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Kohle für Kippen

Schnipo Schranke im Gespräch

Schnipo Schranke werden in den nächsten Monaten nicht mehr schnorren müssen. Das Geld sollte nach der Veröffentlichung ihres Debütalbums »satt« wohl auch für ihr konstantes Ketterauchen reichen. Mit Liebe werden die Wahlhamburgerinnen schon seit ihrem ersten lauwarmen Hit »Pisse« überschüttet, der auch die Intro-Single-Liste 2014 anführte. Zu Recht. Liz Weidinger sprach mit Daniela Reis und Fritzi Ernst über männliche Musen, Fame und den ganz normalen Upfuck.
Geschrieben am
Texte, die mitten ins blutende Herz treffen. Kindliche Harmonien, die nicht mehr aus dem Hirn verschwinden. Ein minimalistisch dahinschepperndes Schlagzeug, ein Plattendeal beim krediblen Hamburger Label Buback und eine Produktion von Labelgründer Ted Gaier of Goldene-Zitronen-Fame. Das ist »satt« von Schnipo Schranke, der Band von Daniela Reis und Friederike Ernst. Rocko Schamoni hat sie entdeckt. Was soll da schon schiefgehen? Nichts! Es ist ein Spitzenalbum geworden. Hauptsächlich aber, weil es so schön zerstört ist: Lethargie, allgemeine Sinnlosigkeit, Geldprobleme, Liebeskummer, Fehler und Versagen.

Wir wollen über extreme Gefühle und Abgründe schreiben, wir wollen dahin, wo es dreckig wird, sagt Reis beim abendlichen Biergespräch in ihrer Wahlheimat Hamburg. Meistens sind das dann Lieder, die irgendwas mit Liebe zu tun haben. Ein immer wieder auftauchendes Motiv ist die anhimmelnde Begeisterung für männliche Musen. Aber es gibt auch nicht zu verachtende Hits über Cluburlaub in der Karibik. Da gehe es um Fernreisen als Lebenshilfe, so Reis. Nach dem Motto: Yeah, ich geh jetzt auf Weltreise, dann geht’s mir besser, und ich finde mich selbst. Und im Endeffekt ändert sich gar nichts, oder es wird schlimmer. Im letzten Song des Albums, »Gute Reise«, singen sie gar über einen benutzten Tampon, als wäre er ein Ex-Lover.
Das mit den harmonisch klingenden Akkorden und Instrumenten können die beiden Damen, da sie an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt studiert haben – Reis Cello, Ernst Blockflöte. Für ein Leben nach dem Studium sahen sie zwei Optionen: »Entweder ich leb von Hartz IV, bleib zu Hause und kiff mir den ganzen Tag die Rübe weg, bis ich irgendwann draufgehe, oder ich mach was Krasses, das mir Spaß bringt«, sagt Reis. Und Ernst ergänzt: »Wir hatten ja nichts zu verlieren.« Also beschlossen sie, Popstars zu werden – und setzten den Plan folgendermaßen um: 

01 Nach einer Lesung in Frankfurt Rocko Schamoni eine Demo-CD andrehen, um zusammen zu saufen.  
02 Rocko Schamoni und Plattenhändler sowie Autor Gereon Klug mit diesen Demo-Aufnahmen überzeugen und ihnen dann auch auf ihre Facebook-Nachricht antworten.  
03 Das erste Konzert im ehemaligen Festsaal Kreuzberg spielen.  
04 Nach Hamburg ziehen.  
05 Sich in der Hamburger Szene endlich verstanden fühlen.  
06 Auf dem Euphorie/Staatsakt-Sampler »Keine Bewegung« den ersten Hit platzieren.  
07 Endlich die Hausaufgaben machen und die eingehenden Facebook-Nachrichten beantworten. 
08 Mit diesem Hit namens »Pisse« in vielen Single-Listen des Jahres 2014 stehen und ein von YouTube sperrwürdiges Video dazu drehen.  
09 Einen Plattenvertrag bei Buback unterzeichnen.  
10 Die Platte am 4. September veröffentlichen und alle Kids glücklich machen.

