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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Einsam an der Spitze

Samy Deluxe

Eigentlich ist die Story von Samuel Sorge eine amerikanische Erfolgsgeschichte. Denn das Selbstverständnis und die Energie, mit denen der Hamburger Rapper Mitte der Neunzigerjahre seinen Alleingang startete, waren für die hiesige Szene absolut untypisch. Als Solokünstler und ohne die Deckung einer
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Eigentlich ist die Story von Samuel Sorge eine amerikanische Erfolgsgeschichte. Denn das Selbstverständnis und die Energie, mit denen der Hamburger Rapper Mitte der Neunzigerjahre seinen Alleingang startete, waren für die hiesige Szene absolut untypisch. Als Solokünstler und ohne die Deckung einer Crew stempelte Samy Deluxe mal eben die komplette Rap-Elite als mittelmäßig bis whack ab und ernannte sich zum einzig flowenden MC des Landes.

Samy Deluxe ist noch ein Teenager, als er 1997 mit dem Dynamite-Deluxe-Demotape zum ersten Mal mächtig Staub aufwirbelt. 10.000 Abnehmer findet die Kassette, und alle sind entsetzt: Wer ist dieser Typ? Was macht der mit Worten? Tatsächlich wirkt Samys gedrungener, leicht genuschelter Stil und seine Art, Reime zu platzieren, auf die deutsche Sprache wie das lang gesuchte Verflüssigungselixier. Selbst Leute, die mit deutschsprachigem Rap bis dato nichts anzufangen wissen, können sich dem Reiz dieser neuen Geschmeidigkeit nicht entziehen. Und so schafft er es 2000 mit einem klassischen Battletrack (›Wie Jetzt?‹) bis in die Charts. Von da an geht es weiter bergauf. Samy Deluxe ist der erste HipHop-Solokünstler, dem der Sprung in den Mainstream, ins große Pop-Geschäft gelingt.

Mit dem neuen Album ›Verdammtnochma‹ präsentiert sich Samy Deluxe auf dem Zenit seines Erfolges. Das knapp 80 Minuten umfassende Album platzt schier aus allen Nähten: musikalisch vielseitig und diffizil, soundmäßig satt und rund produziert, raptechnisch unschlagbar gut und alle Register ziehend. Auch diesmal haben DJ Desue und DJ Rocky mitproduziert. Außerdem steuerte der New Yorker Produzent Megahertz (Busta Rhymes, Nas, P.Diddy) Beats bei – u. a. für die erste Singleauskopplung ›Zurück‹. Auch textlich ist Samy gereift. Und wie immer, wenn die Bäume so viel Früchte tragen, dass die Äste sich biegen und zu brechen drohen und alles im Überfluss vorhanden ist, schleicht sich ein leises Unbehagen ein: Ist das nicht fast zu viel? Fehlt da nicht das Markante, grob Geschnitzte? Aber was soll der Quatsch! Sind wir froh, dass es HipHop bis hierhin geschafft hat, und genießen den Flow.

