×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Karl May und die Kids vom Mittelstand

Sam Ragga Band

Eines der großen, niemals aussterbenden Musiker-Klischees ist, dass Getto-Herkunft die Kreativität beflügelt. Wäre dem so, hätte in Hamburg niemals etwas Nennenswertes entstehen dürfen. Denn egal ob Hamburger Schule, HipHop oder Reggae - erfunden wurden diese lokalen Bewegungen von Mittelstands-Kids
Geschrieben am

Eines der großen, niemals aussterbenden Musiker-Klischees ist, dass Getto-Herkunft die Kreativität beflügelt. Wäre dem so, hätte in Hamburg niemals etwas Nennenswertes entstehen dürfen. Denn egal ob Hamburger Schule, HipHop oder Reggae - erfunden wurden diese lokalen Bewegungen von Mittelstands-Kids aus guten Haus. Kunst und gute Manieren - eine gute hanseatische Tradition. Sicherlich kann das Getto ein Kraftfeld schaffen. Etwas, das zu einem "Ich muss" statt zu einem "Ich kann" führt. Trotzdem, ein einigermaßen sorgenfreier ökonomischer Alltag führt hin und wieder auch zu flexiblerem Denken.

1. Hamburger Unterhaltungsgala

Am 15. Dezember 1995 wechselte ich meinen Wohnsitz und zog ins vorweihnachtlich kalte Hamburg. Wenige Umzugskisten-Räumabende später stand die erste Clubnacht auf dem Programm, die "1. Hamburger Unterhaltungsgala". Bis heute ist mir die fröhliche Kreativität dieser ungewöhnlichen Veranstaltung in schillerndster Erinnerung geblieben: Auf dem Trampelpfad zwischen Heinz Karmers Tanzcafe und der alten Betty-Ford-Klinik pendelten dick vermummte, aber glücklich lächelnde Jungmenschen, um möglichst wenig von den unglaublichen Vorgängen auf drei Bühnen zu verpassen. Die Idee der Unterhaltungsgala bestand darin, dass Künstler hier etwas völlig anderes darboten als das, was man sonst von ihnen kannte. DJs musizierten, Dichter sangen und Sänger dichteten. Blumfeld gaben ein umjubeltes Konzert, bei dem - wenn ich mich recht erinnere - nur Songs von Wham gespielt wurden. Und Jochen Distelmeyer, kaum der Phase der spuckenden "Rebel Without A Cause"-Tolle entwachsen, gab eines der herzzereißendsten "Last Christmas" aller Zeiten.

Auch die Eimsbush-Cligge kommt aus diesem Umfeld des flexiblen Gedankenguts. Auch die HipHop-Kids aus dem gutbürgerlichen Westen der Stadt fuhren nie ein monokulturelles Programm. Neben den klassischen Role-Models, Rapper und DJ, gab es hier stets auch Instrumentalisten, fanden andere Musikstile wie Reggae, Elektronik und Rock immer Beachtung. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass Jan Eißfeld (aka Delay) für sein "Searching For The Jan Soul Rebels"-Reggae-Projekt plötzlich eine Sam Ragga Band aus dem Hut zauberte, die tighten Reggae spielte und dennoch nicht gecastet war. Mark Wilkes (git), Alexander Busse (b), Oliver Kusterer (kb), Hartmut Karez (dr) und Detlev von Bötticher (perc) sind mehr oder minder Freunde aus dem Prä-Eimsbush-Umfeld.

Die Prä-Eimsbush-Ära

Marc Wilkes erinnert sich: "Eimsbush ist ja erst 1998 entstanden, da gab es die Sam Ragga Band im Prinzip schon. Die meisten von uns kommen aus diesem Kreis. Mein Bruder, Martin Wilkes, war der dritte Rapper bei den Absoluten Beginnern, ein Gründungsmitglied. 1996 gab es die Flashnizm-Tour. Da war mein Bruder noch dabei und die Beginner wollten damals mit Liveband auf Tour gehen. Also sind Ali und ich mitgefahren. Deshalb kenne ich Jan schon länger, also noch vor Eimsbush-Zeiten. Und die anderen eigentlich auch. Mit Ali, dem Bassisten, hatte Jan ganz früher mal ein Projekt namens 'Elbcore', das waren so Hardcore-Sachen. Und Oliver, Hartmut und ich hatten zusammen ne Funkband. Mit dieser Band haben die Beginner-Leute schon '94 Konzerte gemacht."

