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Raum für Gestaltung

Schrottgrenze im Gespräch

Gut sechs Jahre nach der Auflösung sind Schrottgrenze offiziell wieder eine aktive Band und veröffentlichen mit »Glitzer auf Beton« ihr erstes Studiowerk in neuer Besetzung. Bastian Küllenberg sprach mit Sänger Alex Tsitsigias und Bassist Hauke Röh ausführlich über den Neubeginn und ein Album, das ohne missionarischen Eifer Gender-Themen im deutschsprachigen Punkrock und Indie platziert.
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Wie hat es sich ergeben, dass ihr wieder weitermacht mit der Band? Ursprünglich waren ja 2015 nur ein paar Gala-Shows zur »Fotolabor«-Compilation geplant
Alex: Es war ein Prozess. Wir sind es Schritt für Schritt angegangen, da wir uns nicht einen Plattenvertrag aufhalsen wollten, ohne zu spüren, dass man darauf auch wirklich Bock hat. Irgendwann gab es einen Moment, an dem wir genug neue Songs hatten und ab da waren dann spätestens alle angefixt.
Hauke: Auf der »Best Of« ist ja schon mit »Zeitmaschinen« ein neuer Song drauf. Das war die erste Feuerprobe für uns in der neuen Besetzung und wir haben uns damit sehr glücklich gefühlt.
Alex: Wir haben extra nie große Ansangen gemacht, um keinen Druck aufzubauen oder etwas zu versprechen, was wir nachher nicht halten können. Wir machen das ja nicht hauptberuflich und stehen daher nicht unter Zugzwang. 

Wenn man eine Band hat, die bereits einen so langen Weg gegangen ist, sich eine Fanbasis aufgebaut und einen Namen gemacht hat, knüpfen sich vermutlich bestimmte Erwartungen oder sogar Verpflichtungen an eine Rückkehr. 
Alex: Da gebe ich dir völlig recht. Man überlegt natürlich immer, ob man den nächsten Abschnitt unter einem alten Banner macht. Es war aber von Anfang ein sehr präsentes Gefühl, dass unser Sound mit der neuen Band gut an die Vergangenheit anknüpft. Der Klang wird einerseits aufgenommen, andererseits aber auch weiterentwickelt. Musikalisch war das eindeutig ein Schrottgrenze-Album, an dem wir arbeiteten.

Nachdem ihr die gute Zusammenarbeit in der neuen Besetzung angesprochen habt, wie funktioniert das Songwriting bei euch?
Alex: Die Texte schreibe ich, wobei wir das auch zusammen immer durchsprechen. Ich stelle die Texte vor und wir diskutieren darüber. Musikalisch trägt jeder etwas bei und wir versuchen zusammen die Stücke zu arrangieren.
Hauke: Für das Musikalische gibt es keinen genauen Fahrplan. Es gab Ideen, die wurden von Alex recht ausgereift mit in den Proberaum gebracht, andere Stücke sind durch gemeinsame Improvisation entstanden.
Auf »Glitzer auf Beton« erscheinen die Texte sehr präsent. Habt ihr euch darüber Gedanken gemacht, ob die Leute das Album als Bandwerk verstehen, und nicht als Solowerk des Sängers? 
Alex: Bei mir kommt diese Frage immer wieder auf, da ich genau das vermeiden will. Wir arbeiten unsere Stücke aber in der Band zusammen aus, da fühlt sich niemand an den Rand gesetzt. Es gab eher einen einhelligen Enthusiasmus. Wichtig ist immer, dass es allen gefällt, sonst machen wir es nicht. Die Texte spiegeln allerdings schon auch die Sichtweisen der anderen wider.

