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In Berlin: Rave is over

Róisín Murphy live

Der größte gemeinsame Nenner von Pärchenbande und Partypeople an diesem Abend in Berlin ist vermutlich die Vorliebe für House-Musik.
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Der größte gemeinsame Nenner von Pärchenbande und Partypeople an diesem Abend in Berlin ist vermutlich die Vorliebe für House-Musik. Dem kommt Frau Murphy freundlicherweise sehr entgegen. Karina Henschel hat sich unters Volk gemischt.

13.11.08 Berlin, Huxley's Neue Welt

Hohe Erwartungen hat man ja häufig nicht bewusst. Die sind einfach da, machen sich erst dann bemerkbar, wenn sie nicht erfüllt werden und man schmollend die Arme verschränken möchte. Nun, so dramatisch ist das nicht mit Róisín Murphy, dennoch gibt es Dinge von ihrem Konzert im Huxley's zu Berlin zu berichten, die einem Fall gleich kommen. Oder einem Sturz, oder einem Sprung.

Beispielsweise einem Stagedive. Die einstige Elektro-Diva ist zur Stagediverin geworden, alles für die Kunst, ist klar. Oder doch eher für das Publikum? Zu diesem gibt es übrigens einiges zu sagen. Eine merkwürdige Mischung! Einerseits sind viele Pärchen zugegen, die sich Plätze frei halten, während der/die andere schnell mal ne Brezel holen geht (Das letzte Konzert mit Brezelverkäufer war in einem Stadion und bestuhlt!).

An diesem Abend, so könnte man spekulieren, wird möglicherweise hundertmalig der Satz: "Sie spielen unser Lied" oder "weißt du noch?" gewispert. An der einzigen erreichbaren Bar halten sich das ganze Konzert über die gleichen interessante Gespräche führenden Gestalten fest, in der Nähe der Bars und natürllich vor der Bühne findet sich die Feiergemeinde zusammen. Gute Laune ist hier Pflicht und Abfeiern gehört zum guten Ton. Ganz doll vorwärts geht's hier! Scheinbarer Höhepunkt: Róisín Murphy stimmt "Let Me Know" an. Auf einmal johlen alle ausdauernd und frenetisch und legen los zu einer weiteren Runde rhytmischem Klatschen. "Ihr habt es echt drauf mit der guten Laune!" möchte man rufen, aber das wäre zwecklos. Gegen den Sound der passablen Anlage und das Gejohle käme man doch nicht an.

Video: Róisín Murphy - "Let Me Know"




Der größte gemeinsame Nenner von Pärchenbande und Partypeople an diesem Abend ist vermutlich die Vorliebe für House-Musik. Dem kommt Frau Murphy freundlicherweise sehr entgegen. Sie präsentiert viele Stücke ihres aktuellen Albums "Overpowered" in einer housigen Version, ist ja auch nicht so abwegig. "Primitive" wird erstaunlich rocklastig dargeboten, mit viel Lärm und E-Gitarrensolo, ein Lichtblick in dieser stimmungsarmen Veranstaltung.

Die richtige Stimmung will nämlich trotz partywilliger Schönlinge vorne und attraktiven Pärchen hinten einfach nicht aufkommen. Es wird zwar viel mitgeklatscht und vereinzelt sieht man Menschen tanzen, mit geschlossenen Augen. Doch das Gefühl, hier etwas zu teilen kommt nicht auf, das Publikum verwandelt sich nicht in eine tanzende Menge und die Künstlerin auf der Bühne schafft es nicht, sie zu erreichen. Dafür ist das Huxley's nicht der richtige Ort, zu schick, zu groß, und Róisín Murphy interessiert sich an diesem Abend auch mehr dafür, ihre Show durchzuziehen.

Über diese kann man so gesehen nichts Negatives sagen. Die Band spielt vorzüglich, die beiden Sängerinnen unterstützen Róisín stimmkräftig, im Hintergrund großartige Videosequenzen, die wie die Faust aufs Auge zu den dargebotenen Songs passen. Stimmt alles. An der Setlist gibt es auch nichts zu mäkeln. Sie beinhaltet eine schöne Auswahl aus alten Moloko-Stücken ("I Want You", "Pretty Bridges", "I Can't Help Myself"), einigen Songs von Murphys erstem Soloalbum ("Ruby Blue", "Through Time") und natürlich die basslastigen Disco-Kracher von "Overpowered" (u.a. "Checkin On Me", "Tell Everybody", "Dear Miami"). Murphys Kostüme sind gewohnt originell. Es ist nur dieses Gefühl, dass die Karriere von Róisín Murphy in die falsche Richtung verläuft. Sie geht nicht tiefer, sondern wird immer oberflächlicher. Das ist nicht gesund. Genausowenig wie zu viel Housemusik. Schicken wir ihr daher doch zum Abschluss ihr eigenes Zitat hinterher:  "We live separate lives, can't even organise / One more meeting of minds ain't gonna make it right, no."