×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Komm zurück, zur Prasssucht des Ausdrucks

Rufus Wainwright

Rufus Wainwrights Geniestatus ist in der jüngeren Popgeschichte beispiellos. Jens Friebe traf den Ausnahmekünstler in seiner neuen Heimat Berlin.
Geschrieben am
Rufus Wainwrights Geniestatus ist in der jüngeren Popgeschichte beispiellos. Leute wie Nelly Furtado, Neil Hannon und Elton John gestehen das mit einer Neidlosigkeit ein, die stutzig macht, während Breitenwirkung und Superstardom sich noch etwas bitten lassen. Hängt eins mit dem anderen zusammen? Und könnte sich beides schon mit "Release The Stars” ändern?

“Der ursprüngliche Plan war, ein sehr schlichtes Album zu machen, ohne großen Produktionsaufwand”, sagt Wainwright, den eine strassverzierte Designersonnenbrille vor dem Licht auf der Terrasse des Radisson Hotels schützt. “Deshalb wollte ich Teile der Platte hier in Berlin aufnehmen, ich wollte mich von der Roughness und der Strenge dieser Stadt inspirieren lassen. Aber daraus wurde irgendwie nichts. Mit meinem Freund, der bis vor Kurzem noch hier lebte und an der Staatsoper arbeitete, ging ich viel auf Konzerte, und wir sahen uns Sanssouci an. Eine Welle deutscher Romantik brach über mich herein, ich kaufte mir sogar eine bayrische Lederhose.” Darüber, statt einstürzender Neubauten renovierte Schlösser gefunden zu haben, lacht Wainwright, ohne zu lächeln, so wie man es von kunstszenigen Tunten aus Filmen kennt. Abgesehen davon ist er aber viel zu wenig kühl, um wirklich blasiert zu wirken. Er hört teilnahmsvoll zu und redet bewegt, vor allem, wenn es um klassische Musik geht: “Zu ignorieren, was in den letzten paar hundert Jahren an großartigem Zeug komponiert wurde, ist das Dümmste, was ein Songwriter machen kann. Schaden kann es dir ja auf keinen Fall. Ob du was benutzen willst oder nicht, ist deine Sache – take it or leave it.”

Ich bin da leider nicht so sicher. Abschreckende Beispiele gibt es schließlich genug, und zwar gerade unter den Allergrößten. Paul McCartney etwa mit seinen schrecklichen Suiten oder Elvis Costello, der sich an einer Ballettmusik für den Sommernachtstraum verhob. Sie hätten besser die Finger von dem Zeug gelassen. Und genau sie bilden mit vielen anderen grandios Gescheiterten die dunkle Schar, aus der Rufus Wainwright so hell als der Erste hervorstrahlt, der es wirklich geschafft hat, klassische Kompositionstechniken für die Popmusik nutzbar und sich selbst dabei nicht lächerlich zu machen. In Artikeln zu früheren Platten ging es meist um das Ravel-Zitat in “Oh What A World”, und es ist ja auch unglaublich, dass jemand aus diesem restlos zerfledderten Kadaver von “Bolero” tatsächlich noch was rausbekommt. Wirklich interessant wird es aber bei einem Stück wie “11/11” (ebenfalls von der “Want One”), dem man wegen seines konventionellen Arrangements erst nach mehrfachem Hören anmerkt, dass es kein ganz normales Popstück ist, sondern ein raffiniert durchkomponiertes Kunstlied. Wiederkehrende Versatzstücke wechseln mit nur einmal auftauchenden Passagen, die ihrerseits durch kleine harmonische oder melodische Motive miteinander kommunizieren. “Es ist ja nicht nötig, Sonaten nachzuahmen”, führt Wainwright meinen Gedanken zu “11/11” ins Allgemeine fort, “aber zumindest an der Unbedingtheit des Kunstwillens sollte man sich orientieren, an der Intensität – an Beethovens ›Es muss sein‹ (im Original Deutsch).”
Die letzte Sentenz auf die zärtliche Kunst Wainwrights anzuwenden scheint zunächst schwierig, aber, wenn man nur kurz darüber nachdenkt, stimmt es schon wieder: All die verspielten, selbstverliebten Schnörkel und Wendungen, die Kurzausflüge in entlegene Tonarten, die an Puccini geschulten Schmachtfetzen-Miniaturen, die er dem Hörer – am liebsten dann, wenn der das Lied schon für beendet hält – in Form einer Bridge oder Coda vor den verblüfften, beschenkten Latz knallt, all das MUSS sein, so wie eine Träne, ein Luftsprung, ein Kuss und eben nicht wie der Tod unterm Fallbeil. Mit denen, die unter Letzterem den Kopf verloren haben, sympathisiert Wainwright nur zur Hälfte im Scherz, denn schließlich wurde nach der Französischen Revolution der Adel zur Chiffre für alles, was bourgeoise Sexual- und Arbeitsmoral in ihren Trägern zu unterdrücken versuchte – für alles Müßige, Schwächliche und Schwule. Und so suchen den “Gay Messiah” (als den sich Wainwright einmal selbst besang) im Text von “Sanssouci” Visionen von geilen Geisterpartys im feudalen Spuk- und Lustschloss heim. So lustig das klingt, so einzigartig ist doch auch der Ernst, mit dem er seine Sexualität in seiner Kunst thematisiert. “I shed a tear between my legs”, singt er in einem Lied, und dieser seltsam traurigen Masturbationsmetapher folgt die Fantasie, mit dem verzweifelt Geliebten aus einer untergehenden Stadt zu fliehen. Kein Euro-Disco-Anklang und kein akademischer Verweis relativiert hier die Intimität. Seiner aus Momenten wie diesen erwachsenen Sonderrolle als schwuler Songwriter ist sich Wainwright bewusst: “Ich habe neulich zu Neil Tennant gesagt: ›Ich freue mich natürlich über euren Erfolg und den von den Scissor Sisters. Aber der Tribut für die allgemeine Akzeptanz ist, dass ihr in irgendeiner Art campy sein müsst.‹”

