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Und endlich unendlich

Selig

Selig haben nach über zwölf Jahren, nach dem Album "Blender", wieder eine Platte draußen. Weil alle Solo-Projekte scheiterten oder weil es so viel Neues zu erzählen gibt?
Geschrieben am


Eine Reunion mehr, die zu lieben bzw. zu hassen leicht fällt. Selig haben nach über zwölf Jahren, nach dem Album "Blender", wieder eine Platte draußen. Weil alle Solo-Projekte scheiterten oder weil es so viel Neues zu erzählen gibt?


Contra
"Man musste nur auf die andere Seiten gehen, damit man zu den Guten kam", eine Zeile der Schweizer Band Aeronauten. Sie stammt aus den Neunzigern und thematisiert bereits die aufkommende Verstrickung von Geil und Scheiße. Coole Indiebands landeten auf herzlosen Majorlabels, die Grenzen verschwammen - bis ein Jahrzehnt später sogar Folgendes denkbar wurde im Gulasch der Zeichen: herzlose Indieband auf coolem Majorlabel.

Eine Gewissheit besaßen die Neunziger aber noch: Selig waren ekelhaft! Zusammen mit Pissköpfen wie Nationalgalerie (allein der Name!) zementierten sie das Missverständnis der Mucker bezüglich des damals so aufregenden Hamburger Deutsch-Pop von Toco, Blumo, Sterno. Selig merkten gar nichts und kotzten ihre dorfige, testosteronige Bunkermentalität über Viva sogar in die Charts. Zum Heulen. Doch dann war der Spuk vorbei, und voller Häme - ich gestehe - verfolgte ich das Scheitern der (noch schlimmeren) Solo-Projekte. Von Kungfu, Zinoba über TempEau bis hin zu dem unerträglichen Rio-Reiser-Stümper-Film mit Jan Plewka als irgendwas. Jetzt: Reunion. Klar, wenn sonst nix mehr geht ... Die Texte haben zumindest die ganz fiesen Fickerabsonderungstiefpunkte wie "Sie hat geschrieen heut' Nacht, wie ein sterbendes Kind" zugunsten von egalerer Sprache aufgegeben. Immerhin! Die Musik: kacke wie immer, obwohl ... stimmt ja gar nicht: Die Musik war schon immer muckerperfekt, genau wie der Sound groß, aber uninspiriert. Das bleibt. Der Rest dieses Comebacks vergeht nach paar Feuilleton-Artikeln, Viva und die Charts werden es nicht mehr nehmen.
Linus Volkmann

Auf der nächsten Seite: Das "Pro" von Boris Fust.






Pro
Sie rennen seit Jahren durch die gnadenlose Gegend und trinken sich in den Nächten "Die alte Zeit zurück". Jan Plewka fragt es sich doch die ganze Zeit selbst: "All die Bands, die du gegründet hast - was wurde aus denen?" Selig haben auf "Und endlich unendlich" ein umfassendes Geständnis abgelegt. Es gibt daher nichts mehr, was man ihnen noch vorwerfen könnte.

Natürlich: Selig stehen auf du und du mit dem Quintenzirkel, haben Hornhaut an den Gitarristenfingern und wissen ihre Instrumente sehr wohl zu spielen. Das hat sie für die Indie-Turnbeutelvergesser, die seit Jahrzehnten das Loblied der Mittelmäßigkeit zusammenstümpern, immer verdächtig gemacht, weil sie sich damit dem unseligen Refrain des "Das kannst du auch!" verweigern. Mon dieu: Selig sind eine Rockband. Das durfte man in Deutschland ja noch nie sein: früher nicht, weil das ja die sogenannte "Negermusik" war; heute nicht, weil die Lagerordnung des PC-Camps (Mark E. Smith) zwar komplizierte Komposita wie "Fickerabsonderungstiefpunkte" erdenken kann, ansonsten aber kein Deutsch spricht. Das empföhle sich indes, ist Plewka doch - auch wenn die Zunahme des christlichen Vokabulars Sorge bereitet - ein Chiffren-, Katachresen- und Wörterschlangendichter von bewundernswerter Kunstfertigkeit ("Ein paar ungleiche Schwestern / Teil'n sich noch Scheine / Über den Dächern / Von Houston nach Schikago"). Seine Zeilen sind so bitter nötig, weil es tatsächlich Leute gibt, die glauben, Peter Fox' "Und dann und dann und dann"-Texte seien bereits eine Erzählung. Mob und Pöbel verstehen das natürlich nicht.
Boris Fust

Selig "Und endlich unendlich" (Vertigo / Universal)