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So war's am Nürburgring (05. - 08.06.2014)

Rock am Ring 2014

Ein letztes Mal Rock am Ring in gewohnter Form - da ließen sich die Kollegen vom Festivalguide natürlich nicht zweimal bitten und rückten in folgerichtig mit ordentlich Manpower an. Die Höhen und Tiefen lest ihr hier.
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Der Freitag

Nach einer klirrend kalten Nacht beginnt der Tag gemütlich auf den Campingplätzen bei Rock am Ring. Die Wolken scheinen keine Tagestickets mehr bekommen zu haben, jedenfalls wird Sonnenbrand sehr bald zum Trend. Die Fans richten sich ein, bauen Wasserrutschen, versorgen sich per Bierbong mit Flüssigkeit und versorgen jeden mit Wasser, der des Weges zieht - zumeist ungefragt und durch die Luft.  
Gerüchte, wonach Casper spontan zu Portugal. The Man auf die Bühne klettern würde, erweisen sich als unbegründet. Genauso unbegründet wie die Befürchtungen, die ins gleißende Sonnenlicht getauchte Hauptbühne könnte Kasabian einen schweren Stand bereiten. Tatsächlich erscheint die Band, der ansonsten eine Tiefgarage noch zu viel Tageslicht spenden würde, motiviert bis unter die Haarspitzen und liefert einen ausgezeichneten Sound. Und auch Mando Diao, die direkt zu Beginn klarmachen, dass sie nie mehr die sein werden, die sie mal waren und dies durch ein betont exzentrisches äußeres zu unterstreichen suchen, lassen die Fans von Rock am Ring nicht im Stich. Vom schrägen 80er-Klang des neuen Albums dringt erfreulich wenig durch, stattdessen konzentrieren sich die Schweden auf ihre Hits und überfordern heute niemanden, was dankbar angenommen wird. Und während die Sonne untergeht, holen die Editors nochmal tief Luft und begleiten ihr erhitztes Publikum mit gewohnt wohligem Pathos in die Nachtkühle.

Den größten Zulauf haben am Ende dann doch die Kings Of Leon, die am heutigen Tage Headliner sind und im Gegensatz zu allen Vorgängern auf sämtlichen Budenzauber verzichten. Einzig die geschmackvollen Bühnenprojektionen könnten noch als Tand durchgehen, die Band selber nimmt sich indes so zurück als wäre sie die eigene Vorband, die Songs allein sollen wirken. Das Publikum am Ring ist fasziniert, kennt aber leider bis auf den Refrain von "Sex On Fire" nur wenige Textzeilen der nuschelnden US-Amerikaner. 

Den krönenden Abschluss des Tages findet man allerdings diesmal auf der Alternastage, wo nämlich zunächst die Queens Of The Stone Age und zu später Stunde dann noch Trent Reznor mit Nine Inch Nails zwei großartige und gefeierte Auftritte hinlegen. Beide konzentriert und sehr überzeugend, beide reduziert auf die Musik und enorm auf den Punkt. Einen besseren Abgang hätte Rock am Ring an diesem Freitag nicht haben können. 

Der Samstag

"Hätte nicht gedacht, dass der so eine tolle Show abreißt", nötigt die Frau vor mir ihren Freund zum Gespräch. Der grummelt nur zustimmend, meint das aber offensichtlich ernst. Die beiden reden über Alligatoah, dessen Auftritt auf der Centerstage am frühen Abend zu den überraschungen des Festivaltages zählt. Der Berliner HipHop-Komödiant kann zwar nicht mit den grunzenden Organen der Feistrocker vor und nach ihm mithalten, überzeugt aber durch flinken Witz und eine engagierte Verkleidungsshow. Und durch seine Tracks wie "Willst du" natürlich auch. 

Überhaupt sind es die stilistischen und atmosphärischen Brüche, gerade auf der Hauptbühne, die den Rock am Ring-Samstag kennzeichnen. Es geht von den Kaiser Chiefs zu Alligatoah, von Fall Out Boy zu den Fantastischen Vier zu Linkin Park. Und auch wenn sich das Publikum immer noch nicht so richtig einig ist, ob das Iron Maiden-Publikum am Donnerstag bei dem Auftritt von Cro eher buhte oder eher jubelte, muss man über den Samstag sagen: Diese fliegenden Wechsel der Stilarten passen. 

Den tränenrührendsten Auftritt des Tages hat aber ein Mann ganz ohne Bass oder Schlagzeug: Rock am Ring-Chef Marek Lieberberg kommt vor dem Fanta 4-Konzert auf die Bühne, um sich "zu verabschieden, weil ich das so gelernt habe". Was folgt, ist eine etwas holprige Mischung aus Selbstvergewisserungsmantras, Call And Response ("Wir sind der Ring"), Hinweisen auf eine Zukunft, zu der man eigentlich noch gar nichts sagen kann, und versteckten Spitzen gegen den Geländebetreiber, der so viel Geld verlangte, dass Lieberberg &amp; Co. auf keinen Fall mehr am alten Standort bleiben können. Immerhin - auch wenn man die Reaktion des Publikums vorausahnen konnte, gehört zu so einem Auftritt eine gute Portion Mut.     <br /> Auf der Alternastage ist von all dem bis zum späten Abend wenig zu spüren. Hier regiert die Rock-Fraktion - und zwar ohne Abwechselung oder Unterbrechung: Opeth, Heaven Shall Burn (letztlich wohl die Gewinner des Tages auf dieser Bühne), Rob Zombie und schließlich Slayer - die sich zwar alle Mühe geben, aber von der Tatsache, gegen Linkin Park anspielen zu müssen, nicht sehr begeistert scheinen. Gegen die Macht des Rock auf dieser Bühne hat es auch Jan Delay schwer, dessen "Late Night Special"-Auftritt nach dem glasklaren Headliner des Tages auch ein wenig untergeht.

