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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Eisler Elegien

Schorsch Kamerun

Politik und Kunst - diese Verbindung wird zwar immer groß postuliert, wenn es aber an die Umsetzung und das Leben geht, dann sind plötzlich nicht mehr so viele around. Ganz anders die Goldenen Zitronen. Die betreten die Plattform erst, wenn es ans Handeln geht. Statt politische Phrasen ebensolcher
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Politik und Kunst - diese Verbindung wird zwar immer groß postuliert, wenn es aber an die Umsetzung und das Leben geht, dann sind plötzlich nicht mehr so viele around. Ganz anders die Goldenen Zitronen. Die betreten die Plattform erst, wenn es ans Handeln geht. Statt politische Phrasen ebensolcher Content. Nicht zuletzt die Mannigfaltigkeit der gezeigten künstlerischen Aktivitäten jedes einzelnen Mitglieds, die sich eben nicht nur auf die Musik alleine beschränken, zeigt das deutlich. Man denke nur an Ted Gaiers Engagement im Butt Club, einem Diskussions- und Aktions-Meeting-Point als Auffangbecken für Post-Revolutionäre. Oder an seine das Medium ordentlich challengenden Videoclips für die Zitronen. Und natürlich sowieso an die Multipräsenz der Jungs in crediblen Indiekreisen. Mense Reents spielt und performt bei halb St. Pauli. Und Stephan Rath representet die richtige Gesinnung nicht nur bei Hamburgs finest Lado, sondern modelt auch mal gerne im Auftrag der Subversion in der Gala. Und spielt natürlich noch mit Gaier bei den Robbespierres, diesem portugiesischen Knaller gegen die Enge westlichen Kultur-Diktats.

So überrascht es auch nicht, dass Schorsch Kamerun, der schon in der Vergangenheit als Autor und Regisseur fungierte (u. a. in Zürich "Der digitale Wikinger"), nun als Regisseur und Darsteller von Hanns Eislers "Hollywood Elegien" in der Essener Salzfabrik in Erscheinung tritt. Die Premiere ist für September angesetzt.
Die "Elegien" sind kein unbekanntes Werk - nicht zuletzt, weil Gedichte von Bertolt Brecht die Grundlage bilden. "Schau doch mal nach, vielleicht ist etwas Brauchbares für dich drin", kommentierte Brecht 1942 der Legende nach sein "Geschenk" an Eisler. Dieser war damals mit seiner Frau gerade erst aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach Hollywood emigriert. Die Tatsache, dass deutsche Flüchtlinge aufgrund der Kriegssituation in Amerika alles andere als willkommen waren, machte es für Eisler um so wichtiger, in Brecht, der schon vor längerer Zeit nach Amerika geflohen war, einen Menschen in der gleichen Situation zur Seite zu haben.
Das alles merkt man dem Stück an: Die "Elegien" sind im weitesten Sinne eine Art Metapher für das Schicksal deutscher Emigranten in Amerika vor dem Hintergrund der faschistischen Aktivitäten des Dritten Reichs. Gleichzeitig sind sie aber auch eine Erinnerung an vergangene Musik- und Texttraditionen: Mörike, Hölderlin, Heine und Goethe.
Schorsch Kamerun will in seiner Inszenierung das Hauptaugenmerk auf die Gedichte Bertolt Brechts richten, in denen neben Krieg und Emigration auch die Folgen der späteren McCarthy-Ära innerhalb Hollywoods thematisiert werden. Ihn interessiert dabei die Verwebung der Traumwelt mit den Utopien Emigrierter, die mit diesen den Verlust ihres gewohnten sprachlichen, sozialen und örtlichen Umfelds zu kompensieren versuchten - ein Thema, das im übertragenen Sinn heute noch vielerorts gültig ist. Besonders im von Gott vergessenen sozialen Brennpunkt Ruhrgebiet. Dessen persönliche Note auch in der Kulisse zum Tragen kommen wird. Denn das Ganze wird in einer verlassenen Kokerei aufgeführt.
Eigene Beiträge von Kamerun und zahlreichen anderen Künstlern sollen die Aufführung ergänzen. Die musikalische Umsetzung der "Hollywood Elegien" von Eisler wird im übrigen Felix Kubin übernehmen.

Essen, Kokerei Zollverein, Salzfabrik
Premiere: 14. September 2002
Weitere Vorstellungen: 19., 21., 22., 27., 28., 29. September & 3., 4., 5. Oktober 2002