Wie verhält sich das bei Liedern wie »Sterne« oder »Lashes To Lashes«, die aus sehr persönlicher Perspektive queere Themen behandeln? 
Hauke: Diese queere Szene ist uns ja auch nicht total fremd. Es gibt zum Beispiel in Hamburg diese Party-Reihe »Lips«, wo unser Gitarrist Timo und ich regelmäßig zu Gast sind. Es ist eine Subkultur in der wir uns durchaus wohlfühlen.
Alex: Wenn ich »Lashes To Lashes« aus Sicht einer Drag Queen schreibe, dann ist es bei uns in der Band schon ein sehr bekanntes Thema. Da die Jungs ja auch bei Veranstaltungen dabei sind, wo ich als Drag unterwegs bin. Daher kennen sie diesen Humor der da drin steckt. Dieses Lied war sogar eher eine Band-Idee.

Es ist im deutschsprachigen Indie immer noch ungewöhnlich, wenn sich eine Band über eine längere Strecke mit Fragen der Geschlechterdefinition und Queerness auseinandersetzt. 
Alex: Das stimmt schon. Ich hatte einfach das Bedürfnis über das Thema zu schreiben, Hauke fand es auch eine super Idee. Wir sprechen generell viel über Gender-Theorien und solche Thematiken. Es war also eine Idee, die eher aus unserer Mitte geboren wurde. Natürlich kannst du Leute damit vor den Kopf stoßen, aber diese Platte ist unser Raum, den können wir so gestalten, wie wir es für richtig halten. Wir haben zum Glück niemanden, der uns im Nacken sitzt und uns Themen diktiert, wie es bei manchen anderen deutschen Bands der Fall ist. Das ist etwas, das wir erreicht haben und das füllen wir auch mit Leben. Allerdings penetrieren wir die Leute ja nicht total mit dem Thema. Da ist Raum für Widersprüche, oder für den Hörer selbst.

»Sterne« ist ein gutes Beispiel. Das Lied funktioniert, auch wenn man keinen direkten Bezug zur Perspektive oder dem konkreten Erfahrungshorizont hat, aus dem es geschrieben wurde.
Alex: Da möchte ich einhaken. Was bedeutet direkt oder indirekt in dem Zusammenhang denn? Für jemanden der heterosexuell ist, wie Hauke oder Timo, besteht nur scheinbar kein direkter Bezug. Auf den zweiten Blick ist es aber doch ein sehr direkter, da beide ja auch in einer freien und offenen, solidarischen Gesellschaft leben wollen. Und nicht in einer Gesellschaft, in der Themen tabuisiert werden, weil sie nicht der Norm entsprechen. Das ist eine Grundhaltung. Da geht es weniger um die sexuellen Feinheiten.

Das Lied war die Vorabsingle des Albums. Wie war das Feedback darauf?
Alex: Es war im Nachhinein eine gute Verfahrensweise, einfach den Song zu bringen, statt vorher erst mit einer Pressemitteilung rauszugehen. Das Lied hat bei den meisten Leuten sehr positiv die Gehörgänge geöffnet. Wir haben viele positive Rückmeldungen bekommen und vielen gefällt der Song auch einfach als Song.
Hauke: Es ist aber auch schwer, darauf negatives Feedback zu geben, da befindet man sich ja dann direkt in einer Diskussion. 
Alex: Damit unterstellt Hauke natürlich, dass im Kreis unserer Hörer, eine negative Meinung zu so einer Thematik eher schlecht ankommen würde. Aber so um die Ecke denke ich gar nicht. 
Da sprecht ihr das Problem des Predigens vor der eigenen Gemeinde an. Euer Publikum ist ja sowieso schon überzeugt. »Glitzer auf Beton« ist ein Album, das mitunter sehr konkrete Lebenstipps bereithält. Denkt ihr darüber nach, wie ihr auch Menschen außerhalb eurer Gemeinde erreichen könnt?
Hauke: Das einfachste ist immer, Texte aus seiner eigenen Lebenswelt zu schreiben.
Alex: Wir wissen sowieso nicht so richtig, wen was erreicht, da wir eine Band sind, die gegenwärtig eher sporadisch operiert und auch nicht besonders aktiv in den sozialen Netzwerken ist. Wir haben eine Werkschau und eine kleine Tour gemacht, was beides überraschend gut lief. Und wir haben gesehen, was für Menschen bei den Konzerten sind. Es sind nicht nur die Leute von damals, sondern auch viele neue Gesichter. Wir wissen natürlich schon, dass wir in der deutschen Punk- und Indie-Szene stattfinden. Da sind Leute im Publikum, die irgendwie eine Punk-Sozialisation, aber sich auch nicht unbedingt speziell mit Querness beschäftigt haben. Andererseits haben sich durch »Sterne« bereits Einladungen zu queeren Festivals ergeben, was wir toll finden.
Hauke: Aber auch das ist einfach passiert und war keine strategische Überlegung um sich eine neue Zielgruppe mit dem Album zu erschließen.
Alex: Wir dachten auch eher ganz banal an musikalische Vorbilder wie Husker Dü, die auch Pride-Songs geschrieben haben. Oder Against Me!. Wenn etwas Strategie war, dann die Idee: Wir bringen jetzt mal queere Inhalte im deutschen Punkrock, da es doof und langweilig ist, dass es sonst in der Form fast nichts gibt. Oder zumindest nichts präsent ist.

