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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Wo juckt es diesmal?

Scissor Sisters

Aus der Lederbar ins Familienfernsehen: Die Scissor Sisters aus New York haben allein in England eine Million CDs an den Mann gebracht, sind nonstop um die Welt getingelt und haben nebenbei noch Songs für Kylie Minogue und Roxy Music geschrieben. Mittlerweile sind ihre Hits derart kanonisiert, dass
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Aus der Lederbar ins Familienfernsehen: Die Scissor Sisters aus New York haben allein in England eine Million CDs an den Mann gebracht, sind nonstop um die Welt getingelt und haben nebenbei noch Songs für Kylie Minogue und Roxy Music geschrieben. Mittlerweile sind ihre Hits derart kanonisiert, dass es sie sogar in Notenform zu kaufen gibt, für minderjährige Klavierschüler, zum Nachspielen. Was soll da noch kommen?

“Es passiert häufig, dass Leute mir, wenn sie mich zum ersten Mal treffen, sagen: ‘Oh, ich hatte keine Ahnung, dass du so klein bist!’ Ich nehme das als Kompliment. Schließlich bedeutet es, dass ich auf der Bühne größer wirke, als ich tatsächlich bin!” Jake Shears, der blondierte Frontmann der Scissor Sisters, lümmelt sich in Batikhemd und Lederschläppchen auf dem Sofa eines Hotelzimmers in Barcelona – eines Designhotels, wohlgemerkt – und grinst schelmisch. Dass Körpergröße im Pop-Business nicht unbedingt die Erfolgschancen oder Starqualität bestimmt, braucht man ihm nicht mehr zu erzählen. Nach Prince, Madonna, Kylie Minogue und irgendwie auch Jimmy Somerville ist er das beste Beispiel dafür.

Als Jake und sein guter Kumpel Babydaddy sich vor etwas mehr als drei Jahren mit drei aus der New Yorker Electroclash- und Cabaret-Szene rekrutierten Mitstreitern zusammentaten, um fortan nicht mehr nur als Duo aufzutreten, schien die Welt nicht unbedingt reif für einen Haufen aufgetakelter Glam-Wiedergänger, die eine lesbische Sexpraktik für einen guten Bandnamen halten, ihr zusammengerechnet 60-prozentig gleichgeschlechtlich orientiertes Verlangen mehr oder weniger exaltiert nach außen tragen und dazu noch wie Actionfiguren heißen: Ana Matronic, Paddy Boom, Del Marquis.

Erfolg hatten sie trotzdem, wenn auch zunächst über verschlungene Wege: Ihr erster Hit “Comportably Numb”, diese auf Disco-Karikatur getunete Pink-Floyd-Coverversion, sickerte von der B2-Position einer vom New Yorker Label A Touch Of Class aufgelegten DJ-12-Inch allmählich in europäische Radio-Playlists und Charts. Seitdem sind Jake Shears und Babydaddy nicht mehr darauf angewiesen, nebenher noch Soundtracks für Pornofilme zu produzieren. Sie tourten mit ihrem Debütalbum und den Hits “Laura” und “Take Your Mama Out” eineinhalb Jahre lang um die Welt und mussten sich dabei auf zunehmend größeren Bühnen zurechtfinden. Zum Beispiel auch bei Live 8 vor 200.000 Zuschauern. “Als wir nach den ganzen Reisen zurück nach New York kamen, fühlte ich mich erst mal wie auf Entzug”, erzählt Jake Shears. “Mein Körper produzierte weiter massenhaft Adrenalin, obwohl ich gar nicht mehr jeden Abend auf die Bühne musste. Ich bin fast durchgedreht!”Bei all ihrer Neigung zur großen Showgeste und zum Plündern im Kostümfundus: Der Charme der Scissor Sisters war, dass man es hier scheinbar mit einer Band zu tun hatte, die sich selbst gar nicht ernsthaft als Hit kalkuliert hatte. Und man dabei zusehen konnte, wie sie – während sich ihre Heimat völlig unbeeindruckt von ihnen zeigte – in Europa immer weiter in einen Spagat zwischen ihrer Ur-Anhängerschaft und der neuen “Top Of The Pops”-Masse fiel. So routiniert zwischen den Lagern getanzt hatten zuletzt höchstens Village People. “Es ist doch cool, irgendwie noch immer Underground zu sein und gleichzeitig im Frühstücksfernsehen aufzutreten”, meint Jake Shears.

