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Interview mit den Beatsteaks zum Album "Beatsteaks"

Im Bad mit den Beatsteaks

Nach langer Zwangspause, ausgelöst durch eine schwere Verletzung ihres Drummers, wollten die Beatsteaks eigentlich nur ein paar Demos aufnehmen und hatten plötzlich ein Album fertig. Sie nannten es schlichweg: »Beatsteaks«. Daniel Koch traf die Band beim feuchtfröhlichen Shooting für unsere Titelgeschichte und ließ sich erklären, wie das passieren konnte.
Geschrieben am
Das Mariendorfer Kombibad morgens um halb neun. Ein grauer, kühler Sommertag in Berlin. Die Rentnerin im rosafarbenen Bademantel schuffelt zielstrebig in den Freibadbereich. Das Schwimmbadpersonal plaudert am Kassenhäuschen, trinkt Kaffee aus Pappbechern. Dann knattert ein Motorrad über den Parkplatz, kommt vor der Eingangstür zum Stehen. Thomas Götz, Drummer der Beatsteaks, steigt ab. Kurz darauf fährt ein Kleinwagen mit Bassist Torsten Scholz und Rhythmus-Gitarrist Peter Baumann vor. Sänger Arnim Teutoburg-Weiß und das Management stoßen dazu. Fehlt noch Lead-Gitarrist Bernd Kurtzke. Man steht in der Runde, begrüßt sich, redet eine Menge Blödsinn, wirf sich verdrehte Sprichwörter zu – auf der Suche nach der »perfekten« Überschrift für die Titelseite dieser Ausgabe. Torsten »Totze« Scholz schlägt vor: »Schlechte Menschen haben auch gute Lieder.« Peter Baumann plädiert für »Wat mutt, dat mutt«. Zehn Minuten später steht plötzlich Kurtzke da. In Badehose. In der Tür zum Schwimmbad. »Jungs, wo bleibt denn ihr? Halb neun, ey!«
Es ist ein ungewöhnlicher Ortstermin für Intro und die Beatsteaks. Man ist verabredet zum Fotoshooting. Der Plan: Die Beatsteaks gehen baden, wir fotografieren das Ganze vom Drei-Meter-Brett. Die Beatsteaks haben ihren Spaß. Trotz der frühen Uhrzeit. Erst lassen sie sich im Synchronschwimmen dirigieren, während unser Fotograf mit einer sehr teuren Kamera auf dem wackeligen Drei-Meter-Brett kniet. Dann freuen sie sich darüber, dass seine Assistentin um halb zehn einen Teller Knoppers präsentiert. Später beschießt Thomas Götz für die Einzelporträts jedes Bandmitglied mit einer Wasserpistole.

Es ist eine lockere, ansteckende Stimmung. Man fühlt sich gleich wohl in ihrer Runde. Eine Tatsache, die oft erwähnt wird, wenn über die Beatsteaks geschrieben wird. Seltsamerweise wird ihnen das manchmal sogar negativ ausgelegt. Als sei dieses warmherzige Kumpeln aufgesetzt, eine für die Presse aufgesetzte Masche, ihre Verlängerung jenes Gefühls, das Beatsteaks-Konzerte bei ihren Fans auslösen. Aber es braucht nur ein paar Minuten, in einer Situation, in der das Aufnahmegerät noch nicht läuft, und man spürt, was für ein missgünstiger Quatsch das ist. Die fünf sind einfach ein sehr gut eingespieltes, sympathisches Team, das sich auf seine Gesprächspartner einlässt – und auf die bisweilen seltsamen Situationen, die der Beruf Rockmusiker manchmal parat hat. Dazu gehört eben auch mal ein morgendlicher Schwimmbadbesuch an einem Freitag, den 13.

Sie scheinen froh, dass es endlich weitergeht mit einem neuen, richtigen Album. Nachdem ihr sechstes Studioalbum »Boombox« Anfang 2011 auf Platz eins ging und sie anschließend Deutschland, Österreich und die Schweiz gleich mehrfach betourten, wurden sie im August 2012 zu einer langen Pause gezwungen: Drummer Thomas Götz hatte einen schweren Unfall erlitten. Er lag mit Schädelbruch auf der Intensivstation und wurde erst nach langer Reha wieder fit. »Es war ziemlich knapp, kurz vor dem Totalschaden«, hieß es damals aus den Reihen der Band. Auf dem neuen Album, schlicht »Beatsteaks« betitelt, hört man davon genau: gar nix. Eher im Gegenteil: Die elf Songs in knapp 35 Minuten klingen, als ginge es den Beatsteaks gut wie nie.
Das Interview findet schließlich vor dem Schwimmbadrestaurant Poseidon statt. Alle sind wieder trocken, fachsimpeln über das WM-Eröffnungsspiel, dissen den Schiedsrichter und Béla Réthy, feiern den Anti-WM-Song von Deichkind. Bis Arnim die Ansage in Richtung der Kollegen macht: »Los jetze, drei Fragen, ein Elfer!« Nicht dass der Mann Hektik verbreiten will, aber es ist das erste Gespräch zu ihrem neuen Album, da redet man noch gern drüber.