Die Zusammenarbeit mit Gaier als Produzent fanden Reis und Ernst zwar aufregend, aber »total wundervoll«. Sie hatten Plan von Text und Komposition, er hatte Ahnung, wie man einen bösen Beat darunterlegt. Die Schnipos waren Fans dieses harten Gegensatzes, der eine deutliche Entwicklung seit den schrammeligen YouTube-Clips oder getriebenen Live-Auftritten ist. Da hallt es auf einmal gewaltig, und krautige Störgeräusche durchkreuzen Blockflöte und Klavier. Grundsätzlich haben die beiden Musikerinnen nur Gutes über die älteren Herren der Hamburger Musikszene zu berichten: »In Hamburg sind wir total gut auf- und auch ernst genommen worden. Die Szene kannte uns schon, bevor wir sie kannten«, sagt Reis. 
Das bedeutet auch: Sie hatten eine Teenagerzeit ohne rettende Messages aus der Hamburger Schule der Neunzigerjahre und mussten sich stattdessen an Harry Potter klammern. »Ich denke im Nachhinein immer, ich wär ein viel glücklicherer Mensch gewesen, hätte ich die Hamburger-Schule-Sachen gekannt«, sagt Reis und bestätigt, was in Zeilen wie »Warum schreibt Dumbledore mir nicht?« schon durchklingt: »Für mich hat so ab elf Jahren Harry Potter eine große Rolle gespielt. Ich wollte immer nach Hogwarts und war mir sicher, dort auch Freunde und Verständnis zu finden. Klar ist das die klassische Outsider-Geschichte, aber sie berührt mich heute noch.« Was nach der Veröffentlichung passieren soll, ist eh klar: »Es war von Anfang an der Plan, dass wir das hauptberuflich machen wollen«, sagt Ernst. Brot und Zigaretten wollen sie von den Einnahmen zahlen können. So heißt es im »Schnipo-Song«, in dem sich das Duo vorstellt: »Wir spielen nicht zum Mitwippen, wir brauchen Kohle für Kippen.« Mainstream und Masse sind für die beiden Musikerinnen dabei kein Drama: »Die Kunst besteht doch darin, komplexe Themen so leicht wie möglich auszudrücken, dass es sofort jeder verstehen kann«, sagt Reis. 

Viel mehr Drama ist jedoch die Frage nach musikalischen Einflüssen. Darüber mit Unbekannten zu sprechen oder gar im Netz zu posten, was eine gerade hört, ist für die beiden viel persönlicher und intimer, als zu singen: »Du warst stets in meinem Herzen, stets in meinem Sinn, wenn ich gekommen bin.« Erst mal komisch, ist aber so. Lieblingssongs könnten viel mehr über Schwächen verraten. Das Konzept hinter dem Frontalangriff im Songformat: »Bist du diejenige, die etwas sagt, kann dir eigentlich nichts mehr passieren, du bist nicht mehr verletzlich«, so Reis über die Macht von Intimität. Sie schaffen mit ihren Texten voller vulgärem Humor eine eigene Welt auf der Bühne, in der Schnipo Schranke Chef sind und nicht die Gesellschaft. Aber auch im Real Life haben gesellschaftliche Regeln bei den beiden ihre Grenzen: Ich seh ernsthaft nicht ein, morgens meinen Schlafanzug auszuziehen, wenn ich vor die Tür gehe, sagt Ernst.
So viel punktgenaue Weisheit schon in so jungen Jahren – beide sind Mitte 20 –, da kann man nur begeistert sein. Das mit den Worten haben sie sowieso drauf. Reis dazu: »Die Sprache ist nur ein Mittel, Dinge besonders ehrlich auszudrücken. Wir versuchen, einfach so zu schreiben, wie wir reden. Unser Fokus liegt ja auf den Aussagen der Songs, die durch eine derbe Wortwahl maximal verschärft werden.« Sie wollen auch nicht provozieren – ganz im Gegensatz zu Charlotte Roche –, sagt Ernst: »Ich finde das immer sehr unangenehm, wenn es jemand ernsthaft zu krass findet, wie wir reden.« Heißt für euch: Beim Hören besser nicht peinlich berührt sein, sondern laut mitsingen. Und auch ja nicht vollgepumpt mit Endorphin nach den Konzerten zu den beiden rennen und ihnen erzählen, welcher Song einem über die größte Liebeskrise des Jahrzehnts hinweggeholfen hat – satt freuen reicht.

Schnipo Schranke »satt« (Buback / Indigo / VÖ 04.09.15)

Schnipo Schranke

Satt (Bonus Track Version)

Release: 29.07.2015

℗ 2015 Buback Tonträger