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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Ein Nachruf und ein letztes Interview

Saint Thomas

Er war einer der besten Songwriter Norwegens. Jetzt starb Saint Thomas mit nur 31 Jahren. Ein Nachruf und das letzte Intro-Interview - nur wenige Wochen alt.
Geschrieben am

Saint Thomas ist tot.
Montag Abend starb Thomas Hansen in seiner Wohnung in Oslo. Das ist eine sehr traurige Nachricht. Irgendwie hatte ich schon während der letzten fünf Jahre befürchtet, dass die Beziehung zu ihm ein unglückliches und abruptes Ende finden könnte. Das erste Mal erlebte ich Saint Thomas 2002 auf einem Konzert in Frankfurt, als er nach zwanzig Minuten betrunken von der Bühne torkelte. Ich verliebte mich sofort in den traurigen Künstler und seine traurigen Songs. Auf dem nächsten Konzert kam ich gerade rechtzeitig, um seine letzte Zugabe noch mitzukriegen.
Als sein drittes Konzert anstand und ich ein Interview mit Saint Thomas bekommen hatte, war ich derartig aufgeregt, dass ich meine angeschlagenen Nerven mit reichlich Rotwein und Jägermeister therapierte. Der Abend schließlich endete damit, dass ich mich auf der Toilette des Kölner Gebäude 9 übergab. An den Rest habe ich nur verschwommene Erinnerungen. Das vierte Konzert fiel aus, die Tour wurde wegen Thomas' schlechter psychischer Verfassung abgebrochen. Ach.
Diese Geschichte hat kein glückliches Ende.Aus seinen Depressionen und seiner Medikamentenabhängigkeit hat Thomas Hansen nie einen Hehl gemacht. Was genau Montag Abend in seiner Wohnung in Oslo geschah, ist bislang nicht bekannt. Hansens Familie distanziert sich deutlich von einem Suizid und spricht von einer unglücklichen Kombination verschiedener Medikamente. Der Tag habe wie immer begonnen, heißt es, und Thomas hielte seine neue Platte für die bislang beste überhaupt. Sein Label spricht auf der Webseite von Schwierigkeiten, die es zuletzt gegeben hatte - doch jetzt zählen nur noch die vielen guten Momente. Natürlich. Eine Obduktion steht noch aus, und anstelle von Beileidsbekundungen bittet die Familie um Spenden für die Psychiatrie. Saint Thomas wurde 31 Jahre alt. In Zukunft werde ich mir schön die Äuglein leer gucken, wenn ich wie zu Anfang der letzten 66 Monate auch hoffnungsfroh im Intro als Erstes nach seinen Tourdaten Ausschau halte.

Meike Wolf

P.S.: Nur wenige Tage vor dem Tod von Saint Thomas ging unser Magazin mit dem Schwerpunkt Norwegen in Druck. Saint Thomas ist darin mit einem Interview vertreten, das Linus Volkmann vor wenigen Wochen mit ihm führte. Hier das ungekürzte Interview. Wir bitten um Verständnis dafür, dass die Printversion ohne einen Hinweis auf den Tod von Saint Thomas auskommen muss - das Heft war schlicht schon in Druck gegangen.

Was ist für dich das Beste an Norwegen?
Ich mag die vielseitige Natur, die hier so nebeneinander liegt. Du kannst in Oslo einen Stadtbummel machen, nimmst dann den Bus und bist in 15 Minuten in den verschneiten Wäldern und könntest Skifahren.

Und was macht einen fertig hier?
Wenn Norweger sich betrinken, wird es hässlich. Wegen der strikten Alkohol-Ausschankregeln haben die Leute offensichtlich eine sehr unkontrollierte Beziehung zu ihren eigenen Trinkgewohnheiten.

Du giltst ja als ziemlicher Fußballnerd. Erzähl doch mal zu dem Thema was: Wer ist deine Mannschaft, wer dein Lieblingsspieler?
Ich habe selbst in der ersten Division für den Club Skeid gespielt. Und ich habe mir zuletzt sogar das Logo des Vereins auf meinen rechten Arm tätowiert. John Carew ist mein Lieblingsspieler [Stürmer, mit gambischen Wurzeln]. Er spielt auch in der norwegischen Nationalmannschaft.

Warum sah Oslo von der Architektur her eigentlich ziemlich schäbig aus, als wir es besuchten? Ihr habt doch Geld und hattet keinen Bombenkrieg?
Oslo hat mehr zu bieten, als man auf den ersten Blick vielleicht denkt. Es leben nicht so viele Leute dort, aber es hat ein großes Einzugsgebiet. Und die schönsten Viertel der Stadt erinnern mich an Friedrichshain in Berlin.

Hast du einen Clubtipp für Leute, die ein paar Tage in der Stadt sind?

Den Mono-Club. Nur an den Wochenenden ist er voll mit schrecklichen Wanna-Bes, die in einer langen elenden Schlange davor warten. Aber sonntags hast du dort eine echt gute Zeit. Dann gibt es noch das Sound Of Mu unten im Stadtteil Markveien und das Mir in Toftesgate. Die beiden Läden sind echt klein, aber es gibt dort immer beengte Live-Shows von kleineren Bands. Ach, und das Blå, das bedeutet Blau, ist ein cooler alternativer Jazz-Club in einer alten Fabric-Area am Fluss.

Welche drei norwegischen Bands kannst du denn einfach mal so empfehlen?
Ai Phoenix, The Captain And Me, Ricochets.

Wie denkst du über den norwegischen Black Metal und die Exzesse mit den Kirchenbränden?
Also, ich bin kein Fan von brennenden Kirchen, aber ich höre mir gern die Musik an. Burzum, der ja immer noch im Knast sitzt, macht coole Musik. Black Metal entspannt mich, wenn ich nachts Auto fahre. Die Typen sind aber auch so extrem gute Musiker. Und persönlich meistens richtig nette Leute.

Und wie sieht es bei dir aus? Was geht?
Ich habe gerade Stücke für mein Seitenprojekt fertiggestellt: Jesus And Princess Maria (www.myspace.com/jesusandprincessmaria). Das sind übrig gebliebene Stücke, auf denen meine Ex-Freundin singt. Ein neues St.-Thomas-Album spielen wir diese Tage auch ein. Die Gitarren sind schon gemacht. Dauert alles nicht mehr lang.