Thomas, bei dir muss ich anfangen. In fast allen neuen Stücken ist das Schlagzeug sehr präsent. War es so, dass du durch die Geschehnisse der letzten Jahre eine besondere Motivation gespürt hast?
Thomas: Nein. Die Zeit, in der wir das Album aufgenommen haben, hat einfach so einen Spaß gemacht. Es war nicht so, dass ich die Treppe runtergefallen bin, mich wieder aufgerappelt und durch das Schlagzeugspielen zurück ins Leben gefunden habe. Wir hatten zu fünft eine super Zeit. Der Aufnahmeraum klang fantastisch. Die Gruppendynamik war perfekt. Da kam alles zusammen. Wie sagt man? Eins a Ambiente. Das hört man sicher raus.

Hat es euch manchmal Angst gemacht, dass das Album, die Tour und alles, was da kommt, funktionieren, knallen, aber auch ganz schnöde, aus einem wirtschaftlichen Blickwinkel betrachtet, »performen« muss? Immerhin war die Pause für eure Verhältnisse recht lang.
Bernd: Ich glaube schon, dass sich der eine oder andere Gedanken gemacht hat, wie es weitergeht. Aber das war nicht ausschlaggebend, dass wir jetzt hier mit einem neuen Album sitzen. Unser Plan war ein anderer: Wir wollten in diesem Jahr das Album eigentlich nur schreiben – doch dann waren wir plötzlich fertig.
Gab es dann einen Anruf beim Label: »Warner, uns ist da so ein Album passiert«?
Arnim: Wir haben es erst keinem erzählt. Nur unser Management wusste Bescheid. Wir haben uns das dann genau überlegt, wie es weitergeht, weil wir bestimmte Stressmomente diesmal vermeiden wollten. Zu früh das Maul aufreißen ist ganz schlecht.
Torsten: Ich kann mich erinnern, dass wir zwei Tage vor Abschluss der Aufnahmen ungläubig vor dem Studio standen und einer sagte: »Das ist es jetzt doch fast? Oder sehe ich das falsch? Aber kann das sein?« Man wollte nicht so recht dran glauben. Und dann liefen die Gesangsaufnahmen genauso rund.
A: Man sagt immer, Platten sind Momentaufnahmen einer Band. Aber das waren die letzten beiden eben nicht. Die haben wir über ein Jahr lang eingespielt. Aber diesmal fühlte es sich wirklich an wie ein Schnappschuss: Das sind die Beatsteaks im letzten Dezember, als sie elf Songs einspielten. Seitdem sind wir da auch fast raus. Ich beschäftige mich schon wieder mit B-Seiten und neuen Demos. Ich denke, das ist ein gutes Zeichen, dass die Band zufrieden ist und immer noch eine sehr gesunde Dynamik hat.
Bei den Gesangs-Sessions spielte Walter Schreifels diesmal eine wichtige Rolle, hieß es im Vorfeld. Welche denn?
A: Wir hatten beschlossen, ein Element von außen auf unsere Texte schauen zu lassen, bevor wir sie aufnehmen. Die waren oft das Blei bei unseren vorherigen Produktionen. Wir hadern lange mit den Lyrics und wissen manchmal nicht, wie wir sie organischer, glatter bekommen. Deshalb wollten wir einen Sänger dabeihaben, der Englisch als Muttersprache und damit diese intuitive Sicherheit hat, die man sich schwer anlernen kann. Wir kennen und mögen Walter, deshalb haben wir ihn gefragt. Er hat das sehr gut gemacht, obwohl es ein schwieriges Feld ist. Das waren für mich richtige Glücksmomente, jemanden zu haben, der dir mal sagt: »That’s an awesome lyric. You should keep that.« Oder auch mal das Gegenteil: »I don’t understand it, we have to work on this.« Da gehen dann plötzlich Türen auf. Er war auch darüber hinaus stark involviert. Bei den Aufnahmen der Vocals saß er neben unserem Produzenten Moses Schneider.

