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Totale Freiheit

Richard Russell über »Everything Is Recorded«

Der Mann, der Adele und The Prodigy zu Millionensellern aufbaute, bringt seine eigene Stimme zum Klingen: in Samples und der irrsten Supergroup, die die zeitgenössische Pop-Musik in letzter Zeit gesehen hat. Steffen Greiner traf den Produzenten, Musiker und Chef von XL Recordings im Soho House in Berlin.
Geschrieben am
Richard Russell redet wie ein No-Bullshit-Dude und hat dabei die Ausstrahlung eines Yogi. Das ist also einer der einflussreichsten Männer im Musikbusiness? Diese scheinbaren Widersprüche sind jedoch spannender als die Geschichten, die er erzählen will. Und hierbei handelt es sich immerhin um unterhaltsame Musik-Nerd-Reflexionen zur Lage des Pop, abseitige Details der Musikgeschichte und Anekdoten darüber, wie sich Peter Gabriel und Ghostface Killas Sohn, der noch kaum bekannte Soulsänger Infinite, im Studio verstanden haben. Oder: Sampha, Ibeyi und Kamasi Washington. Oder: Scritti Polittis Green Gartside und Major Lazers Partnerin in Crime Mela Murder.

All diese Künstlerinnen und Künstler kamen im Rahmen des Projekts Everything Is Recorded in Russells Studio zusammen. Das Album ist zwar ein Debüt, doch eingegliedert in eine Reihe von EPs, die ebenfalls dem strikten Konzept unterstellt sind, dass alles, was gemeinsam beim Jammen entsteht, aufgenommen und von Russell zusammengesetzt wird. »Ich war immer im Studio. Ich wollte etwas machen wie bei Africa Express, wo alles improvisiert war. Totale Freiheit. Wir trafen uns immer freitags. Man konnte kommen und gehen, einfach spielen. Die Leute waren begeistert. Es entstand eine wundervolle Energie.« Wer das Aufnehmen mit Africa Express, ein Projekt von Blurs Damon Albarn, als Vorbild anführt, hat seine Lehrjahre natürlich hinter sich gelassen. Und zwar schon lange: Richard Russell ist im Gegenteil als Gründer und Leiter des britischen Labels XL Recordings durchaus mitverantwortlich für den Sound, der regelmäßig die Seiten von Intro füllt.
Russell wuchs in einer fast schon orthodox zu nennenden jüdischen Community auf – ein Außenseiter zu sein gehört zu seinem Selbstverständnis. »Ich glaube, David Bowie hat da ähnlich gedacht. Bowie hat dafür gesorgt, dass ich mich als Außenseiter gut fühlte, weil ich spürte, dass das ein wichtiger Teil dessen war, was er darstellte. Manche Menschen senden die Botschaft, man solle sich anpassen, und andere die, dass man bloß nicht konform gehen soll. Als ich jung war, war ich immer ein Stückchen außerhalb von dem, was gerade los war. Irgendwann wusste ich, dass das meine Stärke ist und dass ich damit arbeiten musste, wenn ich einen Platz in der Welt finden wollte.«   Noch als Jugendlicher gründete er Ende der Achtziger sein Label. Damals steckte er tief in der englischen Rave-Szene. 1992 hatte er sogar einen Untergrund-Hit mit seinem Duo Kicks Like A Mule. »Dann habe ich gemerkt: Die Party geht zu Ende. Manchmal ist es ja besser, wenn man um sechs Uhr geht statt um sieben«, sagt Russell. Daraufhin konzentrierte er sich auf die Arbeit als Kurator seines Labels. Auf der Liste der Künstlerinnen und Künstler, die hier schließlich aufgebaut wurden, stehen beispielsweise Adele, King Krule, The xx, The Prodigy, M.I.A., Vampire Weekend. Im Roster befinden sich heute außerdem Acts wie Radiohead und Jack White. Ganze 75 Millionen Pfund soll der Privatbesitz des Mannes betragen, der sich da im Sessel fläzt.

Dafür, dass Russell seine musikalische Stimme wiederentdeckte, war seine Erfahrung als Produzent des Comeback-Albums von Gil Scott-Heron, des Rap-Poeten und Pioniers der Black Music, im Jahr 2010 verantwortlich: »Das Album, das ich mit Gil machte, war der Start der Phase meines Lebens, in der ich nun stecke. Gil gab mir damals viel Raum. Die Alben, die ich produzierte, waren immer die Alben der Künstler. Ich wollte sie nicht erschlagen. Ich habe meinen Künstlern immer möglichst viele Freiheiten gegeben, sich auszudrücken. Diesmal war ich bereit, sie mir selbst zu geben.«

Der Produzent als Künstler: ein Gedanke, den Russell auf Lee »Scratch« Perry zurückführt, den legendären Producer der gesammelten jamaikanischen Reggae-Szene der Siebziger, der in seinem Black Ark Studio den Dub fast im Alleingang erfand. Und der ihm zur Seite stand, als Russell im vorletzten Jahr am Guillain-Barré-Syndrom erkrankte, das bei schlimmem Verlauf zu einer zeitweiligen Lähmung führen kann. Russell war für zwei Wochen bei vollem Bewusstsein in einem komplett tauben Körper eingeschlossen. Der Besuch von Perry nach seiner Genesung, bei dem beide tagelang malten, gab ihm neue Energie. Ohne die Erfahrung dieser Krankheit würde das Album vermutlich nicht existieren. Zumindest nicht mit seiner spirituellen Schlagseite: »Dieses Einfangen-Wollen von Momenten, das hat viel mit dieser Krankheit zu tun. Ich erinnerte mich an eine Aufnahme von Timothy Leary. Er beschreibt einen Trip und sagt: ›Das ist eine vielversprechende Situation, seid wachsam mit den Fotos, die ihr da aufnehmt!‹ Als ich krank war, sah ich viele solcher Bilder, solcher Erinnerungsfotografien. Das ist auch eine Ebene von Everything Is Recorded: dass jeder Moment abgespeichert wird.«

Viele Tracks haben solche doppelten Ebenen in den Samples oder Texten, auch wenn Russell klar ist, dass sie kaum zu entschlüsseln sein werden. »Ich wollte, dass alles auf diesem Album magisch ist. Ich wollte die magischen Momente sammeln und das andere wegschneiden. Es geht darum, dass mich etwas fühlen macht, dass es besonders ist, eine Qualität von Andersartigkeit hat«, sagt der Produzent, der sich bei diesen Aufnahmen als Regisseur verstanden hat, während die Musikerinnen und Musiker eher das Ensemble waren – so entstand das Album wie ein Film erst im Schnitt. Es ist ein Album, das alte und neue Musikszenen zusammenbringt, dessen Sound aber doch klar dominiert wird durch die zeitgenössische Avantgarde der Black Music. »Multikulturell« nennt Russell das und sagt: »Als Kamasi Washington dazukam, war der Kreis geschlossen. Es hatte immer diesen Jazz-Ansatz, aber auf einmal war es wirklich Jazz.« Das kann man durchaus unterschreiben. Bloß: Besonders zwingend ist der Sound leider nicht. Daran ändern auch Charisma und Leidenschaft des Masterminds dahinter wenig: Die Geschichte bleibt hier faszinierender als ihr Epilog.

Everything Is Recorded

Everything Is Recorded by Richard Russell

Release: 16.02.2018

℗ 2018 XL Recordings

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