×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

So war’s in Berlin: Sheriff in der Stadt

Scout Niblett live

Scout Niblett-Songs verfügen über die rar gewordene Qualität, die eigene Biographie beängstigend nah an eine Welt heranzurücken, in der sich mit ein paar Black Metal-Riffs die großen existenziellen Fragen erörtern lassen. So auch beim Konzert in Berlin.
Geschrieben am
03.06.2013, Berlin, Volksbühne

Als Scout Niblett zur Zugabe wieder auf die Bühne kommt, verlangt das Publikum nach Coverversionen. Eine davon, »Uptown Top Ranking«, gilt schon seit Jahren als signifikante Umdeutung eines modernen Klassikers, die andere, TLCs »No Scrubs« erst seit Scouts aktuellem Album. Die Sängerin kommt stattdessen dem Wunsch eines besonders lautstarken Fans aus den hinteren Reihen nach und intoniert »Wolfie«, den sehnsuchtsvollen Eigenbau-Klassiker aus der eigenen Schreibe. Auch das macht Sinn.

Bei den knapp dreihundert Konzertbesuchern handelt es sich mitnichten um Laufkundschaft, sondern um eingefleischte Unterstützer der ersten Stunde, die Niblett ohne weiteres in die Champions League von Smog, Will Oldham, Mountain Goats und Sparklehorse einreihen würden. Scout Nibletts aktuelles Album »It’s Up To Emma« rechtfertigt diese Einschätzung unbedingt, und deshalb kommt die Platte an diesem lauen Berliner Abend auch fast komplett zur Aufführung. Neben der Sängerin in ihrem gewohnt aufreizenden Calamity Jane-Dress stehen ein ziemlich virtuoser Gitarrist und ein beseelter Drummer auf der Bühne, die die Dynamik der minimalistischen Songs frühzeitig auf ihre DNA tätowiert haben. Im Vorprogramm konnte man noch die Isländerin Ólöf Arnalds bestaunen, die eine Brücke zwischen ultracharmanter Live-Präsenz und bestrickend intimen Kindergeburtstags-Songs findet.

Für die Hauptveranstaltung wird aber das große Besteck aufgefahren. Die Berliner Volksbühne eignet sich vortrefflich für Darbietungen, die einem genießerischen Publikum samtige Sitze unter den Hintern zaubert, um Ohnmachten und Schüttelkrämpfe zu verhindern. Das ist keine Koketterie, denn Scout Nibletts Mission hat wenig mit Klangtapete und nahezu alles mit einvernehmlicher Hüllenlosigkeit zu tun. Ihr neues Album klingt wie ein militanter Marsch durch das Niemandsland bankrotter Beziehungen, wobei die Sängerin selber ausgesprochen souverän wirkt, wenn nicht sogar gut gelaunt. »Any Questions?« fragt sie nach den ersten fünf Stücken, gerade als das Publikum nach allen Regeln der Kunst geplättet ist. Scout Niblett-Songs verfügen über die rar gewordene Qualität, die eigene Biographie beängstigend nah an eine Welt heranzurücken, in der sich mit ein paar Black Metal-Riffs die großen existenziellen Fragen erörtern lassen. Die Sängerin selbst nimmt in dieser Welt die Rolle eines strengen Sheriffs ein, der mit rauchenden Colts über der Leiche des Desperados steht und großzügig das Kopfgeld verteilt. Zu diesem Zeitpunkt ist die Beleuchtung längst auf ein Minimum zurückgefahren, ein bloßer Schatten unter dem weiten Firmament der sozialistischen Theaterkulisse, der Spielraum lässt für gute und schlechte Träume. »Kiss« und »Hot To Death« heißen die beiden Songs, die abseits des neuen Albums Nibletts schummrige Landschaften erleuchten, über die nach einer guten Stunde der Vorhang fällt. Als die Sängerin danach noch einmal kurz für »Wolfie« auf die Bühne kommt, schimpft sie ein bisschen mit ihrem Publikum. Nicht einmal ihre Zigarette habe sie aufrauchen können: »You fuckers!«