Es gibt auf »Beatsteaks« einige Stellen, wo ich das rauszuhören glaube. Gleich in den ersten Sekunden zum Beispiel. Da singst du ein herzliches »good morning!«, atmest hörbar durch, und ab geht’s. Das wirkt, als käme der Entertainer, der du auf der Bühne bist, jetzt auch auf der Platte rüber, ohne dass es aufgesetzt wirkt.
A: Das sind Momente, die Moses immer sehr gut einfängt. Ob es das geile Geräusch von dem Song ist oder dieses »good morning«, das anfangs nur als Witz gedacht war, weil wir einen Tag zuvor »I Never Was« eingesungen hatten, das ja mit »good night« endet. Da wir tatsächlich am nächsten Morgen den Opener »A Real Paradise« aufnahmen, habe ich das so rausgehauen. Und Moses meinte: »Jepp, das ist es. Keep it!«
Wie kam es, dass ihr für den Mix der Songs gleich drei international geschätzte und sicherlich nicht günstige Produzenten verpflichtet habt?
Peter: Für die Produktion haben wir kaum Geld verpulvert. Also dachten wir, wir gönnen uns mal was, greifen für den Mix in eine höhere Schublade und schauen, was passiert. Also fragten wir bei Joe Barresi, Nick Launay und Stephen Street an.
Mal ganz blöd gefragt: Haben die euch auf dem Schirm?
P: Nick Launay mussten wir nichts erklären, mit dem haben wir schon bei »Boombox« zusammen gearbeitet. Stephen Street hat sich über uns informiert – sein Manager hatte uns mal im Koko in London live gesehen und meinte zu ihm: »Musst du machen!« Bei Joe Barresi war es anfangs eine normale Auftragsarbeit. Aber ihm hat die Arbeit mit uns richtig gut gefallen, das hat man schon gemerkt. Er hat sich immer sehr auf unsere Skype-Sessions gefreut und mehrfach betont ....
A: ... dass er für uns gerade Soundgarden verschiebe.

Ich könnte euch jetzt recht schlüssig unterstellen, ihr schaut damit zum ersten Mal bewusst auf den internationalen Markt. Gibt’s da einen Masterplan, »international zu breaken«, wie man so schön schrecklich sagt?
B: Ach, dieses »internationale Breaken« habe ich jetzt so oft gehört, dass ich es ein wenig satthabe.
A: Und Peter ist zufrieden, wenn wir fünf Mal am Stück in Cottbus spielen. Aber im Ernst: Wir können eigentlich nur Konzerte im Ausland spielen. Österreich, Deutschland, Schweiz sind immer schnell abgetourt, deshalb schauen wir immer mal in andere Länder. Aber dieses internationale Ding – das kann man nicht planen. Kann passieren, dass uns jemand live sieht und uns pickt für ein Release dort, aber sonst ...
P: Ein großer Masterplan mit Worten wie »breaken« – das würde ad absurdum führen, warum wir in der Band sind.
B: Wir spielen in London schon jetzt vor 1.000 Leuten. Das ist ein beachtlicher Erfolg. Wir können überall spielen. Wir spielen in Finnland, in Schweden. Das sind dann keine Schmeling-Hallen, aber kleine, oft ausverkaufte Clubs. So soll es sein.

Ich bin froh, dass ich das allererste Interview zum Album führen darf: Gibt ja so ein paar Fragen, die muss man stellen. Und am Ende werdet ihr sie nicht mehr hören können: Also, warum heißt euer Album »Beatsteaks«? Da wird doch jeder Zweite schreiben: »Ja, nee, is klar – die Band hat endlich zu sich gefunden.«
A [zeigt auf Peter]: Genau so hat er’s vorausgesagt!
War es denn so? Oder waren alle Vorschläge Mist, das Ding sollte »Bong Rock« oder sonst wie heißen, und am Ende hattet ihr die Schnauze voll und habt es »Beatsteaks« getauft?
T: Es gab Titel wie »Bongo Rock«. Die waren halt nicht so geil. Deshalb: keine Ablenkungen. Obwohl, wo du es jetzt sagst: »Bongo Rock« klingt eigentlich ganz geil. Erinnert mich an »Boneshaker«.
P: Wir haben schon Schelte bekommen, dass das fürs Radio total schlecht ist, wenn ein Album keinen Titel hat.

Wie soll man es denn nennen: »Beatsteaks – self titled« oder »Beatsteaks – same«?
A: Wie sagen die Engländer das immer: »The Beatsteaks eponymous album«? Das gefällt mir am besten, das klingt so schön glamourös.

Ihr seid im Intro zuvor nie wirklich Thema gewesen. Außer ein paar Reviews gab es nie ein Interview. Auch andere große Musikmagazine wie der Rolling Stone haben euch lange ein wenig verschmäht. Wurmt euch das nicht?
A: Ach was. So etwas passiert. In eurem Fall kann ich mich noch genau daran erinnern, dass wir – ich glaube, im »Smack Smash«-Jahr – nicht wirklich groß erwähnt wurden, aber dann im Leserpoll ziemlich gerockt haben. »Hand in Hand« war bei den »Besten Videos« und »Besten Singles«, wir waren beim »Besten Album« und bei »Beste Liveband« vorne mit dabei. Eure Leser waren da also schon ein wenig weiter als ihr.