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The Soft Parade

Samba live

08.09.2006, Berlin, Roter Salon. Originelle Vorgruppen: Normalerweise wählt der durchschnittliche Headliner ja entweder eine unbekannte Band aus England oder Amerika als Support (die nachher schrecklich berühmt wird, so dass man sich wünschte, man könnte sich noch an ihren Auftritt erinnern), oder e
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08.09.2006, Berlin, Roter Salon. Originelle Vorgruppen: Normalerweise wählt der durchschnittliche Headliner ja entweder eine unbekannte Band aus England oder Amerika als Support (die nachher schrecklich berühmt wird, so dass man sich wünschte, man könnte sich noch an ihren Auftritt erinnern), oder eine unbekannte einheimische Band (die nie berühmt wird, aber dafür einen wirklich erinnerungswürdigen Auftritt hinlegt). Vor fünf Jahren stellten die Eels allerdings mal einen Pantomimen auf die Bühne, dessen Possen eine willkommene Abwechslung zum üblichen Programm dargestellt hätten, wenn man ihn auch jenseits der dritten Reihe gesehen hätte.

An diesem Abend in Berlin wird's aber noch cleverer. Weil Pop und studentische Literatur ja spätestens seit Goldenboy von Stuckrad-Barre prächtig zusammengehen, gibt es diesmal eine Lesung von und mit Jan Drees, der sein Buch "Letzte Tage jetzt" mitgebracht hat. Darin ist er weniger sein eigener Superlupo, als vielmehr der Chronist bernsteinfarbener Indie-Jungs-Glückseligkeit zwischen Bürgersteig und Baggersee. Kostprobe gefällig? "Ich weiß, dass wir uns nicht mehr wirklich lieben können, wenn draußen kein Sommer werden will und drinnen kein bisschen Wärme, wenn wir insgeheim fragen, was in drei langen Jahren alles verlernt werden kann." Damit kriege ich jetzt hoffentlich keine Copyright-Probleme. Das Publikum besteht an diesem Abend passenderweise auch mehrheitlich aus Pärchen mit schnittigen Frisuren, denen beim Lauschen wohlig melancholisch zumute wird, und die sich heimlich fragen, ob sie jetzt, im Spätsommer ihrer Jugend, wohl auch genug vom Hedonismus-Kuchen abgekriegt haben. Kennt man ja: Alle haben scheinbar aufregenden, selbstbewussten Sex mit den tollsten Typen gehabt, und selber hat man nur überm Klo gehangen und sich gefragt, wie lange man noch durchhalten muss. Da steuert Jan Drees jetzt gegen. Er macht ein paar dieser selbstreferenziellen Witzchen, die gleichzeitig Schüchternheit und Abgeklärtheit verraten, und gibt zu, vor den Auftritten immer nach Lampenfieberbier zu lechzen. Seine Darbietung wird allerdings wohlwollend aufgenommen, auch wenn fast ein Drittel des Publikums draußen herumlungert und raucht.

Gegen halb zwölf kommen dann Samba. Sie werfen kurz einen Blick auf das Lenin-Porträt an der Wand (ausgerechnet!) und spielen dann "Trost'n'Trauer", damit wir bescheid wissen. Sänger Knut hat immer noch diese tolle Ich-hab-schon-alles-gesehen-Punkrock-Stimme, und flirtet mit erhöhter Kredibilität, indem er einfach erstmal das komplette neue Album spielt. Das haben zuletzt Sleater-Kinney gebracht, und davor Blur, aber das ist jetzt auch schon wieder sieben Jahre her. Zwar ist die Band inzwischen nur noch zu dritt, aber dafür sind auch die Songs kürzer. Das passt, denn erstens brauchten Samba sowieso noch nie lange, um zum Punkt zu kommen, und zweitens offenbart sich erst im Hüsker-Dü-Zugriff die unverschämte Poppigkeit des neuen Materials. Dessen bestes Stück heißt "Bitte lass es mich nicht wissen" und ist eins von diesen kompakten Midtempo-Meisterwerken, für die die Musikpresse das Wort "Kleinod" zurückgelegt hat. Super. An dieser Stelle folgt normalerweise immer eine kurze Rekapitulation der Bandgeschichte, die viel zu oft die Vokabeln "Tocotronic", "Windschatten", "Major-Label" und "glücklos" mit einschließt. Heute nicht. Die Anwesenden wissen sowieso alle, dass Samba die einzige Band ist, die auf Deutsch "Ich liebe dich" singen kann, und deren assoziative Steno-Lyrik nie eine politische Profillosigkeit kaschieren musste. Knut erteilt den Publikumswünschen nach alten Geheimfavoriten ("Bundeswehrschlafsack") eine elegante Absage ("Nee, jetzt nich") und erkundigt sich höflich nach der Berliner Hundehaufenproblematik ("Ich unterteile Hunde ja in gefährliche und unnötige"). Dann spielt er "Tip zur Sonne" und verschwindet hinter dem Vorhang. Weil er aber so ein Super-Sympath ist, kommt er nach der kürzesten aller Zugabenpausen wieder hervor und intoniert "Fahrt ins Grüne". Scheiße, ist das wirklich schon zehn Jahre alt?

Am Ende gibt's noch schöne Grüße aus den Kolonien, und den Beweis, dass man nicht immer auf Negativ machen muss, um ernst genommen zu werden. Als Knut uns in die "warme Berliner Nacht" verabschiedet, glauben wir ihm so bereitwillig, dass wir bis nach Hause gar nicht merken, dass es eigentlich schon ziemlich kalt geworden ist.