×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Mit The Strokes, Massive Attack, Systemkritik und irrer Stromrechnung

Rückblick: Hurricane 2010

Das Konzept ging auf: Auch ohne die großen Stadionbands war das 14. Hurricane-Festival ausverkauft.
Geschrieben am
Das Konzept geht auf: Auch ohne die großen Stadionbands ist das 14. Hurricane-Festival ausverkauft. Der vielleicht beliebteste Stargast ist auch dabei – denn statt mühselig den angekündigten Dauerregen herbeizukarren, stellt sich wohl auch Wettergott Petrus lieber mit einem Humpen Ambrosia vor die Bühnen des beliebtesten Festivals Norddeutschlands.
 
So blieb das Hurricane, im Gegensatz zum leider weniger glücklichen Southside, davon verschont, zum Schauplatz von "Waterworld II" zu werden: Lediglich zum Auftritt von Vampire Weekend am Sonntag sah sich das Publikum mit einem kurzen Platzregen konfrontiert, der aber höchstens die Konsistenz der Freilufttanzfläche namens Eichenring etwas aufweichte.

Zu tanzen gab es nämlich insbesondere am letzten Tag des Festivals ausreichend Gelegenheit. Als wären der Einstieg mit James Murphys LCD Soundsystem und das Hit-Bombardement mit den "schlaflosen" Faithless nicht genug gewesen, ballerten The Prodigy ganz zum Abschluss noch einmal jegliche Restenergie aus den Tanzbeinen. Blaue Flecken inklusive: Keine andere Band stellte sich beim Hurricane so häufig als Moshpit-Geburtshelfer heraus wie Keith Flint & Co.
Eine ganz andere Verbindung aus Tanzboden und Gefahr für die Gesundheit stellte wiederum die erstmals aufgestellte, elektronisch fokussierte White Stage da: Aufgrund übermäßiger Menschenmassen musste diese am Samstag frühzeitig geschlossen werden. Frittenbude, Erol Alkan und Boys Noize nahmen's locker und schleppten ihre DJ-Sets wenige Kilometer weiter in die Hansestadt Hamburg.
 
Nichtsdestotrotz: Die Festival-Stromrechnung wurde an diesem Abend dennoch sicherlich genug belastet, standen des Nächtens doch Massive Attack und ihre bombastische Lichtshow auf der Bühne. Zu wummernden Bässen und relaxtem Trip-Hop wurden mittels Millionen kleiner leuchtender Lämpchen Israel, Medien und Konsumkultur angeprangert. Klar ist es bedenkenswert, wenn der Preis einer Prada-Handtasche dem Brutto-Inlandsprodukt diverser afrikanischer Kleinstaaten entspricht – aber was mag der visuelle Overkill von Massive Attack wohl kosten?
 
Vergleichsweise sporadisch präsentierten sich hingegen die Headliner der Green Stage. So wickeln die Beatsteaks auch ohne dekadente Bühnendeko ihr Publikum zu Zehntausenden um den Finger wie eh und je, zollen mit diversen Covern ihren alten Helden Tribut und bereiten einem Fan vielleicht den Tag seines Lebens, als dieser eigenhändig "Not Ready To Rock" ins Mikro bölken darf. Hätten die Beatsteaks subversive Impulse und die Absicht, ihre Festivalbesucher zum Stürzen der Regierung zu animieren – Schwarz/Gelb hätte ein Problem.

Vielleicht als Einziger noch beliebter beim Hurricane-Volk: Jack Johnsons Gesang und Akustikklampfe, beide hinter dem Soundturm noch in einer Lautstärke von gefühlt 0,2 Dezibel zu hören. Leider nicht der einzige, doch wohl der deutlichste Fall von zu leiser Abmischung vor der Blue Stage – wer den hawaiianischen Held der Hausfrauen verstehen will, hätte sich Opas Hörgerät borgen müssen.
 
A propos Hörgerät: Waren die Befürchtungen groß, aufgrund pausenlosen Vuvuzela-Terrors die Überreste des geplatzten Trommelfells vom Boden aufsammeln zu müssen, mussten sich zum Glück nur diejenigen ernsthaft mit den diabolischen Blasrohren herumschlagen, die das glorreiche zweite Gruppenspiel Deutschlands vor der Public-Viewing-Leinwand verfolgen wollten. Spätestens nach Jovanovics Gegentor war dann neben dem Thema Vuvuzela auch das Thema WM-Euphorie erst einmal für den Rest des Wochenendes gegessen und die Verunstaltung des Selbst mittels Schwarz-Rot-Gold-Malkreide konnte auf ein Minimum reduziert werden.
 
Statt auf "Schland, Oh Schland" konnte man sich also wieder auf richtige Musik konzentrieren: Mit Vorliebe in etwa auf die Ausnahmerocker von Porcupine Tree, die immerhin zur besten Tagesschau-Zeit spielen durften, ohne jemals durch Mainstream-Anbandelungen darauf hingearbeitet zu haben. Progressive Metal-Epen jenseits der Zehn-Minuten-Grenze, dazu das weniger perverse Pendant einer Tool-Videoshow – und so mancher durfte die herunter geklappte Kinnlade mit Gaffa-Tape wieder am Kiefer befestigen.
 
Zwar weniger virtuos, aber eine ganze Ecke lässiger und erfreulich wenig sie selbst: The Strokes. Während die NME-Darlings noch 2006 arrogant und lustlos ihr Set herunternudelten und zum krönenden Abschluss eine ZDF-Kamera in Sperrmüll verwandelten, blieben dieses Jahr keine Eskapaden, sondern "12:51", "Reptilia" und "Juicebox" im Gedächtnis verhaftet. So muss ein Festival-Abschluss funktionieren, und so bleiben auch die Erwartungen für 2011 hoch – dann auch wieder mit Dauerregen. Wofür fährt man schließlich sonst nach Norddeutschland?

Mehr zum Hurricane und Southside gibt es auch hier (der Freitag)
und hier (der Samstag).