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Doll in the Box

Scissor Sisters / Horse Meat Disco

Scissor Sisters, diese bezaubernde vierköpfige Popgruppe aus New York mit hohem Ritalinfaktor, legt endlich ihr drittes Album auf. „Night Work“ ist es betitelt, was auch gut zum intensiven zweiten Mix aus dem Hause „Horse Meat Disco“ gepasst hätte.
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Scissor Sisters, diese bezaubernde vierköpfige Popgruppe aus New York mit hohem Ritalinfaktor, legt endlich ihr drittes Album auf. „Night Work“ ist es betitelt, was auch gut zum intensiven zweiten Mix aus dem Hause „Horse Meat Disco“ gepasst hätte. Kein Geringerer als Justus Köhncke hat sich für Intro nach London aufgemacht, um die Front-Sister Jake Shears und die Horse-Meat-Bärchen zu treffen.
 
Ein neuer Job: Popstar
 
Beginnen wir von vorne: Die Scissor Sisters materialisierten sich im New York der frühen Nullerjahre. Nach dem 11. September war die Stadt „wie ausgetrocknet“, beschreibt Jake Shears die Ausgangssituation für die Bandwerdung. Er, damals Klatschjournalist für das Paper Magazine, brauchte nach 9/11 dringend einen neuen Job. Also bastelte er mit seinem Busen- und Bärenfreund Scott „Babydaddy“ Hoffman in dessen Küche an Musik. Ziemlich erfolgreich, denn schnell präsentierten sie bei einer Cabaret-Nacht im Slipper Room in der Lower East Side ihre Ergebnisse zum ersten Mal live, darunter bereits viele ungeschliffene Diamanten, die es 2004 auf das Debütalbum schaffen sollten. Gastgeberin des Abends war Ana Matronic – mit ihr als Ko-Frontfigur plus Gitarrist Derek „Del Marquis“ Gruen war die Band kurz darauf komplett erschaffen.
 
FDP in gut
 
Die Scissor Sisters verhalten sich zur Welt und zu New York wie Rosenstolz zu Deutschland und Berlin. Rosenstolz funktionieren nach einem ähnlichen Prinzip: aus einem Kleinkunst-Universum qua Schufterei ins Rampenlicht. Das sind schöne, wirkliche Wurzeln, nicht so netzgetriebene Strohfeuer. Idee und Basisarbeit, ein gerüttelt Maß Schicksal plus ganz viel Ehrgeiz. Sozusagen FDP in gut.
Eine Statistik hat ergeben, dass jeder zweite Brite ein Album besitzt. Und England ist auch der stärkste Markt der Scissor Sisters. Der Weg dorthin war schnell zurückgelegt. 2002 erschien auf dem damals ultrahippen House-Label A Touch Of Class ihr entwaffnendes Pink-Floyd-Cover „Comfortably Numb“. Im Original ein langsamer Filler-Track des generell ultra-unhippen „Wall“-Albums, interpretierten ihn die Scissor Sisters als hysterische Synthpop-Disco-Explosion plus Bee-Gees-Falsetto. Die Maxi detonierte per vehementer Eigenpromo Jakes („Ich wollte unbedingt eine Karriere, weißt du?“) im gleichen Jahr auf dem Sonar in Barcelona. Nachdem u. a. DJs wie Tiga oder Ellen Allien das persönlich überreichte „Comfortably Numb“-Vinyl schwer abgefeiert hatten, war Jake bei der alljährlichen das Festival abschließenden Strandparty im siebten MDMA-Himmel und „fühlte etwas Großes kommen“.



Zu Recht: Universal signte die Band – das selbst produzierte Debütalbum spannte ein Popuniversum und verließ den Clubkontext souverän in Richtung universell/zeitloser Popmusik. Wer sonst bitte schön hat etwas derart Ausgereiftes wie die Monster-Ballade „Mary“ auf seinem Debüt? Auch ich war beeindruckt.
Das Album hatte veritable Hitsingles und – gerade in der Zeit der sterbenden Popvideokultur – schöne und aufsehenerregende Clips. So ist „Mary“ im zugehörigen Clip eine Callcenter-Schindmähre mit Märchenprinz-Tagträumen in Disney-Zeichentrick. Alles, was das schlicht-campe Herz begehrt.
Jake Shears zeigt mir auf mein „Mary“-Lob hin freudig ein farbenfrohes Tattoo auf seinem Unterarm. Frakturschrift mit viel Ornament und ziemlich groß: „M.A.R.Y.“. Ich bin bewegt und kann Bunt auf Haut sehen, wie stolz er auf seine Komposition ist. Stolz auf so eine angenehm unprätentiöse Art. Dazu die passende Schlussepisode unseres Treffens: Als wir nach dem offiziellen Teil des Gesprächs, das am helllichten Tage in der düsteren Basement-Bar-Disco eines Londoner Designerhotels stattgefunden hat, vor das Hotel treten, um eine Marlboro zu rauchen, fahren fünf identische, gigantische, pechschwarze Highend-Nightliner vor. Ich so: „But you’re not playing, are you?“ – „No, that’s the Black Eyed Peas arriving“, gibt er lapidar zur Antwort.

