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Aggressive Hoffnung

Savages im Gespräch

Mit »Adore Life« melden sich die Postpunkerinnen Savages nach vier Jahren und einer Welttournee zurück. Die vier Frauen haben sich in neue Gefilde gewagt, die aktuellen Songs drehen sich allesamt um das große Thema Liebe. Aber keine Sorge: Das Album klingt genauso explosiv wie der glorreiche Vorgänger. Lena Ackermann traf die Band in Berlin.
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Der Begriff »Savages« lässt sich nicht mit einem Wort umschreiben. Er bezeichnet Menschen, die wild, grausam, schonungslos sind und gleichzeitig so gelassen, dass es mit lapidarer »Coolness« nicht auszudrücken ist. In jedem Fall schürt der Begriff Erwartungen. Savages sind eine Mischung aus Vito Corleone, jeglichen mit Uma Thurman besetzten Charakteren Tarantinos und Sid Vicious. Als sich die Band 2011 gründete, hatte man Sängerin Jehnny Beth, Gitarristin Gemma Thompson, Bassistin Ayse Hassan und Schlagzeugerin Fay Milton vorausgesagt, mit ihrer Musik eine schwere Zukunft zu haben. Postpunk und Hardcore verkaufe sich derzeit nicht gut. Die vier Frauen kümmerte das Gerede nicht, stattdessen belehrten sie Zweifler mit ihrem Debütalbum »Silence Yourself« eines Besseren. Da ist es nur konsequent, dass sich die Band mit dem Titel ihres aktuellen Albums vom gängigen Punk-Nihilismus ab- und einer eher ungewöhnlichen Losung zuwendet. Die Aufforderung für Band und Hörer im Jahr 2016 heißt: »Adore Life«, liebt das Leben. Was kann es im Moment auch Aggressiveres geben als Hoffnung?

Sängerin Jehnny Beth sieht genauso aus, wie sich Savages anhören: Die schwarzen kurzen Haare sind streng aus ihrem Gesicht gegelt – ein Look, der ihre zarten Züge und die großen, dunklen Augen hervorhebt. Aber im stärksten Kontrast zur schwarzen Bomberjacke und den groben Stiefeln steht das Lächeln der zierlichen Wahl-Londonerin: Es ist eine gekonnte Mixtur aus Brutalität und Zärtlichkeit. Zur Begrüßung gibt es einen kräftigen Händedruck. Sollte es noch Zweifel gegeben haben, sind diese jetzt ausgeräumt: Die geballte Faust auf dem Plattencover ist ihre. Bassistin Ayse Hassan winkt Kiwi kauend vom Sofa. 

Das Konzept des aktuellen Albums deckt sich zumindest auf den ersten Blick nicht so recht mit dem knallharten Selbstverständnis der Band. Die Vorstellung von Liebe ruft eben unweigerlich auch Valentinstags-Kitsch hervor: Rosenblätter, eine Packung Pralinen, zwei zu Schwan-Würsten gedrehte Hotelhandtücher. Schon die Frage nach dem Thema wirkt irgendwie ausgelutscht. Eigentlich hat Jehnny Beth schon gar keine Lust mehr, Auskunft zu geben, warum es jetzt genau noch mal die Liebe sein musste. Sie rollt mit den Augen, schiebt sich schnell noch eine Ananas in den Mund: »Alles begann mit den Texten, die ich während der letzten Tour geschrieben habe. Ich wurde sehr persönlich, schrieb über die Dinge, die mir passiert sind und uns als Band. Wir sind durch die Welt getourt und dabei von sehr vielen Menschen überaus freundlich aufgenommen worden. Das hatte einen großen Einfluss auf uns.« 