Auf deinem neuen Album finden sich Battlerhymes, Messageraps, autobiografische Tracks, sozialkritische und antirassistische Statements sowie Partysongs und spirituelle Texte. Eine unglaubliche Bandbreite an Themen, sowohl inhaltlich als auch musikalisch.
Ich kann mich heute nicht mehr nur auf einen Bereich festlegen. Ich höre im Alltag zwar hauptsächlich Rap, aber da fließen so viele Dinge mit ein. Ich suche mir auch gezielt Beats aus, die mich fordern. Klar fragen jetzt viele, ob diese Vielfalt berechnet ist. Aber selbst auf dem Album findet sich nur eine Auswahl meiner Arbeit des letzten Jahres wieder. Zehn Tracks musste ich letztendlich aussortieren.
Auf dem Track ›Warum?‹ sprichst du über das Verhalten von Frauen und die Bedürfnisse von Männern. Das läuft darauf hinaus, dass du sagst, Frauen, die sich sexy anziehen, müssen sich nicht wundern, wenn Männer ihnen nachschauen. Steckt da nicht die alte Stammtischparole hinter: Frauen im Minirock sind selbst schuld, wenn sie angemacht werden?
Natürlich soll das nicht heißen, dass man als Typ einfach eine Frau angrabschen oder anlabern kann. Ich beschreibe in dem Song eher dieses Nachguck-Verhalten, das ja fast schon so ein Reflex ist. Und viele Frauen nehmen einem schon das übel, obwohl sie vielleicht selbst den ganzen Tag vorm Spiegel stehen, nur damit Männer ihnen hinterhergucken. Ich wollte das humorvoll aus der Beobachterperspektive angehen und keinem damit auf den Schlips treten.
Wie erklärst du dir dieses enorme Bedürfnis, auch bei den Rap-Konsumenten, einen harten Ghetto-Lifestyle abzufeiern?
Ich kenne viele Leute, die aus wirklich ätzenden Verhältnissen kommen, die das aber nicht mehr abfeiern, sondern vielmehr die Opfer dieser ganzen Entwicklung sind. Solche Leute versuchen verzweifelt, aus den Verhältnissen rauszukommen, weil es nichts Cooles ist, kriminell zu sein oder in den Knast gehen zu müssen oder ‘ne Knarre oder ein Messer mit sich rumzutragen. Andererseits möchte ich mir auch nicht anmaßen, über solche Leute zu urteilen. Wenn du jetzt z. B. auf Aggroberlin anspielst – ich kenn die Leute nicht, und ich würde nie sagen, was die machen ist nicht richtig. Wenn die tatsächlich ihren Lifestyle reflektieren, dann ist das auch was Gutes, so wie das überhaupt ein wichtiger Part von Rap ist, wenn Leute, die aus sozial schwachen Vierteln kommen, Rap zu ihrem Sprachrohr machen. Da kommt Rap ja auch eigentlich her.
Du setzt auf deinem Album auch deine Beschreibungen und Demaskierungen des deutschen Alltagsrassismus’ fort. Rapper wie B-Tight dagegen behaupten, dass man als Afrodeutscher in Deutschland eigentlich nur Vorteile habe – deshalb sei ein Projekt wie z. B. Brothers Keepers lächerlich.
Wenn es tatsächlich so ist, dass es für ihn im Alltag kein Problem darstellt, dann kann er das natürlich auch so sehen. Dann aber unser Engagement zu kritisieren ist trotzdem ein schwacher Move, weil man mit so etwas insgesamt den Leuten schadet. Ich meine, wir haben das gemacht, weil jemand gestorben ist! Ich habe allerdings auch von anderen Leuten aus Berlin, die das nicht gezielt als Hater-Statement loswerden wollten, gehört, dass die dazu eine andere Meinung haben. Das waren Freunde, die uns nicht kritisiert haben, aber die meinten: Na ja, hier kenn ich eigentlich keinen Rassismus. Und vielleicht ist das auch noch mal was anderes, wenn du in Berlin aufwächst und da auch nicht wirklich weggehst. Viel wichtiger ist aber, was ich sonst in diesem Land mitbekommen habe, was wir z. B. auf unserer Ost-Tour mit Brothers Keepers erlebt haben. Und in diesem einen Punkt fühle ich mich dann doch etwas verantwortlich und möchte meine Erfahrungen weitergeben.
Auf dem HipHop-Open in Stuttgart eskalierte in diesem Jahr ein Streit zwischen Azad und Sido, und es kam zu Handgreiflichkeiten, bei denen Sido verletzt wurde. Was ist los mit HipHop in Deutschland? Schlägt die zunehmende Gewalt der Sprache jetzt um in reale Gewalt zwischen Personen?
Letztendlich ist Gewalt nie eine Lösung, aber wer bin ich, dass ich mich hinstelle und diese Aktion bewerte? Es gibt aggressiven Rap, weil es ein aggressives Leben auf den Straßen gibt. Das eine verursacht das andere – aber wie will man herausfinden, was am Anfang stand? Klar, die Straße hat solche Leute geprägt, und damit auch deren Texte, und die wirken jetzt wieder zurück auf die Viertel. Aber würden die Kids mit weniger Gewalt aufwachsen, wenn alle Rapper nur friedliche Reime kicken würden? Würden sie weniger Weed rauchen, wenn keiner in seinen Lyrics davon erzählen würde?

Mainstream-Erfolg
Unkenrufe, Anfeindungen und Hasstiraden aus der Szene bleiben nicht aus. Von der schlichten Missgunst bis hin zum rassistischen Diss ist alles dabei. Samy bleibt cool. Mit seinem ersten Soloalbum ›Samy Deluxe‹ holt er Gold, wenig später wird ihm der Echo als erfolgreichster HipHop-Künstler Deutschlands verliehen.

Samy zu seiner Zusammenarbeit mit Kool Savas:
Kool Savas ist einer der wenigen Künstler, die ich komplett respektiere. Außerdem ist Savas die einzige Konkurrenz – im positiven Sinne –, die ich im Moment in Deutschland habe. Persönlich hatten wir immer schon Respekt voreinander, und es waren eher die Umfelder, die da eine Spannung erzeugt haben. So war es einerseits natürlich ein großes Ding, als klar wurde, dass Samy Deluxe und Kool Savas einen Track zusammen machen, andererseits war es aber auch nicht so vorsätzlich, wie die meisten Leute denken.