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Gegen den Tag

S O H N

Die Mischung aus introspektiv angehauchtem R’n’B und karger elektronischer Instrumentierung hat eine stetig wachsende Fangemeinde. Toph Taylor a.k.a. S O H N vereint die Gegensätze auf seinem Debütalbum »Tremors« besonders hypnotisch. In Berlin erklärte er Martin Riemann, wie er während der Produktion Wiener Nächte durchmachte – und warum die geliebte Drum Machine nicht mehr mit auf die Bühne darf.
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»Ich war bis gestern noch in Los Angeles und habe dort an dem Material anderer Künstler gearbeitet. Jetzt muss ich mich erst mal daran gewöhnen, dass es nur um mich geht.« Die Stimme des Mannes, der sich S O H N nennt, ist sanft und klar, man kauft ihm seine Bescheidenheit sofort ab.

S O H N kann sich gut in andere Künstler hineinversetzen, vor unserem Treffen in Berlin hatte er sein Talent als Songwriter und Produzent den KollegInnen Banks, Eric Hassle und Kwabs gewidmet. Weitaus schwerer fällt es ihm, die eigene künstlerische Identität zu präsentieren. Schon sein Look lässt ihn wie ein wandelndes Geheimnis wirken. Zum Interview erscheint er in einer Art schwarzer Designer-Mönchskutte, inklusive riesiger Kapuze über der dunklen Wollmütze. Auch der Rest seiner Kleidung ist schwarz, von den silbernen Metallverschlüssen seiner Stiefel abgesehen. Der mysteriöse Touch ist nicht bloß eine Marotte, auch auf seine musikalische Vergangenheit möchte er nicht so gerne angesprochen werden. Klar, wenn Toph Taylor, so sein bürgerlicher und eher selten erwähnter Name, schon Schwierigkeiten hat, auf Kommando S O H N zu sein, hat er garantiert keine Lust, auch nur ein Wort über seinen vorherigen Act zu verlieren.

 

Wiener Angst

 

2004 wurden Trouble Over Tokyo als vierköpfige Alternative-Rock-Band gegründet und bereits während der Aufnahmen zum ersten Album aufgelöst. Von da an tüftelte Taylor alleine in seinem Schlafzimmer weiter und kreierte mit vornehmlich elektronischen Mitteln etwas, woran sich das Internet als »Indielectro Angstpop« erinnert. Seine größten Erfolge feierte dieser Stil in Österreich, womit auch die Frage beantwortet ist, warum der ursprünglich aus London stammende Musiker jetzt in Wien lebt. Angstpop aus Wien? Wer den morbiden Charakter dieser Stadt kennt, muss zugeben, dass das nicht unbedingt widersprüchlich rüberkommt. Und obwohl S O H N anders klingt, ist die Faszination für Schrecken und Tragik ein wichtiger Bestandteil des Albums.

 

Mit »Tremors« spielt Taylor auf existenzielle Erlebnisse an. Erschütterungen, die längst verarbeitet geglaubte Katastrophen aufwühlen. Alle Songs spiegeln diese Idee auf sorgfältig durchdachte Weise wider – durch die Gegensätzlichkeit von Stimme und Instrumentierung. Taylors feinfühliger Gesang bewegt sich auf den mitunter harschen Electroklängen wie ein Geisterfahrer auf der Autobahn. Dass dennoch derart wohlklingende, hypnotische Songs entstanden sind, ist die eigentliche Kunst S O H Ns. Und die kann man nur verstehen, wenn man sich von ihm erklären lässt, was dahintersteckt.Nehmen wir den Song »Lessons«. Dessen Tonfolge klingt irgendwann penetrant, aggressiv, nervt wie ein anschwellender Alarm. »Das ist exakt, was ich will«, gibt Taylor zu. »In ›Lessons‹ ist es ein sich wiederholender Sirenenton, der dich darauf vorbereitet, dass etwas passieren wird. Und wenn es passiert, ist es eine Fortsetzung desselben Riffs, aber auf eine sehr fiese Weise. In dem Stück ›Fool‹ findest du etwas Ähnliches. Da habe ich einen Sound gesucht, der verstörend kantig und flach klingt, damit der Hörer sich leicht unbehaglich fühlt. Es gab einen Moment beim Mastering, an dem ich dem Toningenieur sagte, dass man sich leicht übel fühlen solle, kurz bevor dieser Ton aufhört, um das Gefühl einer Achterbahnfahrt zu erzeugen. Bei mir dreht sich alles um Crescendos.«

 

Ziel sei es nicht, den Hörer zu quälen. Toph Taylor glaubt bloß, dass ein gewisses Wohlempfinden erst möglich wird, wenn man sich kurz vorher leicht unbehaglich gefühlt hat. Der Gesang von S O H N würde eigentlich bestens zu geschmeidigen R’n’B-Balladen passen, auf »Tremors« muss er sich in einem feindseligen Klangkosmos behaupten. »Meine Vorstellung ist, dass die Gesangsstimme versucht, gewissen schädlichen Einflüssen auszuweichen, und es bis zu einem gewissen Grad auch schafft«, erklärt Taylor. »Aber wenn sich alles aufzulösen scheint, kehrt dieser ungewollte Einfluss zurück, so wie einem plötzlich eine schlechte Erinnerung durch den Kopf schießt. Um diesen Moment geht es mir. Das ist die Idee hinter ›Tremors‹.«

