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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Glasklar definiert

Roosevelt im Gespräch

Seit der ersten EP »Sea« von 2012 gilt Roosevelt als Hoffnungsträger in Sachen elektronischer Popmusik. Kein Wunder: Der Kölner schüttelt die Melodien mit einer solchen Leichtigkeit aus dem Ärmel, dass seinerzeit nicht nur die Kollegen Hot Chip aufhorchten. Jetzt hat Marius Lauber sein Debütalbum abgeliefert. Sebastian Ingenhoff traf seinen ehemaligen Studiokollegen zum ausführlichen Gespräch. 
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Die Region am Niederrhein ist nicht gerade für Popmusik mit internationalem Anspruch bekannt. Dafür kann man sich internationalen Fußball anschauen. Die Fohlenelf hat kürzlich wieder das Ticket für die Champions-League-Qualifikation gelöst und wird nächste Saison in jedem Fall europäisch spielen. In Köln ist es andersrum: Internationalen Fußball kennt man nur aus dem Fernsehen, dafür gibt es eine sehr vitale und international renommierte Musikszene. 

Borussia Mönchengladbach ist in der Domstadt verhasst wie fast kein zweiter Verein, was neben der regionalen Rivalität daran liegt, dass die Geißböcke gegen die Fohlen in schöner Regelmäßigkeit verlieren. Marius Lauber stammt aus dem niederrheinischen Viersen und hatte als Jugendlicher eine Dauerkarte für den Gladbacher Bökelberg. Wer aus dieser Gegend stammt, weiß, dass die Möglichkeiten jugendlicher Ausschweifungen dort begrenzt sind. Es gibt eine ganz schöne Landschaft, man kann zum Kiffen nach Holland rüber, aber das war es eigentlich auch schon. Nach der Schule zieht man also in der Regel weg. Marius Lauber ist einer der wenigen Musiker, die es von dort aus auf internationale Bühnen geschafft haben. Erste Aufmerksamkeit erlangte er als Drummer der Viersener Band Beat!Beat!Beat!, deren Debüt-EP 2009 vom britischen NME als »deutsche Antwort auf die Foals« gefeiert wurde. Damals war er erst 17 Jahre jung. Foals ist übrigens auch die englische Bezeichnung für Fohlen a.k.a. junge Pferde, was also doppelt und dreifach Sinn macht. Damit wollen wir den Fußballexkurs jetzt aber auch abschließen. 
Lauber ist mittlerweile seit geraumer Zeit in Köln beheimatet. Unter dem Namen Roosevelt produziert der 25-Jährige elektronische Popmusik mit Songstrukturen, die sich aus dem reichhaltigen Fundus der Clubmusik bedient. Was gut mit der rheinländischen Musiktradition einhergeht: Gegen Anfang der Nullerjahre waren es die Produktionen aus dem Kompakt-Umfeld von Justus Köhncke, Ada oder Superpitcher, die die Grenzen zwischen Track und Song verwischten und auch bei Lauber Spuren hinterließen. Seine ersten Berührungspunkte mit Clubmusik hatte er als DJ bei der eng mit dem Kompakt-Label assoziierten »Total Confusion«-Reihe, wo er auch zum ersten Mal als Roosevelt live spielte – gemeinsam mit Coma, mit denen er seit Jahren befreundet ist. Kürzlich supportete ihn das Kölner Duo auf seiner Deutschlandtour.

»Gerade in meinen Anfangstagen war das immer ein fruchtbarer Austausch. Ich habe für Coma im Studio Schlagzeug-Parts eingespielt, und die haben mir im Gegenzug erklärt, wie man einen Sequenzer programmiert. Auch wenn wir andere Musik machen, gibt es natürlich gewisse Gemeinsamkeiten. Wir versuchen, Sachen zu vermischen, die auf den ersten Blick vielleicht nichts miteinander gemein haben. So bleibt man auch nicht in abgesteckten Technoklischees stecken. Ich denke, das zeichnet Köln generell ein bisschen aus«, sagt Lauber. 