»Das ist für boys and girls und alle in between. Das ist für alle mit Sternchen.« Sollten dieses Lied nicht vor allem jene hören, die immer noch nicht verstanden haben, dass wir alle individuell sind?
Alex: Für manche Menschen ist es bereits ein Angriff, das so herauszuarbeiten, dass es ein Hilfskonstrukt ist und die gesellschaftlichen Geschlechterrollen in frage zu stellen. Denen wünsche ich ganz viele erhellende Momente mit dem Album. Ich befürchte aber, das werden wenige sein, die das überhaupt bemerken werden.

Es ist also kein missionarischer Eifer in euch erwacht?
Alex: Das Engagement von zum Beispiel Feine Sahne finde ich echt gut. Ich scheue nicht davor zurück, mich einer Diskussion zu stellen. Auch als Band sind wir für Projekte offen und haben zum Beispiel im letzten Jahr mit Pro Asyl für einen Sampler zusammengearbeitet. Man muss es aber auch realistisch betrachten: Der Auftrag ist erst mal, dass wir ganz selten Konzerte spielen und alle paar Jahre eine Platte machen. Wir sind auch nicht so organisiert, wie Feine Sahne, will ich damit sagen. Wir haben keinen Auftrag in unserer Band. 
Hauke: Dirk Jora, der Sänger von Slime hat in der Hamburger Morgenpost ein Interview gegeben unter der Überschrift: »Musik löst keine Revolution aus«. Das schreiben auch wir uns auf die Fahnen. Damit wird man niemanden missionieren.
Alex: Dafür ist auch unsere Reichweite viel zu gering.

Dann lieber den Ratschlag eines anderen Songtitels beherzigen und die Schmerzen einfach wegschlafen? 
Alex: Der Song ist so offen geschrieben, der kann ja von vielen Sachen handeln. Er ist aus einer totalen Depression heraus entstanden und knüpft damit an vieles an, was wir früher bei Schrottgrenze gemacht haben. Wir haben mit »Das Ende unserer Zeit« ein ganzes Album über Depressionen geschrieben. Es war fast unsere Art Rückgriff, indem der Text entstand in einem Moment, wo ich richtig fertig war. Im Nachhinein dachte ich, es handelt auch von der Ausbeutung in der Arbeitswelt. Es ist also nicht als Anweisung zur Problemlösung zu verstehen. Das Lied ist ein Mosaik aus einer komischen Laune. Es ist ein Burn-Out-Spiralen-Song. Man macht immer weiter und gibt sich den Entfremdungsprozessen hin, und ist dann irgendwann leer gelutscht. Das kriegt man auch als selbstständiger Musiker sehr einfach hin.

Schrottgrenze

Glitzer auf Beton

Release: 20.01.2017

℗ 2017 Tapete Records