Auf der Flashnizm-Tour hatten Jan und Marc dann auch die Idee, eine Reggaeband zu gründen. Heiligabend 1996, beim Christmas-Jam in der Hamburger Markthalle, folgte der erste und für lange Zeit einzige Auftritt. "Wir haben dann eine Zeit lang Drum'n'Bass gemacht", spinnt Marc Wilkes den Faden der Geschichte weiter. "'97 und '98, als das noch richtig brannte. Wir haben parallel aber auch immer wieder an der Reggae-Geschichte gearbeitet, also uns mit Jan getroffen. 'Vergiftet' stammt zum Beispiel aus dieser Zeit. Viele Stücke der Jan-Delay-Platte sind damals schon entstanden."

Von der Backingband zum Plattenvertrag

Offiziell reformiert wurde Sam Ragga dann anlässlich des Nena-Covers und Pop 2000-Beitrags "Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann" - der Rest ist Geschichte. Dass die Sam Ragga-Band aber mehr als die "Hired Hands" des Jan Delay sind, wollen sie nun mit ihrem ersten "Soloalbum" unter Beweis stellen. Dazu wurden Gastsänger geladen: Samy Deluxe, Flowin Immo, Seanie T., Onejiru und Jessica MyIntyre. Auch Jan Delay ist wieder dabei. Da auch die Unterhaltungsindustrie mittlerweile weiß, dass deutscher Reggae da draußen immer selbstverständlicher konsumiert wird, veröffentlicht die Sam Ragga Band "Loktown Hi-Life" beim Major WEA. Zum Interview im Hamburger Glaspalast des Warner-Konzerns treten die fünf Musiker dann auch in geschlossener Formation an. Schließlich steht ein Image-Shift an: Eine Backingband will in den Vordergrund.

Bisher stand bei euch Jan Delay mit seinem Gesicht, seiner Stimme und vor allem seinen Texten im Vordergrund. Ist es nicht schwierig für euch, eine eigene künstlerische Position nach draußen zu kommunizieren?

Marc: Wenn eine Band Charakter hat, dann schlägt sich das auch auf dem Instrumental-Sound der Platte nieder. Etwas anderes ist es mit Studiomusikern, die möglichst exakt nur die Ideen von anderen umsetzen sollen. Wir aber hatten alle unsere Stücke fertig, bevor wir mit den Sängern zu arbeiten begannen. Und dass die Band einen eigenen Charakter hat, sieht man ja auch daran, dass man den Sound eindeutig von der Jan-Delay-Platte wiedererkennt. Auch bei den Tracks, mit denen Jan diesmal nichts zu tun hatte. Es gibt definitiv einen Sam-Ragga-Sound.

Das Album wird von einem Major-Label vermarktet. Musstet ihr als Backing-Band, die um einen eigenen Deal verhandelte, gegen Vorbehalte argumentieren, dass ihr eine Band ohne Gesicht seid?

Marc: Derlei Positionierung ist natürlich das Problem der Plattenfirma. Im Moment freuen wir uns einfach, dass die an uns als gute Band glauben. Auch wenn man nicht so genau weiß, was daraus in Zukunft wird. Jetzt haben wir eine Platte mit verschiedenen Sängern gemacht. Unser nächstes Projekt könnte etwas Komplexeres sein, vielleicht eine Instrumental-Platte. Wir werden aber mit Sicherheit auch ein zweites Jan-Delay-Album machen. Oder ein komplettes Album mit einem anderen Sänger, auch dafür gibt es Pläne. Bereits bei dieser Platte gab es die Idee, das Ding komplett mit Seanie T. als Sänger durchzuziehen. Aber uns fragen ja auch immer wieder Leute, die alle unbedingt mitmachen wollen. D-Flame zum Beispiel, dem mussten wir versprechen, dass er beim nächsten Mal dabei ist.

Doch trotz aller Flexibilität, auf der ersten Single "Die Welt Steht Still" singt wieder Jan Delay. Das hat dem Label bestimmt gut gefallen?