Mit dem zweiten Scissor-Sisters-Album “Ta-Dah!” ändert sich das allerdings: Weil die Band mittlerweile so gefragt ist, dass sie zur Bewerbung des Werks nicht mehr wie früher durch alle möglichen Städte tingeln muss, hat ihre englische Plattenfirma Journalisten aus ganz Europa in zuvor bereits erwähntes Designhotel in Barcelona geladen und ein Promo-Pauschalpaket aus Interviews, Listening-Sessions sowie einem Überraschungsauftritt der Band beim Sonar-Festival geschnürt. Eine Vorab-CD des Albums, zur Vertiefung der Eindrücke, gibt es aus Angst vor Filesharing-Schäden natürlich nicht.

Was von der Listening-Session und dem Gig also hängen bleibt, ist, dass die Scissor Sisters auf “Ta-Dah!” ihre eigene Vermainstreamung vorantreiben. Das erstaunlich überraschungsfreie Album, das wieder von Babydaddy im Alleingang zusammengemischt wurde, plündert sich noch schamloser durchs Arsenal verdaulicher Gute-Laune- und Greatest-Hits-Musiken als das Debüt: Wahwah-Gitarren, Middle-of-the-Road-Rock, ein wenig Glam natürlich, Honkytonk, Disco-Boogie, sogar Sitars. Recht offensichtliche Anleihen bei Evergreens wie “Maniac” oder “I Was Made For Loving You” noch obendrauf. Während Jake Shears den Prozess des Songschreibens für das Debütalbum in einem Interview seinerzeit noch mit Juckreiz verglich – es juckt, man kratzt, fertig ist der Hit –, verhielt es sich bei “Ta-Dah!” schon komplizierter: “Es hat zwar immer noch gejuckt, manchmal war es dann allerdings ziemlich schwierig, herauszufinden, wo man kratzen muss”, erklärt Jake.

Auf dem Album hört man nun wieder enorm viel Bee-Gees-Gequieke. Besonders bei der ersten Single “I Don’t Feel Like Dancin’”, einem Disco-Knüller mit Schunkel-Piano, das – so heißt es – von keinem Geringeren als Elton John eingespielt wurde. Warum der bei dem Song dann nicht auch gleich noch mitsingt? “Ich will doch nicht Elton Johns Stimme auf meiner Platte haben!” lacht Jake. “Ich mag seine Stimme zwar sehr, aber das ist ein Scissor-Sisters-Song, und ein Scissor-Sisters-Album!”

Mit Abstand am stärksten beeindruckt auf “Ta-Dah!” wohl der Einsatz von Babydaddys neuestem Spielzeug, der “Flying B”. Man muss sie sich als Kreuzung der legendären “Flying V” mit einem – doch, tatsächlich! – Banjo vorstellen. Es lässt sich allerdings auch nicht leugnen, dass diese Hochrüstung Hand in Hand mit einer inhaltlichen Entschärfung geht: Auf “Ta-Dah!” gibt es keine Songs mehr über Crystal Meth, keine über “Tits On The Radio” und auch keine mehr über Sauftouren mit Muttern. Die Scissor Sisters degradieren sich zum garantiert jugendfreien Tingeltangel-Pop, der sich wirklich absolut bedenkenfrei im Familienfernsehen platzieren ließe. Dabei könnte die Frage natürlich auch lauten: Wer bedauert das überhaupt noch? Diejenigen, die diese Verseichung schade finden könnten, haben sich inzwischen längst andere Lieblungsbands gesucht – The Gossip vielleicht, oder Grizzly Bear, oder irgendeine andere Indie-Combo, die wieder mehr Distinktion verspricht und das Infiltrieren der Popmaschine mit queerem Gedankengut wesentlich klischeefreier hinbekommt.

So verhält es sich mit “Ta-Dah!” in etwa so, wie es sich dem Hörensagen nach auch mit Jake Shears’ und Babydaddys Vorfreude auf angenehme Zerstreuung verhielt, als sie ihren Arbeitsaufenthalt in Barcelona mit etwas Clubbing verbinden wollten: Zusammen mit einer Clique von Berliner Freunden hätten sich die beiden – so hörte man nach dem Sonar – auf die Suche nach einem Laden namens Bear Factory begeben. Von dessen sagenhaft bärtigem und brummigem Publikum hatten sie in New York schon viel gehört. Allerdings brauchte es dann nicht nur mehrere Nächte Anlauf, bis sie das Fetisch-Etablissement endlich aufgespürt hatten. Als sie drinnen standen, stellte sich auch gleich – nun ja – eben Ernüchterung ein.