Das Produzieren hat er sich aus der Not heraus selbst draufgeschafft. Schon zu Zeiten der ersten Beat!Beat!Beat!-EP sei er derjenige gewesen, der die Stücke abmischen musste. Nicht, weil er der Produzentencrack gewesen sei, sondern schlichtweg den schnellsten Laptop gehabt habe, so Lauber. Der Rest sei learning-by-doing gewesen. Nach dem Band-Aus fing Lauber an, eigene Stücke zu produzieren, und lud eine Demoversion von »Sea« auf YouTube. Nach kurzer Zeit bekam er Post von Greco-Roman, dem Label von Hot-Chip-Mitglied Joe Goddard. Wie die Briten auf das Stück gestoßen sind, weiß er bis heute nicht so genau. »Das war ein ganz einfaches Visual-Video mit nur 200 Plays oder so. Ein Praktikant von denen muss da irgendwie drauf gestoßen sein. Dann kam eine Nachricht, ob ich mir vorstellen könne, ein Release daraus zu machen, und so ist 2012 die erste Roosevelt-EP entstanden«, erklärt er. Es folgte eine UK-Tour mit Totally Enormous Extinct Dinosaurs, der ebenfalls auf Greco-Roman veröffentlicht. Danach wurde Lauber auch regelmäßig außerhalb Deutschlands gebucht. Für ihn sei das Touren im Ausland aber nie ein großes Ding gewesen. 
»Für mich hat sich das immer relativ normal angefühlt, aber gerade so Leute aus dem Musikbusiness haben das immer wieder thematisiert. Oh, ein Deutscher, der im Ausland spielt! Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Künstler aus Paris gefragt wird, warum er denn in Brüssel spiele. Mich hat das immer ziemlich genervt, wenn mich Leute auf mein Deutschsein reduziert haben. Meine Produktionen klingen ja auch nicht ›deutsch‹, was auch immer das sein soll«, schmunzelt er. 

Roosevelt ist im Internetzeitalter groß geworden, in dem Ländergrenzen eigentlich keine Rolle mehr spielen sollten, auch wenn aktuell leider wieder das Gegenteil der Fall zu sein scheint. Das selbstbetitelte Debütalbum klingt jedenfalls so ausgefeilt, dass es auch in einem Studio in Los Angeles oder London hätte entstanden sein können. Was es zum Teil auch ist, kleinere Parts wurden bei Joe Goddard eingespielt, abgemischt wurde es vom New Yorker Produzenten Chris Coady, der schon für Beach House, Grizzly Bear oder Gang Gang Dance an den Reglern saß. 

Ein Großteil der Arbeiten fand aber in Köln statt. Erste Aufnahmen sind im Kölner Dumbo Studio entstanden, hier sitzen nicht nur Von Spar, auch der Autor dieser Zeilen war mit seinem Musikprojekt eine Weile dort untergebracht. Deshalb konnte er den Entstehungsprozess des Roosevelt-Albums ein bisschen mit verfolgen. Das Studio ist sehr klein, aber gut ausgestattet. Es gibt ein großes, auf den ersten Blick antiquiert wirkendes Mischpult, vier Abhörmonitore und jede Menge Synthesizer der Firmen Korg, Roland und Konsorten. Dazu Drum-Maschinen, Schlagzeug, Gitarren. Lauber kam meistens in Jogginghose und blieb über Stunden. Nicht selten saß er gedankenversunken und hochkonzentriert am Rechner, sich erst mal erkundigend, ob es draußen gerade hell oder dunkel sei. Zur Übergabe rauchte man gemeinsam eine Zigarette und bekam manchmal die neuesten Demos vorgespielt. Auch wenn alles meist super und wahnsinnig klar klang, hatte er immer wieder Zweifel, ob man nicht diese oder jene Fläche noch eine Spur markanter hinkriegen könne oder ob an der und der Stelle nicht noch irgendwas fehle. Bereits Herbst letzten Jahres hatte er eine erste Version des Albums fertig, die jedoch revidiert wurde. Insgesamt dauerte es anderthalb Jahre, bis »Roosevelt« fertig war. 
»Anderthalb Jahre sind aber keine lange Zeit für ein Album, finde ich. Man will das ja auch nicht so hinschludern. Ich sehe schon eine Entwicklung in meinen Produktionen der vergangenen Jahre. Da ging es anfangs noch viel um Loops, Samples und Gitarrenlayer. Ich sage immer: Nach den ersten 20 Sekunden von ›Sea‹ weißt du eigentlich alles über den Track. Er hat zwar die Soundästhetik von Popmusik, ist aber arrangiert wie ein Clubtrack. Von diesem Ansatz wollte ich ein bisschen weg. Echte Schlagzeugparts benutzen, ganz klassische Instrumente. Ich wollte ein Album machen, das wie von einer echten Band klingt, und mich auch trauen, Songs zu schreiben«, erklärt er. 