 

Maschinen-Mensch

 

Taylor legte bei der Produktion des Albums größten Wert auf den menschlichen Faktor. Als S O H N kommt er ohne Software oder Presets aus, beschäftigt sich stattdessen eingängig mit älteren Synthesizern, zum Beispiel dem JUNO. Wie Taylor liebevoll von seinen »Maschinen« spricht, könnte man den Eindruck gewinnen, es sei von kauzigen Haustieren die Rede. Die Macken der Maschinen zwängen ihn zum ständigen Umdenken, erklärt er. »Diese alten Geräte begeistern mich, weil es nur von mir abhängt, was aus ihnen rauskommt. Die Frage lautet, wie schnell du auf die Fehler der Maschinen reagierst. Eine Erfahrung, die ich als Musiker vorher noch nie hatte. Erst die Geschwindigkeit, mit der du auf Unerwartetes reagierst, lässt dein Zeug genial werden.«

 

Folglich kann kein Element von »Tremors« jemals exakt reproduziert werden: »Ich plane meinen Sound nicht voraus, und ich kann ihn auch nie wieder genau nachspielen. Manchmal möchte ich bei einem Basslauf ein paar Akkordfolgen ändern und bemerke, dass ich gar nicht mehr weiß, wie ich diesen Basssound überhaupt hingekriegt habe.«

 

Wichtige Partnerin im Produktionsprozess des Albums war eine Drum Machine, die Taylor selbst »bösartig« nennt. Dabei scheint er geradezu verliebt in sie, einer der Songs auf dem Album trägt sogar ihren Namen: »Tempest«. »Die Tempest ist zwar ein modernes Gerät, aber sie funktioniert vollständig analog und produziert geradezu lächerlich seltsame Töne«, schwärmt Taylor, »zum Beispiel die vor und zurück springenden Feedbacksounds in ›Paralysed‹. Das Lied entstand in den ersten zehn Minuten, nachdem ich die Maschine bekommen hatte.«Technische Innovationen beeinflussen Musikstile – das ist nichts Neues. Zuletzt gelang es Skrillex mit einem einzigen Software-Plug-in, ein ganzes Genre zu kreieren. Hat Taylor kein Problem damit, wenn man seine Arbeit mit einem bestimmten Instrument identifiziert? »Das ist nur fair gegenüber der Maschine!« erklärt er. »Ihre Erfinder haben einen Weg gefunden, meine Vorstellung von Rhythmusaufbau grundlegend zu verändern. Die Tempest ist unberechenbar. Du bekommst etwas von ihr, das mit am Computer programmierten Beats nicht zu erreichen ist.« Taylors Zuneigung zur Tempest nahm derartige Ausmaße an, dass er sich gezwungen sah, sie bei seinen Live-Sets in den Hintergrund zu verbannen: »Die Trennung war nicht leicht, aber schließlich muss ich wegen meines Gesangs sehr emotional sein. Die Tempest hinderte mich daran, mich auf meine Stimme zu konzentrieren. Wir nutzen live jetzt nur noch Aufnahmen von ihr.«

 

Ob sich Taylor auch in seine Wahlheimat so verliebt hat? Er nestelt an der Kapuze seiner Kutte herum, um etwas weiter auszuholen: »Vor zwei Monaten spazierte ich durch Wien, und die Stadt war komplett menschenleer. Es war bizarr, so, als würde ich durch einen geschlossenen Vergnügungspark laufen. Ab einer gewissen Uhrzeit kann man in Wien nicht viel unternehmen. Perfekte Bedingungen also, um zu arbeiten.«

 

Taylor schraubte prinzipiell nachts an »Tremors« herum. Tatsächlich fällt es schwer, die Songs des Albums mit der geschäftigen Stimmung des hellen Tages in Einklang zu bringen. Doch nicht nur aus reinem Stilwillen zog Taylor die Nacht vor. Es sollte für ihn keinen Grund geben, das Studio zu verlassen. »Ich fing täglich so gegen 19 Uhr an und arbeitete ungefähr sechs Stunden«, erläutert er seine Methode der Selbstdisziplinierung. »Gegen eins kam dann meist der Punkt, an dem ich das Gefühl hatte: Nichts geht mehr. Dann schaute ich auf die Uhr und bemerkte, dass die letzte Tram schon weg war. Also blieb ich bis zum Tagesanbruch. In diesen Zeiträumen kamen mir die besten Ideen. Morgens war der neue Song dann jeweils fertig. Ich konnte das Album nur aufnehmen, weil ich mich selbst überlistet habe. Der einzige Nachteil war, dass ich mich wegen dieses Rhythmus’ sehr schlecht ernährt habe. Mein Abendessen bestand manchmal nur aus einer Gewürzgurke.«

 

- S O H N »Tremors« (4AD / Beggars / Indigo / VÖ 04.04.14)

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