Marc: Wir hatten erst mal freie Hand bei der Wahl der Single. Für uns hätte es jedes Stück werden können. Irgendwann fanden wir einfach, dass "Die Welt Steht Still" der zwingendste Song ist. Im Video ist Jan aber nur kurz zu sehen und auch nur im Bandkontext. Außerdem wirst du feststellen, dass er bei Interviews nicht mit am Tisch sitzt. Dass wir die Interviews hingegen zu fünft machen, soll auch bedeuten, dass wir auf die Musik dieser Band aufmerksam machen wollen.

Ein weiterer Pate, der bei "Soul Rebels" mit von der Partie war, mit dem neuen Album aber nichts zu tun hat, ist der Produzent Matthias Arfmann. Beweist der hohe Wiedererkennungs-Effekt auf der neuen Platte auch, dass Arfmanns Soundeinfluss in der Vergangenheit überschätzt wurde?

Marc: Wenn Arfmann produziert, dann ist er mehr Engineer als dass er in die Komposition eingreift. Wie und was die Band spielt, das war schon bei "Soul Rebels" ganz allein Jan und unser Ding. Es gibt aber auch deutliche Unterschiede zu "Soul Rebels". Zum Beispiel, dass die Bässe bei Arfmann weicher klingen. Bei uns ist alles etwas roher. Wir haben ja auch mit weniger Budget produziert und in einem viel einfacheren Studio aufgenommen - unserem eigenen. Für mich hat unser Sound jetzt einen stärkeren Live-Charakter, bei Arfmann wurde die Musik viel intensiver nachbearbeitet.

Ihr betont ja immer wieder, dass ihr nicht den Anspruch habt, authentischen Reggae zu spielen. Wie kann man den Sound der Sam Ragga Band beschreiben?

Wir sind alle Reggae-Fans. Doch wir nehmen diesen Einfluss auf und versuchen ihn mit unseren eigenen Erfahrungen zu verschmelzen. Wir wollen nichts Jamaikanisches kopieren, nicht wie King Tubby oder Bob Marley klingen. Viele andere in Deutschland versuchen ja, einen bestimmten Jamaika-Swing hinzukriegen. Weiße Mittelstands-Kids, die im Patois-Style toasten, das finde ich persönlich lächerlich. Wir haben eine andere Sprache, uns umgibt eine andere Gesellschaft. Das nehmen wir mit auf. Es ist das, was Jan mal als "Karl-May-Reggae" bezeichnet hat. Jan fährt ja auch diesen Ansatz und ich glaube, dass ihn der auch im HipHop erfolgreich gemacht hat. Er hat nie versucht, die Amis zu kopieren.

Mit dem Verwenden der eigenen Sprache kann man sich natürlich auch recht leicht abgrenzen. Doch wie gelingt es ohne Worte? Wir spielt man auf seinem Instrument "Karl-May-Reggae"?

Marc: Wir haben ja als Instrumentalisten eine sehr weit über Reggae hinausgehende Prägung. Meine Lieblingsgitarren kommen von Sonic Youth, Birthday Party und David Byrne. Ich denke, dass hört man auch heute noch.

Oliver: Ich bin mit Duran Duran und A-ha groß geworden. Das habe ich damals geliebt und Reggae ist erst später dazu gekommen. So verhält es sich auch mit den Keyboard-Sounds. Da stehe ich halt auch mal auf synthetische Sounds, die aus den Achtzigern kommen.

Detlev: Und ich bin als Percussionist ziemlich stark von Brasilien beeinflusst, habe auch länger da gelebt. Zum Reggae bin ich erst recht spät gekommen und da gibt es ja auch eigentlich gar keine richtige Percussion-Kultur. Im Reggae ist alles sehr sparsam und die Percussionisten machen einfach irgendwas, was dazu passt. Das ist im Salsa völlig anders, da übernimmt die Percussion eine ganz eigene Funktion. In Brasilien wird auch viel Reggae gehört - aber die Leute dort haben ihr eigenes Verständnis von dieser Musik. Deshalb ist das, was wir hier jetzt machen, auch irgendwie ganz normal.