Inspiriert habe ihn der West-Coast-Pop und Yacht-Rock der Siebziger und Achtziger, Bands wie die Doobie Brothers, aber auch die Soloplatten von Paul McCartney. Songs, die klar definiert seien und im Zweifelsfall auch ohne aufgemotzte Produktion funktionieren würden, die man eben auf dem Klavier spielen könne, so Lauber. 

»Die Produktion ist im Vergleich zu früher einfach klarer. Das ist zumindest mein Eindruck – auch die Vocals. Ich wollte mich nicht mehr verstecken hinter Nebel und verwaschenen Beats und das Ganze ein bisschen eindeutiger machen. Also weg von diesem anonymen Clubgestus und hin zu mehr Persönlichkeit. Das sieht man ja auch am Coverdesign. Es ging mir darum, eine Figur zu erschaffen, für die ich produziere. Das macht die Sache für mich absurderweise leichter, weil ich mich mehr traue. Es ist leichter, eine cheesige Hook für eine Kunstfigur zu schreiben, die man selbst erschaffen hat«, erklärt er. 
Mittlerweile sei er auch auf der Bühne selbstbewusster. Live wird Roosevelt von einem Schlagzeuger und Bassisten ergänzt, was das Projekt immer mehr zu einer Art Band werden lässt. Zwei Tage vor dem Interview hat er auf dem Primavera Festival in Barcelona die Pitchfork Bühne geheadlined und vor mehreren Tausend Menschen gespielt. Dass die neuen Songs problemlos auf großen Bühnen funktionieren und gefeiert werden, obwohl das Album noch gar nicht offiziell erschienen ist, macht ihn natürlich glücklich.

»Als ich die ersten Male live in Clubs gespielt habe, war ich noch komplett auf mich allein gestellt. Man wurde mit Kapuzenpullover aus dem Studio auf die Bühne geschubst und hat sich gefragt: ›Was mache ich hier eigentlich?‹ Auch wenn ich die Stücke alleine schreibe, ist durch die Band alles viel klarer geworden. Früher musste ich ja die Instrumente bedienen und dazu auch noch singen. Mittlerweile habe ich einen Bassisten und einen Drummer, der zum Teil einen ganz anderen Groove in die Stücke bringt. Ich kann mich auf meinen Part konzentrieren und habe dadurch ein bisschen die Performerrolle für mich entdeckt«, sagt er. 

Auf dem Cover des Albums sieht man ihn in Nahaufnahme vor lila Hintergrund, Schriftzug und Design erinnern stark an die Achtziger. Prince kommt einem natürlich schnell in den Sinn, Lauber selbst fühlt sich mehr an das Lila der L.A. Lakers erinnert. »Ich wollte eine warme Farbe, die die Musik unterstützt. Das Album klingt ja sehr warm und organisch, dementsprechend ist auch das Cover. Eigentlich ist das ja eher unzeitgemäß, weil gerade wieder so ironisch gebrochene Sachen angesagt sind. Damit kann ich absolut nichts anfangen. Ich wollte nicht, dass diese wohlklingenden Harmonien durch irgendwas gebrochen werden, sondern eine Platte machen, die durchweg homogen ist.«

Tatsächlich ist es eine große Kunst, sich diese cheesigen Melodien aus dem Ärmel zu schütteln, ohne dabei zuckrig, bekloppt oder ironisch zu wirken. Doch Lauber schafft den Spagat und schreibt zeitgenössische glasklare Popsongs, gewürzt mit Einsprengseln aus Italo- und Postpunk-Disco. Wobei Postpunk-Disco mehr die zweite Generation um DFA-Bands wie Holy Ghost! oder LCD Soundsystem meint, mit denen er sozialisiert wurde. Holy Ghost!, mit denen Roosevelt in der Vergangenheit schon mehrfach verglichen wurde, haben es nach vielversprechenden Singles leider nie geschafft, ein gutes Album nachzulegen. Roosevelt dagegen hat seinen markigen Sound nach ersten Singles auf ein neues Level gehoben und ein echtes Popalbum daraus gemacht. 

Gehen Sie davon aus, dass wir von diesem Jungen noch so einiges hören werden, würde Hans Meyer sagen, der kauzige Ex-Trainer von Borussia Mönchengladbach. Und immerhin genießt der nicht nur am linken Niederrhein nach wie vor Kultstatus. 

Roosevelt

Roosevelt

Release: 19.08.2016

℗ 2016 City Slang

— Intro empfiehlt: Roosevelt »Roosevelt« (City Slang / Universal / VÖ 19.08.16) Auf Tour vom 15.07. bis 18.09., auf dem Melt! am 15.07.