Denn dieser glasklare Headliner ist Linkin Park - daran gibt es keinen Zweifel. Die meisten Leute vor der Bühne, die meisten erwartungsvollen Tweets und eine gespannte Stimmung wie bei sonst keiner Band - zusätzlich angefeuert durch eine gut 15-minütige Verspätung. Nicht nur, dass ihre Show schon superprofessionell ist und auch alle alten Hits ihre Wirkung nicht verfehlen. Nein, Linkin Park schaffen es auch, die "harte" und die "softe" Fraktion im Festivalpublikum zu vereinen - nicht zuletzt durch die Mischung aus Raps, elektronischen Elementen, harten Gitarren und dem engelsgleichen Gesang Chester Benningtons. Letztlich dauert das Konzert fast zwei Stunden, und die Band schafft es, das Spannungslevel über die gesamte Zeit hochzuhalten - trotz der ermüdenden Hitze, der das Publikum den ganzen Tag ausgesetzt war. Um diese Qualität zu erreichen, müssen sich Metallica, die Headliner des heutigen, letzten Tages, jedenfalls ordentlich strecken.

Der Sonntag

"Ihr könnt stolz sein: Ihr gehört zu den coolsten Leuten auf diesem Festival. Alle anderen stehen dahinten und warten auf Metallica, aber ihr seid hier, und deshalb seid ihr die Coolsten!" 
Ein bisschen Galgenhumor schwingt in der Rede von Walter Schreifels mit. Es hat auch ein bisschen gedauert, bis Quicksand, die Band, mit der er gerade auf der Bühne steht, den Klos der Enttäuschung heruntergeschluckt hat. Denn die Hardcore-Ikonen, die sich erst vor wenigen Monaten nach 17 Jahren wiedervereinigten und ihr Deutschland-Comeback auf dem größten deutschen Rockfestival geben, haben bestimmt nicht erwartet, dass sich bei ihrem Auftritt nur 200 verlorene Gestalten vor der Bühne verirren. Dabei sind sie gut, richtig gut sogar, und vermitteln trotz all der Jahre in Pension einen sicheren Eindruck davon, dass sie auch heute noch zu den einflussreichsten Hardcore-Bands aller Zeiten zählen. Allein das Rock am Ring-Publikum hat das nicht gewusst. Oder vielleicht doch, aber Metallica war ihm wichtiger. 
Denn wer den Auftritt der Headliner des Tages von ganz vorne sehen will, hat sich am besten schon Stunden vorher seinen Platz gesichert. Nicht etwa zwei oder drei Stunden, sondern etwa genau dann, wenn die Einlassschleusen des Festivalgeländes sich öffnen. Das klingt wahnsinnig, ist aber Tatsache. Denn bei Rock am Ring gibt es immer einen Gutteil Publikum, das sich um mehr als die zwei oder drei größten Bands eines Tages nicht groß schert. Und wer eben diese größten Bands liebt, wartet auf sie und erträgt all die anderen Bands, die auf der entsprechenden Bühne vorher spielen.

Metallica sind, soviel muss man zugeben, es aber auch wert, Stunden auf sie zu warten. ähnlich wie Linkin Park am Vortag ziehen sie in ihrem Set alle Register. Es gibt einfach kein anderes Festival in Deutschland, das in der Lage ist, einen so großen Produktionsaufwand für einzelne Konzerte zu bieten wie Rock am Ring. Das merkt man allein schon an den Beleuchtern, die 50 Meter von der Bühne entfernt auf riesigen Masten stehen und die Scheinwerfer auf jedes einzelne Bandmitglied richten. Aber auch die Leinwände, die LED-Technik auf der Bühne, der Sound - einfach alles ist bei solchen Auftritten Luxusklasse. Da kann eine so routinierte Band wie Metallica gar nicht mehr viel falsch machen - selbst kleine musikalische Fehler verzeiht so eine Show. 

Trotzdem ist es ein wenig schade, dass so manche Band nicht eine ähnliche Aufmerksamkeit vom Publikum bekommt. Der besorgniserregend volle Peter Doherty und seine Babyshambles hätten es verdient. Genauso Against Me!, deren Frontfrau Laura Jane Grace mit einer flammenden Ansprache gegen Homophobie und Diskriminierung Transsexueller vor dem Song "Transgender Dysphoria Blues" für den politischen Höhepunkt des Festivals sorgte. Und die eingangs erwähnten Quicksand sowieso.

Einen ähnlich großen Aufwand wie für Metallica betrieb das Rock am Ring höchstens noch für Marteria. Dessen Auftritt, der allerletzte des diesjährigen Festivals, wurde wegen einer Verzögerung der Metallica-Show extra nach hinter verschoben. Und Marteria nutzte diese Steilvorlage trotz des damit verbundenen Erwartungsdrucks ziemlich souverän, auch dank der erstklassigen Bühnengästeliste: Campino und der schon die ganze Zeit über das Gelände stromernde Casper halfen dem Rostocker, den HipHop (und sich selbst) noch ein Stück mehr auf dieser Mutter aller Festivals Rock am Ring zu etablieren. Auf dass es Anfang Juni 2015, an welchem Ort dann auch immer, genau so weitergeht.