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'Der Reim muß bleim!' - Ein Plädoyer für das gedruckte Gedicht

Robert Gernhardt

Herr Gernhardt, können Sie sich für deutschsprachigen HipHop begeistern? Ich höre diese Musik nicht allzu häufig, schon die amerikanischen Sachen sind weitgehend an mir vorbeigegangen. Ich wußte von den Fantastischen Vier, d
Geschrieben am

Autor: intro.de

Herr Gernhardt, können Sie sich für deutschsprachigen HipHop begeistern?
Ich höre diese Musik nicht allzu häufig, schon die amerikanischen Sachen sind weitgehend an mir vorbeigegangen. Ich wußte von den Fantastischen Vier, dem Hit 'Die Da' konnte man nicht entgehen. Die anderen Sachen sind mir nicht so geläufig, und ich bin erstaunt, daß es so viel davon gibt. Ich hatte im Fernsehen mal Der Wolf gesehen, vom Rödelheim Hartreim Projekt hatte ich natürlich auch was gehört, da sie quasi aus der Nachbarschaft kommen und mir der Name gut gefällt. Für mich war das schon sehr viel, bis ich eine Magisterarbeit über Rap-Musik zugeschickt bekam - mit Musikbeispielen. Daß es so viele Gruppen gibt, hat mich beeindruckt. Es gibt offensichtlich ein wirkliches Bedürfnis, sich rappend auszudrücken. Bei den Texten kann man aber schon qualitative Unterschiede feststellen.
Können Sie Beispiele nennen?
Zum Beispiel Die Coolen Säue mit 'Es Tut Mir Leid' oder 'Allein' von Die Pilzen: das sind Befindlichkeitstexte, die schon immer von jungen Leuten geschrieben worden sind, früher als Gedichte, heute als Rap. Future Rock und Curse rappen schlicht quer durch das Reimlexikon. Dann gibt es noch die Sozialkritischen, die eine merkwürdig naive Haltung an den Tag legen, mit relativ wenig Witz und viel Zeigefinger. Absolute Beginner mit '1:0 Für Babylon' zum Beispiel, das Lied von der Atombombe, die fällt und wegen der die Menschen alle am Arsch sind, weil sie irgendwie nicht richtig gelebt haben. 'Fremd Im Eigenen Land' von Advanced Chemistry habe ich mit Interesse gehört. Ich hatte das Gefühl, daß ihn ein wirklicher Druck veranlaßt, das alles zu sagen. Obgleich es immer nur die eigene Geschichte ist, die manchmal nicht sehr weit zurückreicht. Andere blicken weiter zurück, z. B. Freundeskreis. Eine intensive Zeile, die bei mir hängengeblieben ist, ist 'Leg Dein Ohr Auf Die Schiene Der Geschichte'. Gleiches gilt für 'Cross The Tracks', in dem an Ulrike Meinhof erinnert wird. Mir hat zu denken gegeben, daß solche Themen überhaupt noch aufgegriffen werden. Wobei aus dem Thema Ulrike Meinhof musikalisch nicht viel gemacht wurde. Und von Lyrik kann man ebensowenig sprechen, wenn mit zeigefingerhaftem Gestus Meinhof-Texte zitiert werden. Aber immerhin sind das Dinge, die bei mir hängengeblieben sind. Auch die satirische Haltung von Fischmob, die allerdings bei 'Fick Mein Gehirn' auf eine sehr populäre Botschaft hinausläuft.
Konnten Sie so etwas wie Wortwitz in den Texten deutschsprachiger Rapper entdecken?
Ja, sicherlich, bei Curse 'Alles Real II' oder bei 'Willst Du Mit Mir Geh'n' von Fünf Sterne Deluxe und eben bei 'Bonanzarad' von Fischmob. Ich hatte einigen Spaß bei diesen Texten. Die Frage ist nur, wie weit dies alles mit den Qualitätsmaßstäben von Lyrik zu messen ist und ob es überhaupt sinnvoll ist, solche Vergleiche anzustellen.
Und, ist es sinnvoll?
Ich glaube mittlerweile, daß es dann nicht sinnvoll ist, wenn der Text von vornherein mit und für Musik gedacht wurde. Ich habe diese Erfahrung auch bei Schlagertexten gemacht. Die Schlagertexter vertrauen letztlich darauf, daß der Text dank der Musik auch in schwachen Passagen funktioniert. Das gleiche Gefühl habe ich beim Lesen von Kabarett-Texten. Die funktionieren auf der Bühne großartig, wenn man sie aber liest, fragt man sich, worüber man gelacht hat.
Ist es vielleicht der immer wiederkehrende Endreim, welcher Rap-Texte ermüdend wirken läßt?
Der Endreim ist etwas, worauf man ruhig hin und wieder verzichten sollte, damit diese gemütliche Monotonie nicht überhandnimmt. Das Gehirn hüpft wie ein Steinchen von Reimwort zu Reimwort, ohne viel nachzudenken, rein mechanisch. In der Lyrik gilt: Man sollte ein Reimwort nicht zu oft bringen, andernfalls wird es leicht ulkig - es sei denn, das Ulkige ist gewollt. Andere Reimtechniken sind interessanter, zum Beispiel die Binnenreime. Das Verlagern des Reims, daß er sich nicht allein auf den Endreim beschränkt, sondern als Binnenreim noch einmal auftaucht oder ganz einfach zum Stabreim oder Anklangsreim wird, wie die Wortfolge: 'ganz nah', 'tanzbar' und 'Kanzler', sprich: Kanzla, bei Fettes Brot.
