×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Schluss mit Romantik

Immergut-Festival

Christoph Dorner hat sich einige Bands auf dem Immergut-Festival reingezogen und war meist begeistert
Geschrieben am
Neustrelitz, 30.05. bis 01.06.08

Es gibt wohl neben dem Haldern Pop kein Musik-Festival in Deutschland, dass in den Riten seiner Besucher dermaßen mit Romantik aufgeladen ist, wie das Immergut in Neustrelitz. Dies liegt wohl einerseits an seiner frühen Ansetzung Ende Mai, was glücklicherweise zumeist mit einem inoffiziellen Sommerbeginn zusammenfällt und scheinbar ordentlich Glückshormone produziert.

Andererseits ist es die malerische Verortung des Festivals in der wald- und wasserreichen Mecklenburgischen Seenplatte, die einem zwar in popkultureller Hinsicht wie die hinterletzte Wüste vorkommt, dafür aber bei der Anfahrt durch lichtdurchflutete Alleen zuverlässig Herzen höher schlagen lässt. Und nicht zuletzt ist es auch immer dieser liebevolle, taillierte und entschleunigte Indie-Kosmos gewesen, in dem acht Jahre lang zuverlässig Agenda-Setting für die Independent-Szene betrieben wurde - wenn sie denn überhaupt existiert. Schließlich hatte man sie alle, bevor sie richtig groß wurden: Die Beatsteaks, Sportfreunde Stiller, Adam Green, Maximo Park, Deichkind, Feist. Gleichzeitig wurde immer mehr auf ein stimmiges Line-up geachtet als auf ein strenges Konzept. Nette Bands wie Tocotronic, Slut oder The Notwist durften gerne wiederkommen.

Dennoch ist an dieser Stelle Schluss mit der Romantik. Das Immergut ist auch nur ein Musikfestival, auf dem Bier getrunken wird. Warum? Es war erstmals seit fünf Jahren nicht ausverkauft - sah sich also auch einmal wieder dem Teufelskreis von Angebot, Nachfrage und Ebay ausgesetzt. Dabei hatten die Festivalmacher beim Booking eigentlich nichts falsch gemacht, obwohl es scheinbar immer schwieriger wird, internationale Bands nach Neustrelitz zu bekommen. Vielmehr könnte es eine Art "immerguter" Müdigkeit gewesen sein, die wohl so manchen langsam alternden Dauergast nach einer kühleren Ausgabe des Festivals 2007 befallen hatte.

Die für das Festival so stilbildende  Zeltbühne mit ihrem federnden Bretterboden wirkte jedenfalls gleich mal viel kleiner, als man sie am Donnerstag Abend für den Auftritt des Studio Braun betreten hatte. Für die Herren Schamoni, Palminger und Strunk und ihre Show bestehend aus Nonsense-Liedgut (‚Computerfreak'), Poetry-Slam und Lesung mit allerlei kranker Männerphantasien, abgespielten Telefonstreichen und Heinz Strunks obligatorischer Liegestützserie muss man nicht großartig Webspace opfern. In seiner Schludrigkeit ist das Studio Braun nämlich einfach nur Kult.Dass danach noch das New Yorker HipHop-Duo Bunny Rabbit eine erst kurz zuvor angekündigte Secret-Show spielte, interessierte dagegen nur die Wenigsten. Nach rituellen Badeausflügen zum Fürstenseer See bei durchgehend hochsommerlichen Temperaturen eröffnete der Isländer Olafur Arnalds das eigentliche Immergut mit einem verträumten Derivat aus sanft angeschlagenem Piano und flirrend aufspielendem Streicherquartett. Nicht minder gut denn The Album Leaf, die zwei Jahre zuvor einen ähnlichen nachmittäglichen Slot übernahmen. Die üblichen Hüpf- und Abgeh-Slots auf der Zeltbühne waren anschließend mit dem 60s-infizierten Orgel-Rock von The Audience und Posthardcore von Trip Fontaine sehr ordentlich besetzt. Und das Post-Grunge-Duo-Duell zwischen den jungen Blood Red Shoes (England) und den etwas wilderen Johnossi (Schweden) endete mit einem glatten Unentschieden. Menomena aus Portland brachten anschließend zwar ihr überbordend komplexes Liedgut ordentlich unter die Leute, offenbarten aber auch, dass letztlich doch nur drei richtig gute Songs auf ihrem Album ‚Friend & Foe' versteckt sind. Die gab's aber auch.

