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Rockertod und Nietzsche

Russian Circles live in Dortmund

Ausgerechnet zum Anbruch des Wonnemonats Mai bringen Russian Circles die höheren Härte- und Kältegrade ihres Post Rocks nach Dortmund. Dass das US-Instrumental-Dreigestirn den Namen einer Eishockey-Trainingsübung spazieren führt, kommt einer gefährlichen Verharmlosung gleich.
Geschrieben am
01.05.15, Dortmund, FZW

Irgendwann ist das Maß voll und die Metaphern-Kiste leergekramt: Gitarrenwände, Soundscapes, der unanständig anmutende Begriff des Kopfkinos, die ewigen Vergleiche mit Naturgewalten und -zyklen. Post-Rock-Fans haben guten Grund, sich in einem nietzsche'schen Kreislauf ewiger Wiederkehr zu wähnen. Alles nimmt laufend seinen Lauf und das Murmeltier kann nicht vom Grüßen lassen. Na, wenn's denn aber so ist? Hochkochen, Auskühlen. Crescendo, Decrescendo. Gitarre, Gitarre, nochmal Gitarre. Macht ohne Worte. Das war schon beim ersten Mal so und wird auch beim letzten Mal wieder so sein. Leser entsprechender Konzertberichte trifft es natürlich besonders schlimm. Stößt man aber in der Zwischenzeit – sei es durch Zufall oder in einem Anflug guten Geschmacks – auf Russian Circles, hat man den Salat und die kleine Welt der großen Sounds gerät aus den Fugen. Nicht, weil sie die Dinge anders angehen würden. Sie sind einfach besser.

Brian Cook, Dave Turncrantz und Mike Sullivan (von links nach rechts) sind zwar nur drei an der Zahl, spielen aber für viele. Die Technik gibt es her, und eine Beinarbeit, wie man sie bei manchen Tennisspielern schmerzlich vermisst. Was wären Russian Circles nur ohne die kleinen Schalt- und Machtzentralen zu ihren Füßen? Wohl unterbesetzt. Und was wären sie ohne die besengte Sau hinter den Drums? Turncrantz ist mehr als bloßer Verwalter eines Rhythmus-Obligatoriums, sein athletisches Spiel ist Startpunkt, Rückgrat und Wiedererkennungsmerkmal der Band. Das wird auch auf der Bühne offenbar, wo sich das tosende Trio mit Gegenlicht und Nebelschwaden vornehm verschleiert.
Schroff-stoisches Gebretter und grimmiger Staccato-Stechschritt liegen der Band aus Chicago genauso am Herzen wie die filigrane, melodieverliebte Facettenschau; ihr Publikum stellen sie vor die ungewöhnlich freie Wahl zwischen Headbangen und Schunkeln. Mike Sullivan ist als Großmeister der Loops und Layers permanent ein paar Takte voraus. Immer neue, messerscharfe Riffs zirkelt er auf den noisigen Grundtonus, um sie dann sich selbst zu überlassen und mit mal mehr, mal weniger verzerrten neuen Entwicklungen zu verflechten – oder sie den röhrenden Bass-Stößen aus den Gerätschaften Brian Cooks zu überantworten. So türmen sich gigantische Klangmassive auf, denen beim Wachsen, Mahlen und Bersten zuzuhören Gänsehaut bereitet.

Selten entfernen sich Cook und Sullivan dabei von ihren Pedalboards. Immerhin gilt es einen Strauß Orkane zu bändigen. Der speist sich aus sämtlichen Releases der Band – zu gleichen Anteilen, denn Russian Circles müssen nichts umschiffen. Sie waren schon immer gewaltig. Untrügliches Beweisstück ist »Death Rides A Horse«, das schon auf dem 2006er Debüt all die Klasse vereinte, die die Band mittlerweile in fünf LPs aufgefächert hat. Die letzte kam Ende 2013, die nächste kommt ganz bestimmt. Statistisch gesehen noch dieses Jahr. Nach dem heutigen Abend allerdings mag das eine Nuance weniger interessieren. Man will Russian Circles nur noch live spielen sehen und den Balanceakt meistern hören. Antreten, abliefern, großartig sein. In ewiger Wiederkunft.