Ein Stilmittel, das Moses Pelham durch seine dialektgefärbte Aussprache jederzeit einen Reim ermöglicht ...
Das war bei Goethe auch so! Man denke an 'Ach neige, du Schmerzensreiche' - sprich: 'Ach neische, du Schmerzensreische' - aus 'Faust I'. Der Hesse reimt eben anders als der normale Mensch. Bei Pelham und Goethe gibt es einige Parallelen, auch in der Wortwahl. Goethe war ebenfalls ziemlich krass, wenn man an 'Hanswursts Hochzeit' denkt oder an den Hexensabbat im Faust. Nicht so krass wie Pelhams 'Zu Krass', eine ziemlich öde Nummer. Bei 'Schnaps Für Alle' wird er recht weinerlich. Ich weiß aber nicht, inwieweit diese Weinerlichkeit durch sein Schicksal bedingt ist.
Sie haben einmal die These vertreten, daß 'alle Gedichte komisch sind, da das Gedicht die Komik vom ersten Tag an mit der Muttersprache eingesogen hat und bis auf den heutigen Tag von ihr durchtränkt ist.' Finden Sie eine Bestätigung ihrer These im HipHop?
Jedes Insistieren auf Reimwörtern macht deutlich, daß sich der Sinn des Gebildes durch große Zufälligkeiten, nämlich Gleichlautungen, herstellt. Beim HipHop gibt es sicher Leute, zum Beispiel die aus dem Ghetto, die gar nicht komisch sein wollen. Die insistieren auf den rhythmischen, auf den suggestiven Möglichkeiten des Reims. Andere nutzen die komischen Möglichkeiten. Beide reimen sehr unbefangen. In der geschriebenen Dichtung muß man sehr sparsam und kalkuliert mit dem Reim umgehen. Texte, die für das schlichte und ausschließliche Hören oder Lesen geschrieben worden sind, und jene, die von vornherein mit Musik arbeiten, sind daher nicht miteinander vergleichbar. Man muß HipHop-Musik in eine andere Reihe stellen - in die Reihe Schlager, Lied, Popsong. Das Gedicht kann zwar Rhythmus, Metrum, ja Musikalität beinhalten und versuchen, damit Suggestivität zu erzeugen, alles aber unter Verzicht auf Musik. Eigentlich auch unter Verzicht auf den verbalen Vortrag - obwohl da einige Leute widersprechen könnten.
Ist das ein Plädoyer für Instrumentalmusik?
Nein, es ist eher ein Plädoyer für das gedruckte Gedicht, das - wenn es gut ist - schon in dieser reizarmen Form funktionieren muß. Ich habe es nicht so gerne, wenn Gedichte leichtfertig mit Musik gekoppelt werden. Die Italiener haben die Unsitte, daß sie Gedichten im Radio sofort Musik unterlegen. Als ob das Wort nicht genügen würde. Tut es aber - zumindest beim guten Dichter.
Jüngste Veröffentlichungen
Bücher:
Unsere Erde ist ein Weibchen. 99 Sudelblätter von Robert Gernhardt zu 99 Sudelnotizen von Georg Christoph Lichtenberg (Haffmans Verlag, 224 S., DM 68,-)
Anläßlich des 200. Todestages von Lichtenberg am 24. Februar die zeichnerische Umsetzung von dessen Sudelsprüchen.
Wege zum Ruhm. 13 Hilfestellungen für junge Künstler und 1 Warnung (Fischer, 191 S., DM 14,90)
In 13 Briefen plaudert Onkel Robert aus dem Nähkästchen des ruhmreichen Künstlerlebens, auf daß die künstlerische Lebensplanung seines Patenkindes gleichsam von Erfolg gekrönt sein möge.
Gemeinsam mit Sarah Robin-Zimmermann: Bertolt Biber (Peter Hammer Verlag, 24 S., DM 24,80)
Wunderschönes Kinderbuch, in dem die Ballade um die kulinarischen Raubzüge des entflohenen Bibers Bertolt wunderschön illustriert ist.
CD-Rom:
Gernhardt's ewiger Kalender (terzio, DM 29,95)
Die besten (Bild-) Gedichte zum tagtäglichen Lesen und Hören - wodurch die Arbeit am PC endlich wieder Spaß macht!
Kalender:
Lichtenberg 1999. 12 Sudelblätter von Robert Gernhardt zu 12 Sudelnotizen von Georg Christoph Lichtenberg (Haffmans Verlag, DM 24,80)
Der Kalender zum Buch zur Ausstellung.
Austellung:
Robert Gernhardt und Horst Janssen - Sudelblätter zu Georg Christoph Lichtenberg, Göttingen Altes Rathaus, 17.01.-14.03.
Lesung:
14. Februar, 'Die drei Frisöre' - gemeinsam mit F.K. Waechter und F.W. Bernstein in der Alten Aula der Universität Marburg
Wir verlosen:
3 x 2 Freikarten für die Lesung in Marburg
5 x 1 Lichtenberg-Kalender von Gernhardt
3 x 1 CD-Rom 'Gernhardt's ewiger Kalender'
Zuschriften - mit Gewinnwunsch - an: INTRO Buchredaktion, c/o K. Schneider, G.-Hauptmann-Str. 10, 34414 Warburg / Westf. Oder per eMail: buch@intro.de



Nils Folckers und Klaus Schneider