Die Weakerthans sind danach mit ihrem melancholischen Indie-Folk mit Millimeter-Innovationen auch so eine stilprägende Band für das Immergut. Bei ihrem zweiten Gastspiel in Neustrelitz machten sie eigentlich nichts anderes als beim ersten Mal, außer auch eine Handvoll neuer Songs vom Album "Reunion Tour" zu spielen. Das ist für manche die Erfüllung schlechthin, andere finden es einfach nur schön und nett. iLiKETRAiNS wiederum waren mit ihrem düsteren, einnehmenden Post-Rock ein Highlight und eine gute Überleitung zu The Notwist, die mit ihrem 80-minütigen Konzert vollends überzeugten. Neben einem Querschnitt durch die neuen Stücke von ‚The Devil, You & Me' schimmerte bei ‚Pilot' in einer fantastischen Dub-Version aber auch die Arbeit mit dem Tied & Tickled Trio durch. Wem das zu experimentell war, wurde spätestens mit den Zugaben ‚Pick Up The Phone' und ‚One With The Freaks' vollauf versöhnt. Ohne vorgreifen zu wollen, The Notwist waren wie erwartet das Highlight des Immergut Fesitvals.

Bei dem letzten Slot auf der Zeltbühne hatten das Immergut-Booking in den letzten Jahr bereits mehrfach experimentiert und durchaus einige Treffer gelandet. Es sei nur an Deichkind und die Puppetmastaz erinnert. Bei dem österreichischen Dance-Crooner Louis Austin fragte sich im Vorfeld auch so mancher, ob das denn gut gehen würde. Sein Auftritt mit böllernden Beats und lässiger Sinatra-Stimme bediente tatsächlich die Tanzlaune zu fortgeschrittener Stunde und sorgte allerseits durchaus für Heiterkeit. Irgendjemand muss dem 62-Jährigen nämlich gesteckt haben, bei jeder Gelegenheit "Check It Out, Guys" und "Shit" dazwischen zu rufen. Lieber Herr Leuf, das müssen Sie nicht. Sie sind auch so ganz cool.Zweiter Tag, same Procedure: Baden oder ab zum Immergutzocken-Fußballturnier, leider ein paar Bands verpassen, wovon die Berliner Post-Rocker Ter Haar ganz vorzüglich gewesen sein sollen. Die Dänen Cartridge ziehen mit ihrer obskuren Mischung aus karibischen Electro-Samples und obskurem Pop wenig griffig an einem vorbei, während ihre schwedischen Nachbarn von Lo-Fi-Fnk als weiteres Publikums-Experiment es tatsächlich schaffen, die Stoppelwiese vor der Hauptbühne mit ihrem Disco House zu einem halb ausgelasteten Dancefloor umzufunktionieren. Das das folgende Line-up mit gewohnt bombastischen Get Well Soon, den etwas langatmigen Girls in Hawaii, Fotos und Slut, die auch noch Kollaborations-Partnerin Dillon mit auf die Bühne brachten, jeweils abräumte, war nicht anders zu erwarten.

Mehr Spannung gab es dagegen bei den letzten beiden Acts. Peter Licht galt nämlich lange Zeit als besonders scheuer Zeitgenosse. Umso erstaunlicher wirkte es, wie euphorisch er und sein höchst eigenes Liedgut von ‚Benimmunterricht (Der Arbeitgeberpräsident)' über ‚Sonnendeck' bis hin zum kollektiv gesungenen ‚Wir sind jung und machen uns eben Sorgen über unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt' aufgenommen wurde.

Umso enttäuschender war der folgende Headliner-Auftritt der Lemonheads, respektive Evan Dando's. Eine "immergute" fehlende Massenkompatibilität hatte man wegen der Verjährung seiner Pop-Punk-Hits ja bereits befürchtet. Dass Dando sich nach durchaus gelungenen Reunion-Konzerten im Frühjahr 2007 wieder zum alten, orientierungslosen Bühnenschussel zurückentwickelt hat, war jedenfalls überdeutlich. Zweimal brach er Songs mal eben ab. Warum? Wohl den Text vergessen. Dann schlurfte er von der Bühne, ohne sich zu verabschieden, kam dann doch wieder und spielte ‚If I Could Talk I'd Tell You' in einer schludrigen Beiläufigkeit, die selbst den Hardcore-Fan wütend machte. Ahhh! Zumal beim Immergut ein gefühliger, umarmender Abschluss in den Vorjahren eigentlich immer dazugehört hatte.

Trotzdem: Das Immergut hat auch 2008 seinen Ruf als kleine Festival-Institution mehr als bestätigt. Jedenfalls lässt sich das Credo seiner Besucher nicht besser zusammenfassen, als durch den sinnfreien Satz, der wohl jedem schon einmal durchgerutscht ist, wenn er Unkundigen von dem Festival in Neustrelitz erzählt hat: "Das Immergut ist immer gut." Oder?