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Schauer über 80.000 Rücken

Das war Rock Werchter 2008

Unser Autor Thorsten Schmidt war beim größten belgischen Festival vor Ort, allerdings nur samstags. Was er dort sah, reicht bei anderen Festivals für volle drei Tage.
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Unser Autor Thorsten Schmidt war beim größten belgischen Festival vor Ort, allerdings nur samstags. Was er dort sah, reicht bei anderen Festivals für volle drei Tage.


05.07.08, B-Werchter.

Gigantonomie in Zuschauerzahlen: Bei uns pilgern 80.000 Menschen regelmäßig für Metallica oder Die Toten Hosen zum Ring. In Belgien sorgt das Rock Werchter für solche Massenaufläufe - schön nur, dass es einem dort gar nicht so groß vorkommt. Die Veranstalter, mittlerweile unter der Leitung vom US-Riesen Live Nation geführt, buchen regelmäßig vorzügliche Line-ups zusammen - so viele hochkarätige Bands kann man sich in vier Tagen gar nicht angucken. Deshalb geht es hier auch nur um einen Tag, der es aber in sich hat.

Eine Frage stellte sich schon im Vorfeld: Machen MGMT live so viel Spaß wie auf Platte? Enttarnt sich die unbedarfte, zuweilen an Naivität grenzende Haltung des Duos auf der Bühne als Nullnummer? Der Hype um die amerikanischen Jungs sorgt im Vorfeld für Skepsis, doch die erweist sich als unbegründet. Das "Management" in gestalt von Andrew VanWyngarden und Ben Goldwasser bringt seine Songs in Bandbesetzung locker unter das zahlreich versammelte Festivalvolk und reißt die Party des Tages bereits zur Mittagsstunde. Ein melancholisch-euphorisches Hitfeuerwerk das auch ohne visuelle Effekte zündet. Abgesehen vom trashigen Outfit der beiden Multiinstrumentalisten vielleicht. Die letzten Minuten ihres Sets kloppen sie noch ein wenig Led Zeppelins "Immigrant Song" in ihre Synthies, eine weitere Eruption scheitert jedoch am folgenden Programm.

Das ist die Band Of Horses, und deren Americana-, Country- und Classic-Rock ist heute auf Dauer leider ein wenig eintönig. "Houuuuu" ruft Sänger Bridwell - das größte Aufsehen erregen einige Freaks die mit Pferdekopfmasken und Cowboyhüten in Bierseligkeit ausgelassen im Kreis tanzen. Die Hauptbühne lockt derweil mit gepflegter britischer Haltung und den Editors. Die können mit starken Songs und charmantem Auftreten auch das ganz große Publikum unterhalten. Leider drückt der einsetzende Regen die Stimmung, und das Adrenalin geht nach einer rasanten ersten Halbzeit inkl. "Bones", "And End Has A Start" und "All Sparks" bei neuem Material kurz etwas runter, aber nur um zum Finale und "Munich" erneut zu scoren. Siegesfeier dann beim Melt! trocken in intimerem Rahmen!

Einen neuen Song zum Einstieg gibt es anschließend von den Kings Of Leon. Familie Followill ist personalisierte Coolness und pfeift auf schlechte Witterung. Gibt's denn das, flötet Caleb da tatsächlich ein Reprise an "Slow Night, So Long"? Im vergangenen Jahr hatte er an dieser Stelle Eddie Vedder (Pearl Jam) als Gesangspartner. Schöne Jroos! Nachdem Neil Young am Abend zuvor bereits den großen Geist der seelenvollen Gitarre nach Werchter gebracht hatte, taucht Ben Harper diese kräftig in Blues und Gospel und vertreibt die Regenwolken. Eine verrauchte Version von "Whipping Boy" reicht ganz tief, und Bill Withers "Use Me" kommt in furioser XL-Version. Harper zeigt sich sichtlich berührt und lobt das Festival als eines der besten in Europa.

Die Sonne geht nun langsam unter und der Festivaltag neigt sich dem Ende entgegen. Bühne frei für Sigur Rós und elegische Klänge aus dem hohen Norden. "Svefn-g-englar" als Opener entführt sogleich in die Anfangszeit der Band, als man mit dem Album "Agaetis Byrjun" international auf sich aufmerksam machte. Mittlerweile werden Sigur Rós weltweit für ihren einzigartigen Sound verehrt und lassen Schauer über knapp 80.000 Rücken laufen. Die Performance ist umwerfend: Erweitert um Streicher und Bläsersektion besteht die Band aus 13 MusikerInnen. Alle fein ausstaffiert in Schwarz und Weiß, große Lichtballons über sich und tolle, teils verfremdete Kamerabilder auf den Screens geben einen ungeahnten visuellen Eindruck der Isländer. Gitarrist und Sänger Jónsi gleicht einem Mythenprinzen, silberne Ketten mit unzähligen kleinen Symbolen, Lederbänder, Armulette, Federn und Gesichtsbemalung scheinen aus nordischen Sagen entliehen. Zu "Gobbledigook", jenem rhythmischen Temperamentstück aus dem wirklich überraschenden aktuellen Album "Með Suð I Eyrum Við Spilum Endalaust", fordert er die Zuschauer zum Mitklatschen auf. Als Belohnung knallt eine Bombe und der Himmel hängt voller Federn... Konfetti... Geigen.

Nach 75 Minuten wird dieser Traum mit Verbeugungen und strahlenden Gesichtern beendet. Radiohead bilden den zweiten Teil des "fantastischen Doppels" und legen es nicht darauf an, die Massen mit Hits zu bespaßen. Das haben sie natürlich auch nicht nötig, schließlich freut man sich als Fan auch über jeden Song, den man noch nicht live gehört hat. Und nach der Vorlage von Sigur Rós ist ein anspruchsvolles Set nur angemessen. Hauptaugenmerk liegt hier auf dem Material von "In Rainbows", das sich in der Liveumsetzung zuweilen klaustrophobischer zeigt als nur in Kopfbildern. Dutzende illuminierte Leuchtröhren hängen über und neben der Band und kommen dank der mittlerweile eingetretenen Dunkelheit voll zur Geltung. Vor "Faust Arp" fragt Thom Yorke "Is it true Neil Young played here last night? Should be enough for anyones lifetime to be on the stage as Neil Young!" Lustigerweise hatte Tim Smith von den Editors am Nachmittag noch "Enjoy Radiohead - they are the best band in the world" gehuldigt. Auf die ausgeschriebene Spielzeit von 90 Minuten legen Radiohead noch mal gut 20 drauf und dank "Paranoid Android" darf auch der letzte gepflegt ausrasten.

Intro-Festival-Nerd-Bonus: Setlists!

Radiohead

Arpeggi
The National Anthem
Lucky
All I Need
There There
Nude
Climbing Up The Walls
The Gloaming
Step
Faust Arp
How To Disappear Completely
Jigsaw Falling Into Place
Optimistic
Just
Reckoner
Idioteque
Bodysnatchers
------------------
Videotape
You And Whose Army?
2+2=5
Paranoid Android
Everything In Its Right Place


Sigur Rós

Svefn-g-englar
Ný Batterí
Glósóli
Sæglópur
Við spilum endalaust
Hoppipolla /Með blóðnasir
Inní mér syngur vitleysingur
Hafssól
Gobbledigook
Popplagið



Editors

Bones
Racing Rats
An End Has A Start
Escape The Nest
All Sparks
No Sound But The Wind
Blood
Bullets
You Are Fading
Munich
Weight Of The World
Fingers
Smokers