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Rote Bühne, Blaue Bühne, Regen

Das war die Rheinkultur 2008

Die Mutter aller Umsonst-und-Draußen-Festivals: Florian Weber hat sich am Wochenende mal in den Bonner Rheinauen herumgetrieben - wie fast 200.000 weitere Besucher auch.
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Die Mutter aller Umsonst-und-Draußen-Festivals: Florian Weber hat sich am Wochenende mal in den Bonner Rheinauen herumgetrieben - wie fast 200.000 weitere Besucher auch.

05.07.08, Bonn, Rheinaue.

Ich weiß nicht, ob ich jemals so früh bei der Rheinkultur gewesen bin. Wahrscheinlich nicht. Doch dieses Jahr werde ich dazu gezwungen: Mein persönliches Highlight, Dúné, spielt bereits um 14:10 Uhr. Natürlich bin ich nicht ganz pünktlich. Wie auch - Bonn ist verkehrstechnisch traditionell völlig überfordert wenn die Rheinkultur ruft. Allerdings haben es doch überraschend viele Leute geschafft. Für die Uhrzeit ist schon ganz schön viel los vor der roten Bühne, als ich pünktlich zur zweiten Hälfte des Sets eintreffe.

Mann, sehen die jung aus. Dúné wirken noch ziemlich grün hinter den Ohren. Sie grinsen sich gegenseitig an, staksen ungelenk über die Bühne, käbbeln sich, klettern die Traversen hoch. Und das macht sie ungemein sympathisch. Das ganze Bühnenspektakel der sieben Dänen ergänzen gut arrangierte Songs und ein untypisch fetter Sound für die rote Bühne. Die Synthiematten kommen gerade beim Indie-Hit "80 Years" richtig gut rüber und das Publikum geht trotz praller Mittagssonne anständig ab. In so einem frühen Slot wird man den Ärzte-Support wohl in Zukunft zum Glück nicht mehr sehen.
Verkehrte Welt also bei der Rheinkultur. Rote Bühne mit lautem (!) Sound, Highlights spielen am Anfang, und die Sonne knallt vom Himmel. Emo wirkt bei diesem Gute-Laune-Wetter eher unpassend. Obwohl - wirklich Emo ist es auch nicht, was Eternal Tango da anbieten. Einmal querfeldein durch sämtliche Rockstile. Ein lustiges Von-welcher-Band-ist-das-Lied-geklaut-Spielchen stellt sich ein. Die rote 3D-Kino-Brille vom Sänger und bescheuerte Ansagen Marke "Seid Ihr so heiß oder ist das die Sonne?" machen es auch nicht besser. Immerhin ein lustiges "Life-Is-Life"-Cover dargeboten (Das war leicht: Opus!), aber auch nur auf Anraten des Labels, wie sie freiwillig zugeben. Schnell weg hier und rüber zur blauen Bühne, denn dort spielen zeitgleich die Trashmonkeys. Und auch hier findet sich eine 3D-Kino-Brille beim Sänger, diesmal in weiß. Der letzte Song wird gerade angekündigt und mich beschleicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Obwohl ganz vorne auch im Schneidersitz Mau-Mau gespielt wird. Festzuhalten bleibt: Es gibt tatsächlich noch Bands die nach dem Gig ihre Instrumente kaputt hauen...

Im Laufe des Tages stellt sich als Problem heraus, dass auf roter und blauer Bühne die Bands immer zeitgleich beginnen. Entscheidungsfaule Menschen bewegt das zum hektischen Hin- und Herrennen zwischen den beiden Bühnen mit ständigem Blick auf die Uhr, um von beiden zumindest ein bisschen mitzukriegen. Gut dass seitens der Festivalorganisation dann immerhin auch solche Bands wie Schelmish und Schandmaul ins Line-up genommen wurden. So hat man wenigstens kein Problem sich zu entscheiden. Parallel zu Schelmish spielt nämlich ein unerwarteter neuer Höhepunkt: Air Traffic. Die Briten passen zwar auch nicht ganz zum Wetter, ziehen die Leute vor der Bühne aber schnell in ihre eigene Welt hinein. Ein mitreißender Chris Wall verausgabt sich beim Singen derartig, dass seine Halsader auch aus 50 Metern Entfernung droht, einem gleich entgegen zu springen. Vor seinem Klavier sitzt er auf einem gerade wie zufällig herumliegenden Case, das ständig droht, wegzurutschen, und zaubert wundervolle Melodien hervor. Unterstützt von der ganzen Band drängen sich Vergleiche mit Muse oder Keane auf, doch eigentlich sind die vier zu eigen für irgendwelche Vergleiche. Wirklich schönes Konzert, das aber wahrscheinlich in einer Halle oder bei Dunkelheit besser aufgehoben wäre.

