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Retriever

Ron Sexsmith

Man stelle sich vor, Paul McCartney hätte Mitte der Siebziger Jahre einen Kreativschub gehabt und zwölf seiner besten Songs seit ›Every Night‹ geschrieben. Kurz darauf wäre er darüber in Verzweiflung geraten, wie er sie denn mit seiner immer schwerfälligeren Band Wings (sic!) umsetzen könne. »A
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Man stelle sich vor, Paul McCartney hätte Mitte der Siebziger Jahre einen Kreativschub gehabt und zwölf seiner besten Songs seit ›Every Night‹ geschrieben. Kurz darauf wäre er darüber in Verzweiflung geraten, wie er sie denn mit seiner immer schwerfälligeren Band Wings (sic!) umsetzen könne. »Ach, Linda will da sicher überall noch eine zweite Stimme mit drin haben, und Denny wird garantiert wieder ein Veto gegen die Streicher einlegen«, hätte er verzagt vor sich hin gebrummelt und schließlich entschieden, die Prachtstücke lieber jemandem anderen anzubieten. Und seine Wahl wäre auf Tim Hardin gefallen, der zu der Zeit in London gerade seine Methadon-Therapie erfolgreich abgeschlossen und wieder Lust auf neue Aufnahmen gehabt hätte. Hardin, obgleich in den Sechzigerjahren vor allem als Songwriter (›Misty Roses‹, ›If I Were A Carpenter‹) bekannt geworden, hätte wegen seines weiterhin drückenden writer’s block kein Problem damit, sich (wie bereits auf dem unterschätzten ›Painted Head‹-Album) nur als Interpret einzubringen, und nähme die Offerte dankbar an. Wäre es zu solch einer Zweig’schen Sternstunde der Menschheit gekommen, dann hätte das Resultat dieser Begegnung vermutlich wie das neue Ron-Sexsmith-Album geklungen. Der Hardin-Vergleich wurde in den Besprechungen seines Frühwerks zwar schon öfter in die Waagschale geworfen, doch gemessen an der Tiefe, die nun Songs wie ›Wishing Wells‹ und ›Dandelion Wine‹ auszeichnet, wurde da seinerzeit eine Referenz hervorgehoben, die auf seinen ersten drei Alben – mit bedingt durch die etwas zu flauschig geratenen Mitchell-Froon-Produktionen – erst ansatzweise zu erkennen war. Nachdem ihm zwischenzeitlich Steve Earle (auf ›Blue Boy‹, 2001) das Rocken nahe bringen wollte, hat Ron Sexsmith im Schweden Martin Terefe offenbar den richtigen Partner für seine Klangvorstellungen gefunden. Und die atmen schon sehr den Geist der Siebziger, erinnern in ihrem gelegentlichen Late-Night-Feeling aber auch an Nick Lowe und Richard Hawley. Verharrte der (bereits mit Terefe entstandene) Vorgänger ›Cobblestone Runway‹ manchmal noch etwas zu lange im getragenen Slow-Tempo melancholischer Stimmungen, so legt ›Retriever‹ auch geradezu überschwängliche Seiten an den Tag. Die Resonanz, die der Kanadier in den letzten Jahren u. a. im Vorprogramm von Coldplay und Travis (deren Rhythmussektion auf ›Retriever‹ mit von der Partie ist) erfahren hat, muss ihm Auftrieb gegeben haben. Zwischen seinem eher verschüchterten Auftritt als Support von Elvis Costello anno 1999 und der souveränen Solo-Performance, die er jüngst in der Hamburger Weltbühne gab, liegen jedenfalls Welten. ›Retriever‹ hat sowohl dieses gesteigerte Maß an Ausdruckskraft als auch Sexsmiths verfeinertes Gespür für unauslöschliche Hooklines perfekt eingefangen. Nur bei der Wahl des Cover-Portraits hätte man ihn mal wieder besser beraten können.