Auf der nächsten Seite: "Dance me till the end of Panoramabar "


Dance Me Till The End Of Panorama Bar
 
Vergleiche mit Elton John sind übrigens nicht nur berechtigt, sondern auch gerne gesehen. Folgerichtig schrieb er den Scissor Sisters den 2006er-Superhit „I Don’t Feel Like Dancing“ und boogiete ihn auch selbst am Piano für sie. Dieser fand sich auf dem zweiten Erfolgsalbum „Ta-Daah!“, das leider keinen weiteren Superhit beherbergte.

Danach kam die berühmte Dritte-Platte-Krise. Einige neue Songs wurden produziert, da diese, wie Jake sympathisch-schonungslos berichtet, zwar funktional, aber richtungslos waren, gönnte sich die Band ein paar Monate Trennung: „Ich musste mich entscheiden, ob wir eine Platte herausbringen, die wir irgendwie mögen und die den Job macht, aber mittelmäßig ist, von der ich aber auch wusste, das mit ihr alles erledigt sein würde ...“

Also Auszeit statt Kapitulation. Umdenken statt alter Routine. Jake glaubte noch immer an die Karriere. „Die ersten beiden Alben hatten wir komplett selbst produziert, da weißt du schnell nicht mehr, was gut ist und was nicht, weil du so tief drinsteckst. Wir hatten uns wirklich verlaufen und brauchten einen Produzenten. Die Frage war, wen?“

Man entschied sich zunächst für Berlin als Produzentin. Und siehe da: Neil Tennant – Pet Shop Boy und Freund der Band – weilte dort in seiner kurz zuvor erworbenen Berghain-kompatiblen Bleibe. Nach gemeinsamer intensiver Inspektion des Berliner Nachtlebens kam Jake, angeregt durch einen ihm bis dato unbekannten Patrick-Cowley-Track, der in der Panorama Bar aufgelegt wurde, auf folgende aberwitzige Grundidee für das neue Album: Wie wäre die Geschichte ohne 80er-Aids-Keule weitergeschrieben worden? Was wäre passiert, wenn Patrick Cowley, Klaus Nomi, Sylvester, Dan Hartman und all diese plötzlich wie die Fliegen sterbenden Priester der Glückseligkeit hätten weitererzählen dürfen? Euphorisiert beschloss Jake Shears, das neue Album solle kompromisslos balladenfrei sein und die Nacht und den Club an sich ohne das versierte Genre-Hopping der beiden Vorgänger verherrlichen. Neil riet Jake zu Stuart Price als Produzenten – dem Hansdampf, auch bekannt als Les Rythmes Digitales und Kopf der Popband Zoot Woman, der von Madonna bis The Killers alles rettet, was in der Oberliga ein Discofahrgestell braucht. Gekauft. Das zuvor aufgenommene Material wanderte in die Schublade. Und so giorgiomorodert, cowleyt, imaginationt, italodiscot „Night Work“, dass die Bude kracht.

Natürlich sei das die „persönlichste“ Platte, die sie je gemacht hätten, bilanziert Shears. Aber diese Trivialität ist schon okay, erzählt er doch auch nonchalant befreiend vom künstlerischen Bankrott vor dem Berlinbesuch, von seiner mangelnden Lust auf ein weiteres supervielseitiges Popkabinett von Platte zugunsten einer klaren Disco-Ansage. So was mag ich natürlich sehr, sehr gerne.



Auf der nächsten Seite: "Let There Be: Horse Meat Disco"

 
Let There Be: Horse Meat Disco
 
Wir schreiben den Neujahrssonntag des Jahres 2004. Ein Antikdisco-affines junges Südlondoner Bärchen-DJ-Team startet, inspiriert von DJ Harvey, im Londoner Vauxhall-Viertel seinen Teadance namens „Horse Meat Disco“. Seit diesem Tag ist sonntags Gottesdienst im Eagle, einer altehrwürdigen Pub-Bar mit Mini-Dancefloor, Snooker-Tisch und Gärtchen.

