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Lass dich drücken, Utopie

Seeed

Seeed haben sich als Liveband einen hervorragenden Ruf erspielt. Wie klingt das? Nach ziemlich angestaubtem Journalismus. Nach Western von gestern - Herman Brood wusste auf der Bühne wieder einmal voll zu überzeugen - oder so ähnlich. Wenn man den bisherigen Erfolg des Berliner Reggae-Elfers Seeed R
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Seeed haben sich als Liveband einen hervorragenden Ruf erspielt. Wie klingt das? Nach ziemlich angestaubtem Journalismus. Nach Western von gestern - Herman Brood wusste auf der Bühne wieder einmal voll zu überzeugen - oder so ähnlich. Wenn man den bisherigen Erfolg des Berliner Reggae-Elfers Seeed Revue passieren lässt - hier im Ticker: 130.000 verkaufte Alben in Deutschland, zwei Echos, in Berlin kommen zu einem Gig 7.000 Leute -, dann kann man nicht anders, als an alte Zeiten zu denken. Ob man nun dabei war oder sie sich "Almost Famous"-mäßig zurückträumt. Seeed sind wie eine Erfolgsband aus der Zeit vor Musikfernsehen, vor Computer-generiertem Radioprogramm und vor Mainstream der Minderheiten. Obwohl sie all diese Umstände deklinieren können.

Seeed scheinen einer Ära zu entspringen, bevor die Vermarktung des Lebens bis ins Kleinste zum Klassenziel einer Gesellschaft der Cleveren wurde. Vor zwei Jahren hatte ich mein erstes Interview mit ihnen. "Damals stand auf den Plakaten hinter unserem Namen noch in Klammern 'Dickes B'", erinnert sich DJ Illvibe. Der unwiderstehliche Feger, der die Roots- und Dancehall-Bigband zu Anfang berühmt machte. Doch damit allein ist ihr Erfolg nicht zu erklären. Aus Sicht der Tonträgerindustrie waren Seeed nämlich eigentlich das, was man ein schwieriges Marketingumfeld nennt. Elf Leute im Alter von 22 bis 50, nicht gerade die perfekte Pop-Identifikationsfläche. Drei Sänger geben Deutsch, Englisch und Patois im Mischmasch. Abwechselnd singen, rappen und toasten sie. "Nicht gerade die Traumvoraussetzungen für einen stromlinienförmigen Start ins Showgeschäft", so mein Fazit im Frühsommer 2001 - auch wenn meine besten Wünsche die Band begleiteten.

Dass es danach gut lief, wissen wir heute. Nur das Erklären fällt immer noch ein bisschen schwer. DJ Illvibe versucht es: "Als 'Dickes B' erschien, war Reggae eine Musikrichtung, die gerade einen gewaltigen Auftrieb erfuhr. Vor allem in Berlin. Es war der richtige Song am richtigen Platz." Zum sanften, aber definitiv existierenden Reggae-Boom in Deutschland sind mittlerweile fast alle Argumente ausgetauscht: zehn Jahre beharrliche Basisarbeit der Soundsystems, die Wählerwanderung von HipHop zu Reggae, die kontinuierlich gestiegene Qualität der Produktionen. Letztere waren schon auf Seeeds Debüt "New Dubby Conquerors" exzellent. Auf dem nun erscheinenden zweiten Album "Music Monks" wird die Qualität in jedem Fall gehalten, eher noch übertroffen. Wieder gibt es den für Seeed typischen 50:50-Mix aus Rootsigem und Dancehall. Wieder gibt es Seeed-Sprech, den vielstimmigen und -sprachigen Powergesang.

Seit fünf Jahren spielt der Elfer in derselben Besetzung. Kaum zu glauben, bei einem Projekt dieser Größe und Altersspanne fast so etwas wie eine wahr gewordene soziale Utopie in Sachen Band. Und das auch noch bei internationalen Roots, die von Deutschland über die Schweiz, von Ghana nach Guinea und Jamaika reichen. Andererseits spielen hier allein sechs alte Kumpels aus Berlin-Zehlendorf. "Uns allen ist die Band eben sehr wichtig. Jeder kennt seine Aufgabe, jeder nimmt sich auch immer wieder zurück, um das musikalische Ergebnis nicht zu gefährden. Streit gibt es bei uns so gut wie nie", so Jerome Bugnon, Posaunist und Bläser-Arrangeur. Klingt alles zu schön, um wahr zu sein? Und doch gibt es keine Hinweise auf Lug und Trug. Die Jungs meinen, was sie sagen. Seeed haben eine Mission zu erfüllen - und die heißt, die Dancehall zu kicken: "Es gibt keinen besseren Weg, gute Musik populär zu machen, als sie vorzuspielen", sagt Jerome. Eine fast provokant einfache Erklärung für den Erfolg von Seeed. Und doch seine wahrscheinlich beste Analyse.