer wieder neu. War das Kraftwerk-Coveralbum "El Baile Aleman" noch die Simulation einer Liveband aus Sample-Schnipseln, beruht sein neues Werk "Yellow Fever" auf von einer Latino-Band live eingespielten Versatzstücken des japanischen Yellow Magic Orchestra. Freilich durch Uwe Schmidts Hand zerschnitten, verfremdet und wieder neu zusammengesetzt. "'Yellow Fever' legt eine komplett andere Herangehensweise nahe als meine letzten Cover-Platten", klärt uns Uwe Schmidt auf. "Es ist Musik, für die man in Europa weniger Referenz hat. Der Witz besteht also nicht in der Spannung zwischen Original und Cover. Ich versuche hier selbständige interessante Kompositionen zu erstellen. Der Referenzgedanke ist eher für einen Japaner oder Fan interessant."

Yellow Magic Orchestra arbeiteten 1978 bis 1983 an einer Eastern-Variante von Kraftwerk. Anders als die Deutschen inszenierten sich die Japaner Ryuichi Sakamoto, Haruomi Hosono und Yukihiro Takahashi jedoch eher als Eklektiker denn als Puristen. Was es Uwe Schmidt nun ermöglicht, eine der komplexesten Referenzhöllen aller Zeiten aufzubauen: "Japanischer Pop war schon immer noch mehr Sampling-Kultur als im Rest der Welt. Im Laufe meiner Arbeit stellte sich heraus, dass sowohl YMO als auch Señor Coconut eine sehr ähnliche Referenz haben: Yellow Magic waren fasziniert vom Orchester-Sound des amerikanischen Exotica-Pioniers Martin Denny aus den späten Fünfzigern. Deshalb war ihre Musik auch schon so eine Art Coverkultur, sowohl auf der Zeit- als auch auf der Raumachse. Mit Señor Coconut beziehe ich mich ebenfalls auf eine Exotica-Idee: Bilder-Erzeugen anhand von Stereotypen, musikalische Gemälde, die irgendetwas bewirken beim Zuhörer. Das war die Originalidee von Denny, die auch von YMO aufgenommen wurde. Für mich am Ende der Zeitachse ist Denny genauso Exotiker wie Yellow Magic. YMO merkt man ja auch an, dass sie japanische Musik machen. Sie sind mir ebenso fremd wie Denny. Und ebenso fremd war Denny ihnen." Die Cover-Philosophie Uwe Schmidts lebt von Entfremdung und Neuinterpretation über Raum- und Zeitachsen. Dass seine Kunst trotzdem zum leichten Hörgenuss verleitet, bricht dem Theoriegebäude ja keinen Zacken aus der Krone. Stattdessen fördert es wohl eher die Verbreitung seines Outputs.

Nouvelle Vague: Hinter den Kulissen des Songs

Mit der Idee, Punk- und Wave-Klassiker im Bossa-Nova-Schlafrock zu servieren und die Musik von jungen Sängerinnen interpretieren zu lassen, die die Originale nicht kennen, punkteten die Franzosen Nouvelle Vague im Jahr 2004. Wer hätte gedacht, dass eine weltweite Gemeinde scharf darauf war, Lounge-Versionen von "Love Will Tear Us Apart" oder "Guns Of Brixton" zu hören? War sie aber. Deshalb gibt es mit dem Album "Bande À Part" nun sozusagen Teil zwei des Konzeptes von Olivier Libaux und Marc Collin. Den Eindruck einer Spaß-Coverband mit Witz-Patent weist Gitarrist Libaux jedoch weit von sich: "Wir sind keine Clowns. Wir folgen einer Idee. Wenn Bossa Nova heute von vielen Leuten beim Baden oder zum Aperitif gehört wird, liegt das nicht an uns. Es liegt an der Zeit, die vergangen ist. Bossa Nova war einst Rebellenmusik, genauso wie Punk. Ältere Musik verliert fast immer etwas von ihrer Schlagkraft. Bossa Nova war eine sinnliche Rebellion. Nach einer Zeit wird die Rebellion vergessen, übrig bleibt die Eleganz dieses Stils. Dafür können wir nichts. Eine Coverband wie Nouvelle Vague läuft immer Gefahr, nicht ernst genommen zu werden. Aber uns passiert das sehr selten. Die Ernsthaftigkeit unserer Idee ist in den Versionen zu hören."

Ernst ist es den Franzosen allein deshalb, weil Marc und Olivier hier die Hits ihrer Jugend aufbereiten. Die jungen Sängerinnen, die mittlerweile natürlich nicht mehr ganz so unvorbereitet ins Nouvelle-Vague-Casting schreiten wie einst, sind hingegen Teil des Entfremdungskonzeptes nach Coconut'schem Vorbild. Und dann hat Olivier noch zwei Grundregeln auf Lager, die man als Baumeister einer gelungenen Coverversion unbedingt beachten sollte: "Zum einen muss man den Zuhörer überraschen. Um das zu schaffen, kann man alle möglichen Strategien anwenden: ihn einschüchtern, zum Lachen oder Weinen bringen. Gleichzeitig muss es aber etwas geben, das weiter reicht als die Überraschung. Wenn du von einem Cover überrascht bist, hörst du dir das vielleicht zwei Mal an. Das Andere, das über die Überraschung hinausgeht, ist schwer zu benennen. Es muss einfach gute Musik sein. Gute Musik hinter den Kulissen des Songs."