Neil Tennant diente Wainwright übrigens als einziger Berater bei der ansonsten zum ersten Mal im Alleingang produzierten Platte – womit wir zu dem Punkt kommen, um den ich schon die ganze Zeit herumrede: meine Enttäuschung. Es hat natürlich nicht nur mit der Produktion zu tun, obwohl mir Produzent Marius de Vries diesmal wirklich fehlt. Problematisch ist vor allem der Versuch, ein gradliniges Album zu machen, den Wainwright leider nicht so vollständig aufgegeben hat, wie er behauptet. Damit hat er die Fehler von Costello und McCartney in Gegenrichtung wiederholt: Er hat sich unterfordert. Die Single “Going To A Town” beweist, dass er Songs schreiben kann wie Billy Joel, wenn er will; aber, Gott, wieso will er das denn plötzlich? Vielleicht ja, um einen echten Hit zu haben. Das könnte sogar klappen, denn der Text ist eine catchy Amerikakritik und kommt hier sicher gut an. Zu wünschen wäre das Gegenteil, denn ein Erfolg würde ihn nur darin bestärken, so weiterzumachen.

Übrigens soll kein falscher Eindruck entstehen: Auf dem Irrweg, den “Release The Stars” für mich bedeutet, findet er immer noch Schätze, von denen andere nur träumen können. Auf “Between My Legs” etwa singt er rotziger denn je, fast punkig, und auch die Melodie ist rabiat, scheinbar determiniert und doch unberechenbar wie der Kurs einer Flipperkugel. Hier hört man vielleicht wirklich noch einen Rest schmutziges Berlin. “Tiergarten” und “Sanssouci” wiederum sind sehr schöne Singalongs in der Art, wie sie Stephin Merritt draufhat. Diese ganzen Mitbringsel sollte Wainwright jetzt zusammenpacken und zurückkehren zu der ihm wesentlichen Prasssucht des Ausdrucks, so wie er mit dem letzten, titelgebenden Lied aus Europa nach Amerika zurückkehrt. Hoffnung ist berechtigt, denn ein Künstler kann gegen seinen Willen so einiges verlieren, nicht aber seine Komplexität. Also liegt zwischen uns Bewunderern und unserem neuerlichen Glück nur eine Entscheidung Wainwrights, dem wir die eigenen Verse zurufen möchten: “Release the stars / release your love!”

Best Party
Da ist ein Feuer im Kloster / Und es ruiniert diese Cocktailparty / Gestern hörte ich, sie haben ein Baby geklont / Kann ich also jetzt endlich mit mir selber schlafen?

Worst Party
Da ist ein Feuer im Kloster / Und es ruiniert diese Cocktailparty / Gestern hörte ich, die Pest kommt / Einmal mehr, um mich zu finden.

Top 3 Partysongs
Richard Strauss “Ah! Ich habe deinen Mund geküsst”
Jean-Philipe Rameau “Danse De Sauvages”
Peter Tschaikowsky “Polonaise”

Da der Autor vergaß, die Partyfragen zu stellen, entnahm er die Antworten Wainwrights Lied “Waiting For A Dream”. Die Top 3 Partyknüller entstammen wiederum der “Yellow Lounge”-Compilation, auf der Wainwright seine Classic-Favourites vorstellt.