Rückblickend kann man attestieren: Ein Dreamteam war geboren. Und eine Alternative zu Großraumdisco-Handbag-House für Fitnesscenter-Clone-Homos zugunsten freier, im Hinterhöfchen selbst gebratene Hamburger verzehrender Menschen ohne Geschlechts-, Alters-, Gewichts-, Brillen- oder Behaarungs-Barrieren. Hier konnte man sich ohne Nostalgie und Genregrenzen austoben, hier kann ich bis heute immer wieder gerne „Is It All Over My Face“ von Arthur Russell / Loose Joints anhören.

Jim Stanton, James Hilliard, Filthy Luka und last but not least Severino Panzetta sind die Schöpfer dieses Möglichkeitsraumes. Sie sind Horse Meat Disco. Im Laufe der Jahre bauten sie die eher familiäre Veranstaltung zu einer Marke aus, die sie inzwischen ständig und weltweit vertreten, mit einer monatlichen Residency im Berliner Tape Club genauso wie auf dem Urrockfestival Glastonbury, wo sie mal eben die legendäre New Yorker Paradise Garage nachbauen ließen und sich mit ihrer Entourage entsprechend darin aufführten. Und auch auf Tonträgern.
 
It’s Alright, Put Yourself In My Place
 
Dieser Tage erscheint bereits die zweite, wiederum hervorragende Mix-CD des Quartetts. Eröffnet/umrahmt wird dieser sexy Retro-Disco-Trip mit der euphorischen, gesangslastigen Seite von Antik-Underground-Disco: Hymnen auf die Unverwundbarkeit und Stärke der eigenen Person, vorgetragen von leidgeprüften Diven, die zum unwiderstehlichen Discobeat von ihrer hart erkämpften Neuerfindung berichten. Oder auch von ihrer Notgeilheit. Kurzum, das ewige musikalische Leibgericht des Homosexuellen. Der einzige unsterbliche Welthit dieser Bauart, „I Will Survive“, ist selbstredend nicht vertreten – hier sind die vergessenen Perlen anzutreffen: Stephanie Mills beispielsweise mit einer unfassbaren, sehr freien Disco-Adaption von 10ccs „I’m Not In Love“. Überhaupt: alles mir unbekannte Superfundstücke – und weniger das immer geschmäcklerischere Obskuritätenkabinett aus der Metro-Area-Abteilung oder das Space-Disco-Gedudel, bei dem mir gerne die Jazzrock-Hippie-Alarmlampen angehen angesichts ausufernder Bongo- oder Querflöten-Soli.
Ebenso exquisit die Auswahl der Gast-DJs im Rahmen der „Horse Meat Disco“-Nächte. Die Crème de la Crème du Disco Nouveau gibt sich bei ihnen die Ehre: Prins Thomas, Juan McLean, James Murphy (LCD Soundsystem), Todd Terrje, Maurice Fulton, Daniel Wang, Faze Action, Lady Miss Kier to name but a few ... Und, ähem, auch ich durfte schon im April 2007 ran – was mir eine große Ehre war. Geradezu unvergesslich. Eine entspannt-ekstatische Mischung vom jungen, bärtigen Londoner Medienhomo über ansehnliche Frauengestalten, sei es „gestaltet“ oder real, bis hin zum ergrauten, Snooker spielenden Senior, der sich an der neuen Bevölkerung seiner Spielothek ganz und gar nicht zu stören schien, fiel ein. Sogar Neo-Newromantics sichtete ich dort.

Princess Julia, die immer noch aktive Blitz-Club-Legende, ist dort vor und hinter den Decks ebenso anzutreffen wie Stammgast Wolfgang Tillmans. Sie alle auf der Suche nach besonderen Momenten wie diesem: Bei einem meiner Vauxhall-Besuche hatte ich das Glück, Spacedisco-Original Daniel Baldelli (auch schon in den fortgeschrittenen 50ern) zu hören: einen extrem breit gestreuten, hochmusikalischen, hochkonzentrierten Trip mit sehr viel mehr New-Wave-Anteil als gedacht. Lehrstück. Ich tanzte durch und steckte zwischendurch fremden Männern die Zunge in den Hals. Denn: Küssen ist ja das neue Ficken. Mit der richtigen Musik dabei oder, viel besser: Stille.