Was ganz anders gibt's bei den Bloodlights zu hören. Lange Haare, spack sitzende Hosen, solide Rock'n'Roll-Show mit Extra-Podesten für den gerade solierenden Gitarristen. Bei den zwei Leadgitarristen kann man da auch schon mal Synchron-Posen bewundern. Einen ähnlichen Elan hätte man sich auch für die nachfolgenden, mindestens 10 Jahre jüngeren Futureheads gewünscht. Doch die bleiben, zugegebenermaßen auch geplagt von technischen Problemen, eher blass. Da fällt der Gang zu den zeitgleichen Tomte nicht schwer, der auch prompt von einem prächtig gelaunten, dabei gewohnt egozentrischen Thees Uhlmann belohnt wird. Bis auf eine leicht wacklige Intonation bei "Ich sang die ganze Zeit von dir" ein sehr unterhaltsames Konzert mit viel Gefühl und einer musikalisch untermalten Selbstdiskussionen über Asi-Häuser und Wohnberechtigungsscheine, das von Thees treffend mit den Worten "Heute eine Königin!" resümiert wird.

Dann ist es soweit. Ben Folds ist an der Reihe. Der Ansager überschlägt sich vor Anerkennung. Leider weiß nicht jeder, wer das da gerade ist, so dass sich Mr. Folds anfänglich grausamerweise mit "Wir woll'n die Sporties sehen"-Rufen konfrontiert sieht. Doch wen er nicht schon mit seinem ersten Tastenhauer auf seiner Seite hat, der ist spätestens ab dem Mitsingspielchen "All the children sing: 'Bitches can't hang with the streets'" beim Dr.-Dre-Cover "Bitches Ain't Shit" überzeugt, das begleitet vom ersten fetten Regenguss heute (Rheinkultur, da bist du ja!) in einer fulminant virtuosen Instrumental-Improvisation seinen Schlusspunkt findet. Zwischendurch eine Folge Wissenschaft zum Anfassen, Ben Folds hat recherchiert: sein Synthie, laut genug und bei bestimmten tiefen Frequenzen, "makes people shit their pants". Gleich getestet, nimmt man zwar einige schwere Stöhner um sich herum wahr, doch das erwartete Ergebnis wird, soweit man das beurteilen kann, nicht erreicht. Es bleibt dabei: Ben Folds ist der coole Neuzeit-Elton-John, was man - auch das ist Rheinkultur - leider nur in den vorderen Reihen mitbekommt. Zu drucklos, zu leise der Bühnensound. Wie eigentlich immer ein Ärgernis, wenn man nicht nur rumhängen, sondern auch Bands schauen will.

Leider steht mir der Sinn eher nach Gitarren und aufgrund der Tatsache, dass auf der Nachbarbühne ein gewisser Kurt Ebelhäuser diese gerade bedient, schaffe ich es mich loszureißen. Drüben wird man von Liebesbekundungen des Sängers Aydo Abay erschlagen. Da muss wohl einiges gelaufen sein zwischen Publikum und Blackmail. Was ich am Schluss noch mitkriege ist jedenfalls sehr eindrucksvoll. Offenbar ist ein fünftes Bandmitglied für ein paar Playback-Einwürfe zuständig, die das Ganze ziemlich erhaben wirken lassen.

Der Abend ist fast vorbei, die Füße platt gelaufen, man ist nass, die Rheinkultur ist wieder ganz die alte. Nur noch die Sportfreunde Stiller hindern einen an der Heimreise. Nein, eigentlich ist es eher die Sensationsgier. Nach dem absolut katastrophalen Auftritt bei Raabs "Bundesvision Song Contest" bin ich neugierig, wie sie sich hier präsentieren, zumal man fünf Jahre zuvor an gleicher Stelle einen sehr stimmungsvollen Gig verfolgen durfte. Und sie machen es wie damals, nur dass man heute irgendwie fast jedes Lied kennt, auch ohne nur eine einzige Platte der Sporties zu besitzen. Ein schöner Abschluss, der die meisten Besucher noch auf dem Gelände hält. So kann man für Rheinkultur-Verhältnisse noch relativ unproblematisch den Weg nach Hause antreten, bevor das alljährliche, kollektive Heimreisechaos über Bonn ausbricht.