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Es muss ein bisschen wehtun

Schnipo Schranke im Gespräch

Schluss mit lustig? Nicht ganz. Aber statt Fäkalwitze zu reißen, schneiden Schnipo Schranke auf ihrem zweiten Album »Rare« hemmungslos die wirklich mutigen Themen an: Versagensängste, Depressionen, Psychosen. Offen bis in die abgekauten Fingernagelspitzen erklären sie Intro-Autorin Verena Reygers die Motivation hinter dem Schmerz.
Geschrieben am
Daniela Reis und Fritzi Ernst haben es geschafft. Formulierten sie auf ihrem vor zwei Jahren erschienenen Debüt »Satt« ihren Berufswunsch noch als »irgendwas mit Fame«, können sie sich nun zu ebendiesem beglückwünschen. Ihr Übersong »Pisse« flutete erst Indiekeller, bevor er den Mainstream und sogar das glücklich johlende Publikum bei Rock im Park einnässte.

Während der Festivalauftritt Fritzi Ernst vor Augen führte, in welchem Rahmen ihr Zoten-Chansonpop auch funktionieren kann, genießt Daniela Reis den Starruhm lieber in kleinen Dosen: »Es gibt mir ein gutes Gefühl«, sagt sie und greift zu einem der Kekse, die im Konferenzraum ihres Hamburger Labels Buback auf dem Teller liegen, »wenn ich nur schnell beim Aldi eine Milch kaufen will und jemand hinter mir sagt: ›Wow, ich kenne dich und finde es voll toll, was du machst.‹« 
Wie wichtig diese Anerkennung für die beiden Musikerinnen ist, lässt ihr zweites Album »Rare« erahnen, das Schnipo Schranke nur anderthalb Jahre nach ihrem Debüt abliefern. Klar, die explizite Wortwahl ist geblieben, auch der gängelnd monotone Sound aus Klavier, Drums und Analogsynthies sowie der Humor, der einem beim Lachen im Hals stecken bleibt. Wer beim Debütalbum genau hingehört hat, weiß längst, dass Lustig-Ficken bei Schnipo Schranke eigentlich Nebensache ist. Vielmehr wetteifern in den tragikomischen Liebesliedern des Duos Demütigung, Abhängigkeit und Unterwerfung um Aufmerksamkeit. Und auch wenn die Schnipos auf »Rare« durch »Pipi, Sperma und knöcheltiefen Eiter« reiten oder als »Haschproleten« das Nonstop-Kiffen auf Tour feiern, hat dieses Album eine Roughness, die sehr viel tiefer ritzt als das Debüt.

»Seit sie 'nen andern bumst / Ist Mama endlich trocken / Selbst wenn sie ‘nen Rückfall hätte / Papi würd’s nicht schocken«, heißt es etwa in »Dope«, einem Song, der aus Teenagersicht Verwahrlosung und Vernachlässigung in der Familie beschreibt. Zwar heißt es vonseiten der Band, dieser Song sei die große Ausnahme, weil er betroffen mache, obwohl man Betroffenheit vermeiden wolle, aber auf »Rare« geht es immer wieder ans Eingemachte. Vor zwei Jahren bezeichneten Presse und Fans Schnipo Schranke aufgrund ihres expliziten Sprachgebrauchs als mutig – doch jetzt verdienen sie tatsächlich die Tapferkeitsmedaille. Nicht aufgrund dreckiger Wörter, sondern wegen der von ihnen besungenen brutalen Wahrheiten. Daniela Reis sieht das genauso: »Ich finde es durchaus gerechtfertigt, wenn man uns dafür bewundert. Es ist auch für uns ein Kraftaufwand, über solche Dinge zu singen. Das erfordert Mut.«
Es geht aber nicht nur darum, Ängste und Depressionen zu thematisierten, sondern auch um das für viele nachvollziehbare Gefühl, den Herausforderungen des Lebens nicht gewachsen zu sein. »Ich war früher sehr still und schüchtern und habe mich oft extrem zurückgezogen«, erzählt Fritzi Ernst und spielt damit auf den Titel »Murmelbahn« an, der sehr konkret das Unwohlsein in bestimmten Situationen oder in einem gewissen Umfeld thematisiert. »Die Murmelbahn ist sozusagen der Panic Room im Kopf«, bringt Ernst die Aussage des Songs auf den Punkt.

Die beiden Musikerinnen handeln solche Themen nicht etwa ab, weil sie was hermachen oder gerade Mode sind. »Ich würde nicht wagen, darüber zu singen, wenn ich nicht selbst unter Dingen wie diesen gelitten hätte«, betont Reis. Inwieweit die Songtexte biografisch geprägt sind, spiele keine Rolle, wichtig sei, zu wissen, wovon man spricht. »Das soll keine Show sein«, betont sie. »Ich will nicht mit irgendwelchen psychischen Krankheiten kokettieren.« Aber offen drüber reden wollen Schnipo Schranke – weil sie in der eigenen Biografie eben doch eine Rolle spielen. 

Sie selbst, erzählt Reis, habe sich seit frühester Kindheit komisch gefühlt und immer Angst gehabt, sich nicht selbst versorgen zu können, weil sie nicht funktioniere, wie es gesellschaftlich verlangt wird. Zu jobben, kellnern oder den erlernten Beruf auszuüben schien der 28-Jährigen nahezu unmöglich. Erst ein Klinikaufenthalt mit entsprechender Diagnose verhalf ihr zur gedanklichen Kehrtwende: »Zu erkennen, dass man in den vorgegebenen Sachen vielleicht wegen einer psychischen Krankheit nicht funktioniert und nicht, weil man nicht will – denn das wird einem ja unterstellt, dass man sich nicht genügend Mühe gibt.«
Unabhängig davon, welcher Art genau Reis’ psychische Beschwerden sind, ihr offener Umgang damit erklärt, warum die Anerkennung für Schnipo Schranke mehr ist als bloßer Fame – ob an der Aldi-Kasse oder auf der Festivalbühne. »Ich fühle mich endlich mal, als hätte ich einen Platz in der Gesellschaft«, gesteht Reis. 
Einen Platz, den sich Schnipo Schranke hart erkämpft haben. Statt sich in vorgegebene Strukturen zu zwingen, haben sie ihren eigenen Weg gesucht: weg von Frankfurt und ihrem Klassikstudium, hin nach Hamburg und zum selbstbestimmten Künstlerdasein. »Mir hat es im Leben immer sehr geholfen, wenn andere Künstler ehrlich mit ihren Gefühlen umgegangen sind«, erzählt Reis. »Wenn in einem selbst viel Negatives abgeht, ist man ja prädestiniert dazu, darüber zu singen. Täte ich das nicht, hätte ich das Gefühl, nicht alles zu geben. Dann wäre es so, als lieferte ich Halbgares ab. Und das möchte ich nicht. Es muss auch ein bisschen wehtun.«

Und das tut es! Auch wenn bei Schnipo Schranke niemand mit glatten Melodiekaskaden gerechnet hätte – auf »Rare« schneidet der Synthesizer noch tiefer und der Pianoakkord sticht noch unverhohlener zu. »Aber nicht so, dass man ausmachen will«, gibt Ernst noch Entwarnung. »Wir legen nach wie vor Wert darauf, dass man auch drüber lachen darf.«

Schnipo Schranke

Rare

Release: 27.01.2017

℗ 2017 Buback Tonträger