»Adore Life« ist frei von rosaroten Hollywood-Klischees. Savages erzählen von Strapazen und Brüchen, die emotionale Beziehungen bewirken, es geht um Sehnsucht, Verlustängste, Selbstaufgabe, Dämonen und Sex. »Um mich überhaupt mit einem Thema auseinandersetzen zu können, brauche ich Ernsthaftigkeit. Liebe ist ernst und sehr tief. Wie der Tod betrifft und berührt sie jeden Menschen. Natürlich ist es ein besonders klischeeanfälliges Thema. Aber für uns war es interessant, etwas zu machen, das man so nicht von uns erwartet hatte.« 

Die zweite Platte ist eine Herausforderung für jede Band – vor allem nach einem hochgelobten Erstling. Savages waren nicht bereit, ihr Schaffen von kommerziellen Fragen oder Existenzängsten einengen zu lassen. »Wir sind angetreten, Musik zu machen, die wir hören wollen«, erklärt Ayse Hassan. »Wir hatten nie vor, irgendetwas für irgendjemanden zu verändern. Es ist wunderbar, dass es Menschen gibt, denen unsere Musik gefällt. Wenn du anfängst, etwas zu schaffen, und die ganze Zeit darüber nachdenkst, wie Leute wohl darauf reagieren, dann wirst du nervös. Wir dagegen sind fucking stolz darauf, was wir tun. Im Vergleich zum letzten Album haben wir uns weiterentwickelt, sind um einiges offener geworden.« 

Eigentlich werden Bands wie Siouxsie And The Banshees oder Joy Division herangezogen, um den Klang der Savages zu beschreiben. Auf der Suche nach neuer Inspiration befasste sich Beth hingegen lieber mit Musik aus den 90ern: »Ich habe mir Soundgarden angehört und Pearl Jam, weil ich zurückwollte zu einer Zeit, in der laute Gitarren-Musik zum Mainstream gehörte. Momentan läuft im Radio ja eher R’n’B. Ich wollte mich an die Zeit erinnern, in der Rock in den Charts war und auf MTV gespielt wurde. Was wir machen, gilt ja derzeit eher als Underground.« 

»I’m cold and I’m stubborn«, sang Beth in »Shut Up«, dem ersten Stück des letzten Albums. Der aktuelle Opener »The Answer« klingt nicht mehr frostig: »If you don’t love me, you don’t love anybody«, schreit Beth da immer wieder. Ein Mantra, das schmerzt. Und das soll es auch, denn Savages wollen wehtun, erst kurz nach der Schmerzgrenze kommt das rohe Gefühl, negativ wie positiv. Live-Auftritte der Band sind berüchtigt, weil sie an Grenzen gehen. Auch das Wort »zerstörerisch« fällt, wenn Beth über Sound und Texte der Band spricht. »Liebe ist eine intrigante, dunkle, gefährliche und sorgenvolle Sache. Wir erkunden all diese Aspekte.« Schnulzige Gefühlsduselei hat hier keinen Platz. »Du musst dich von Musik oder Texten abgrenzen, um sie überhaupt zu einem Stück machen zu können.«

Der Sound bleibt so erbittert und wuchtig wie schon bei »Silence Yourself«. Im Song »Mechanics« bleiben die Gitarren stumm, dafür bauen die vier Frauen eine Geräuschkulisse, die sich an Einstürzende Neubauten orientiert und fast sanft wirkt, zumindest im Vergleich zum tobenden Rest. Am Ende des aktuellen Pressetextes steht ein geradezu apokalyptisches Versprechen: »Love ist the answer.« Schwierig, dieses Lennon-Zitat heute zu verwenden, ohne dabei naiv zu wirken. Bei Savages aber klingt das viel bemühte Flower-Power-Statement cool. Und nachdem man »Adore Life« gehört hat, mag man diesen Satz sogar glauben.

Savages

Adore Life

Release: 22.01.2016

℗ 2016 Matador

Savages »Adore Life« (Matador / Beggars / Indigo / VÖ 22.01.16)
Intro empfiehlt die Tour vom 03. bis 11.03.