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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Glamouröses Zwinkern

Rilo Kiley live

Weißer Mond, dunkler Garten und Laredo: Andrea Anez berichtet vom Konzert der Kalifornier im Kölner Prime Club.
Geschrieben am
26.08.07, Prime Club, Köln.

Die Show beginnt mit glasklarem Sound und den verschnörkelten Anfangsklängen von 'It's A Hit'. Es ist eine softere Version des Liedes, weniger wütend. Doch immer noch dieselbe intelligente politische Anklage in Form eines wunderbaren Popsongs. Jenny Lewis, unübersehbar und zentral am Bühnenrand, ist in ein silberfunkelndes Kleidchen gekleidet und der Gitarrengurt glitzert passend und um die Wette. Überhaupt glänzt hier einiges von der Bühne auf uns Zuschauer herunter: Da wären erstmal die glitzernden Hosenträger des Bassisten Pierre de Reeder, dann das matt schimmernde Hemd von Schlagzeuger Jason Boesel. Und selbst die Trommel reflektiert metallisch-purpur. Blake Sennett, der Gitarrist, nicht weniger glamourös, erscheint in exzentrisch-kleidsamer Weste.

Ready for Las Vegas? Nicht ganz. All dies Glänzen kommt mit einem Augenzwinkern daher, das besagt: Pop kann betörend glitzern und dennoch ehrlich sein. Bei genauerem Hinsehen scheint Jenny Lewis' Bühnentracht doch verdächtig second hand zu sein. Geschminkt ist sie kaum. Und die roten Haare? Gerade mal so gekämmt. Blake Sennett erzählt in belustigtem Ton eine Einstimmungsanekdote: Wie die Masse kurz vor Showbeginn ihn weder erkannte, noch vorbeiließ, als er durch den Club zurück in den Backstage-Bereich wollte. Und man sehe: Nicht mal er kann seine Eitelkeit so ganz ernst nehmen.

Augenzwinkern auch bei den Songs. Das sind meist fröhliche Melodien, geboren unter der beständigen kalifornischen Sonne. "It's always 75 (degrees) and no melting snow." Doch nicht weit entfernt lugen schon die Lyrics um die Ecke und diese sind gar nicht mehr so fröhlich und laid back-kalifornisch. "The paint's peeling off the street again." Sie erzählen Geschichten über die schäbige Realität, das eigene korrupte Herz und der Einsamkeit, die sich immer wieder einschleicht. Ach, könnten Verzweiflung und menschliche Schwächen doch immer so leichtfüßig charmant daherkommen.

Die Setlist an diesem Abend ist ein Verflechten der bekannteren Songs mit den eindeutig dancigen Beats des neuen Albums 'Under the Blacklight'. Die "old jams", wie Jenny Lewis sie nennt - Lieder, die alle kennen und immer wieder hören wollen - machen das Publikum glücklich. Darunter 'Portions for Foxes' und 'Paint's Peeling' und die beiden Zugaben 'With Arms Outstreched' und 'Does He Love You?'. Bejubelt wird auch Blake Sennetts 'Ripchord', den er mit Ukulele -"It might look small, but it's a real motherfucker"- und viel gespieltem Leid darbietet. Aber die wirklich aufregenden Darbietungen sind die neuen Songs, die mit ihrem disco-hybriden Sound zwar Rilo-typisch verspielt klingen, aber unerwartet exotisch anmuten. Bei 'Dejalo' überrascht Jenny Lewis mit spanischem Refrain und Latin Grooves und fragt schelmisch, "How do you feel after this one? It's a weird one, hm?". 'Breakin' Up' hüpft entspannt und gutgelaunt zum funky beat - und Jenny trommelt pointiert auf ihrem Cowbell und kann nicht anders als mithüpfen. Für das nachdenkliche 'Under the Blacklight' versammelt sich die gesamte Band an zwei Mikros, um zusammen im Chor zu singen. Funktioniert gut, sieht großartig aus und klingt tatsächlich nach weißem Mond, dunklem Garten und Laredo.Die Vibes stimmen und überhaupt läuft da ganz viel zwischen Publikum und Band. Die bühnenverliebten Blake Sennett und Jenny Lewis können gar nicht mehr vom Publikum lassen. Blake macht Scherze, selbst ein falsch eingeleitetes Lied nimmt er posend-lakonisch mit einem "I fucked up" hin. Jenny singt ganze Lieder am äußersten Bühnenrand, lächelt beseelt in den Raum, fragt nach unserem Wohlergehen, setzt ihre Schauspielkunst - mal subtil, mal offensichtlich selbsdarstellend - ein, um ihre Songtexte zu untermalen.

Doch heimlicher Star des Abends ist für mich Schlagzeuger Jason Boesel, der gelegentlich auch für Bright Eyes die Trommel schlägt und bei den Soloprojekten von Blake und Jenny auffällig talentiert mitwirkte. In der dunklen Tiefe der Bühne sitzt er und lässt ohne viel Selbstdarstellung die Songs von lasziv-bedrohlich zu Disco zu erhaben-dramatisch wechseln. Immerzu gelassen mitschwingend und konzentriert erfasst er auch die Zwischentöne von Jenny Lewis erzählerischem Gesang.

Zur Zugabe werden wir noch mit einer richtigen Showeinlage verwöhnt, in der das Verspielen und das Nichtfunktionieren der Technik bewusst eingesetzt werden, um auf die letzten Lieder einzustimmen. Und so kommen sogar die Vampire zu ihren credits. In Blakes Zusammfasssung des Abends, der ungefähr so geht: "I fucked up two songs, she fucked up one, the i-pod fucked one - it's just one of these nights when the vampires are out there sucking up the vibe out of the song ..."