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comeback im dreck

Screaming Trees

Die Gründe für die lange Warteperiode: Nach Abschluß einer triumphalen Tournee an der Seite von SOUL ASYLUM und den SPIN DOCTORS begaben sich die von „SST“-Darlings zu Popstars avancierten Rocker bald wieder zu "Sweet Oblivion"-Produzent Don Fleming und seinem Kollegen John Agnello ins S
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Autor: intro.de

Die Gründe für die lange Warteperiode: Nach Abschluß einer triumphalen Tournee an der Seite von SOUL ASYLUM und den SPIN DOCTORS begaben sich die von „SST“-Darlings zu Popstars avancierten Rocker bald wieder zu "Sweet Oblivion"-Produzent Don Fleming und seinem Kollegen John Agnello ins Studio. Routiniert trafen Band wie technische Leitung die Vorkehrungen im Stile des erfolgerprobten Aufnahmeverfahrens. "Wir waren aber nicht mit dem Herzen bei der Sache", erinnert sich Mark Lanegan. Den laschen Geist, der sich über den Sessions ausbreitete, erkannten die SCREAMING TREES jedoch erst, als sie feststellten, daß das Produzententeam parallel zur Arbeit mit ihnen eine andere Band betreute. "Wir beendeten sofort die Zusammenarbeit. Aber erst nach Wochen erkannten wir, welch stagnativen Job wir mit Don und John gemacht hatten", sagt Van Conner. Das weitgehend fertige Material wurde ausgemustert. "Ein neues Album sollte besser und anders klingen als alles vorherige." Neue Songs wurden komponiert. Die Mitglieder tauschten Tapes aus, so daß jeder die Idee des anderen weiterentwickeln konnte. Conner: "Durch diesen Prozeß versuchten wir, Überraschungsmomente zu provozieren, die unsere Musik kompletter und gehaltvoller machten."
Mark Lanegans Einfluß als prägender Kopf der Band steigerte sich im Laufe dieser Entwicklungsphase. Ihm gelang es, die düstere Atmosphäre seiner beiden Alleingänge "The Winding Sheet" und "Whiskey For The Holy Ghost" auch auf die SCREAMING TREES zu übertragen. Der gewohnte Riff-Rock-Charakter trat in den Hintergrund. Schwere, melancholische Songkonstrukte gewannen die Oberhand. Die Produktion gab man in die Hände des mainstreamerfahrenen George Drakoulias, der dafür garantieren sollte, daß die Kompositionen einerseits TREES-typisch klingen und trotzdem verstärkt über Arenenkompatibilität verfügen. "Im Studio experimentierten wir mit ungewohntem Instrumentarium herum wie Tablatrommeln, Sitar, einem Melophon, oder wir spielten Overdubs mit der Hammondorgel ein", erläutert Van Conner die Sessions. "Marks Gesang hatte nicht zuletzt durch seine Soloerfahrungen zusätzlich an Tiefe gewonnen." Mitunter schwingt bei Lanegan die aggressive Hoffnungslosigkeit mit, für die Jim Morrison einst vergöttert wurde. Der Albumopener "Halo Of Ashes" ist denn auch eine Reminiszenz an die DOORS. Das Charisma von Lanegans Timbre macht die zum ernsten Hard-Rock-Act metamorphosierten Grunge-Satelliten zu dem, was sie sind. Es ist der Zweifel, der aus den Versen spricht und das Feuer in den sonst konventionellen Rockschemata schürt. Ein Poet im Niemandsland zwischen Dies- und Jenseits. Lanegan hantiert mit biblischer Metaphorik und okkulten Symbolen wie weiland JOHNNY CASH im Country-Kontext.
Bassist Conner unterschätzt diese psychologische Komponente im TREES-Sound. Uninspiriert beruft er sich auf den verstaubten Geist des Rock'n’Roll, der durch die SCREAMING TREES neue Impulse erhalte. "Energie" lautet für ihn die Daseinsberechtigung der Band, und er übersieht damit, daß vollmundig verzerrter Gitarrenrock nach dem Ausverkauf der Grunge-Posse so ziemlich die alltäglichste aller zeitgemäßen Rock-Spielarten überhaupt ist. Der irrsinnig-psychopathische Charme des Frontmannes mit dem schweren Gemüt bewahrt die Band vor heiterer Rock-Behaglichkeit und davor, nur noch die goldene Ananas als bestes 90er-Substitut für Schweinerock zu gewinnen.