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Schall & Wahn

Tocotronic

Wer vor der Unwirklichkeit dieser Tage auf der Flucht ist, flüchte in die kalten Arme der Tocos.
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Wer vor der Unwirklichkeit dieser Tage auf der Flucht ist, flüchte in die kalten Arme der Tocos.

Als das letzte Tocotronic-Album "Kapitulation" erschien, hatten Blumfelds "Verbotene Früchte" und "Lenin" von den Goldies gerade viel Aufmerksamkeit erzeugt. Beides auf je sehr unterschiedliche Weise vom Pop-Mainstream abweichende Positionen, in zwei Richtungen flüchtend, aber vom selben Fluchtpunkt ausgehend: Man hat es durch learning by doing nicht nur in Sachen Selbstverwirklichung zu einer gewissen Reife gebracht und trotzdem keinen Bock auf die Verhältnisse, die eben auch dann noch nicht so sind, wie man sie gerne hätte, wenn man sich einigermaßen mit ihnen arrangiert hat.

Beide Alben waren nicht Pop im Sinne einer Massentauglichkeit, sondern anders und darin höchst durchdacht, und in diesen glamourösen Gesten, sich zur Masse abweichend zu verhalten, doch wieder Pop, weil sie das Versprechen weiterer Möglichkeiten - sowohl am Markt als auch zwischen Radikalindividualismus und Zwangskollektivität - einlösten. Tocos "Kapitulation" ließ sich eher als Höhepunkt der Beständigkeit wahrnehmen, die die eigenen Fans zufriedenstellte und trotz der hochästhetischen Verweigerungspose niemanden vor den Kopf stieß. Eine Meisterleistung reiner Gegenwart, eine Kapitulation so clean, dass man sich an ihr die Finger nicht schmutzig machen konnte. Wodurch sich trotz des erhaben-kritischen Tons in von Lowtzows Texten über geschliffenen Hits ein gewisser Wohlfühlfaktor einstellte, den man bei einem Song wie Blumfelds "Apfelmann" ("Äh, was soll das?") oder Goldies "Lied der Stimmungshochhalter" ("Oh Gott, so ist es!") kaum noch erleben konnte.



Jetzt ist klar, dass dieser Rest an Behaglichkeit den Moment der Irritation wie eine Knospe in sich getragen haben muss, die auf "Schall & Wahn" passend zur Jahreszeit als Eisblume erblüht. Eiskalt albern in dem beschwingten "Bitte oszillieren Sie", und zwar "... zwischen den Polen / Bumms und Bi". Eiskalt böse in der uplifting Vorabsingle "Macht es nicht selbst" - eine Wendung gegen Teile der eigenen Klientel und sogar der eigenen Geschichte, die sich aber auch schön gegen die neoliberalen Verfechter der "Marke Eigenbau" lesen lässt. Hinter der Gefälligkeit so scharfzüngig, dass z. B. Sascha Lobos Iro damit rasiert werden könnte.
[usercomment=http://www.intro.de/forum/plink/1/1263035884/1264265995]Ich hatte so gar keinen Bock auf noch mehr von dieser halbironisch geraunten Düsternis - aber scheiß drauf. Tolle Platte.[/usercomment]
Mit "Im Zweifel für den Zweifel" hat von Lowtzow auf "Schall & Wahn" sein "Going Underground" geschrieben, mit "Die Folter endet nie" die delikate Pop-Hymne für RAF-Sympathisanten und Morrissey-Fans, Arbeitslose und Workaholics, für alle Freunde von Zuckerguss und Peitsche. Ja, die Feststellung, dass für eine Ära, in der sich gebrochene Biografien nicht mehr zu einer glamourösen Erzählung zusammenfassen lassen, wovon letztlich auch schon das kühle "Mein Ruin" vom letzten Album handelte, "Keine Meisterwerke mehr" vorgesehen seien, scheinen Zank, McPhail, Müller und von Lowtzow mit ihrem Manifest des hochnäsigen Shoegazertums selbst Lügen strafen zu wollen. Wer vor der Unwirklichkeit dieser Tage auf der Flucht ist, flüchte in die kalten Arme der Tocos.

Außerdem auf intro.de: "Schall und Rauch" - diskutiert das neue Album mit anderen Usern im Forum.

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