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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

The Gods Don’t Work

Richard Ashcroft

Richard Ashcroft gibt, um sein neues, drittes Soloalbum "Keys To The World" vorzustellen, ein kleines Konzert im Londoner King's College. Der kleine Saal ist so voll, dass man kaum atmen kann, die Jungs sind eindeutig in der Überzahl. Als Richard, oder "Dicky", wie er vom Londoner Time Out Magazine
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Richard Ashcroft gibt, um sein neues, drittes Soloalbum "Keys To The World" vorzustellen, ein kleines Konzert im Londoner King's College. Der kleine Saal ist so voll, dass man kaum atmen kann, die Jungs sind eindeutig in der Überzahl. Als Richard, oder "Dicky", wie er vom Londoner Time Out Magazine liebevoll genannt wird, auf die Bühne kommt, spielt er erst mal "Lucky Man", zu Ehren von Fußballer George Best, der kurz vorher, ironischerweise genau an dem Tag, als in England das Sperrstundengesetz fiel, an den Folgen seiner exzessiven Lebensweise gestorben ist. Die Jungs im Publikum verschütten vor lauter Rührung ihr Fünf-Pfund-Pint und merken es noch nicht mal. Sie liegen sich in den Armen und weinen. Zumindest fast. Manchester United fliegt am gleichen Abend aus der Champions-League. Fußball und Musik werden Richard auch am nächsten Tag beim Interview in einem schicken Londoner Vorort beschäftigen:

Als ich gestern Abend von der Bühne kam, hatte ich eine Nachricht von Mani von Primal Scream, dass ich ihn anrufen solle. Er ist ja Teil der "Real Manchester United"-Bewegung - ein neuer Club wurde gegründet, als Reaktion auf die amerikanische Übernahme von Manchester United. Eine verrückte Zeit. George Best ist gestorben. Für mich spiegelt sich da auch die ganze Rock'n'Roll-Szene wider. Schau dir George Best und seine Zeit an. Als George Best damals auf dreckigen, matschigen Fußballfeldern mit dem Ball zauberte, haben die Beatles vor 50.000 Leuten gespielt. Das waren irgendwie unschuldige Zeiten. Und dann hat diese Unternehmer-Mentalität die Oberhand gewonnen. Sowohl Fußball als auch Musik sind in höchstem Maße corporate und konservativ.

Du hast mal gesagt, dass man die Leute eigentlich nur noch über zwei Sachen erreichen kann: Fußball und Musik.
Das hat mit den Anschlägen im Sommer in London zu tun. Ich war zu der Zeit mit Coldplay in Australien und bekam nur aus der Ferne mit, was hier los war. Ich dachte nur: Was bliebe den Leuten ohne Musik und ihre Helden im Sport? Das ist die geistige Nahrung, die sie ablenken kann, die ihnen wieder Mut gibt.

Und die du den Leuten geben willst?
Ich sehe das eher ironisch. Wenn ich in einem Song auf dem Album "Why Not Nothing" singe, dann ist das eine Frage. Die meisten Dinge in unserer Gesellschaft sind dazu gemacht, aufzuhören. Wir sollen irgendwas begehren, um die Leere zu füllen. Wenn du keine Religion hast, dann hängst du normalerweise an Materiellem. Ich finde es ziemlich schwierig, Musik zu machen und gleichzeitig in dieser Gesellschaft zu sein, die ich ja nicht ignorieren kann, weil ich auch ein Teil von ihr bin. Aber Musik ist ziemlich mächtig und vor allem unmittelbar. Was machst du also damit? Ist es nur Spaß, oder willst du die Leute auf eine Reise mitnehmen? Glücklicherweise kann ich, wenn ich auf der Bühne stehe, eine Verbindung mit dem Publikum spüren, was vielleicht daran liegt, dass ich mir über ein paar Dinge Gedanken mache, die das Publikum auch beschäftigen.

Bei deinem Konzert gestern war ich ziemlich erstaunt: Da lagen sich typisch englische Lads in den Armen und mussten bei jedem Song fast weinen. So einen Enthusiasmus kenne ich von Konzerten in Deutschland gar nicht.
Als ich England gegen Frankreich bei der Fußball-WM 1998 gesehen habe, kam so ein Typ auf mich zu. Er hatte nur noch einen Zahn und war bis zur Halskrause tätowiert. Er war so aufgeregt und erzählte mir, dass - ich glaube, es war "The Drugs Don't Work" - ihn sehr bewegt habe. Wir reden hier von einem Typen, von dem man niemals erwarten würde, dass er seine Gefühle zeigen würde, der wahrscheinlich 15 Ecstasy-Pillen braucht, um jemanden mal in den Arm zu nehmen. Ich realisiere schon, dass meine Musik die Leute offenbar berührt. Wenn du einen erwachsenen Mann dazu bringen kannst, vor seinen Freunden zu weinen, puh ... Ein Freund von mir in New York hat seine Frau kennen gelernt, als er in New York auf einen Zug wartete und "Lucky Man" summte. Seine spätere Frau hat den Song erkannt, sie haben sich kennen gelernt, sind zu einem meiner Konzerte gegangen und seitdem zusammen. Was ich damit meine, ist, dass ein Song der Soundtrack zu deinem Leben sein kann. Mir geht es darum, dass die Leute sich auch nach dem Konzert ein paar Gedanken machen, wenn ich singe "The Drugs Don't Work", "Nature Is The Law" oder "Why Not Nothing".

Glaubst du denn selbst, dass hinter allem "nichts" steckt?
Ich denke nur darüber nach, was wir getan haben, um diese Leere zu füllen, nämlich, irgendwelche Wunder zu erfinden, um die Frage zu beantworten. Dabei ist es ja schon ein Wunder, dass es überhaupt Leben gibt - auf diesem Planeten, der irgendwo in der Unendlichkeit liegt. Wozu Gott? Warum suchen wir immer nach etwas, was dahinter liegt? Mein Schwiegervater ist Verhaltenspsychologe und hat vor ein paar Jahren zu mir gesagt: Warum nicht nichts? Das ist bei mir hängen geblieben, und ich wollte schon immer einen Song darüber machen, nur im richtigen Kontext, weil ich nicht als Nihilist missverstanden werden will.

Wenn man wirklich daran glaubt, dass es nichts hinter allem gibt, muss man selbst die Verantwortung für sein Leben übernehmen. Und das ist für viele Leute wahrscheinlich nicht so einfach.
Deswegen singe ich ja auch: "It's a hard road on your own, you gotta learn the way you do" ... Hinterfrage das, was dir Leute in einer Uniform erzählen. Wahrheit gibt es nicht, sondern vielmehr eine Lüge nach der anderen. Schau dir den Irak-Krieg an. Die Leute in England sind immer noch geschockt. Ein Premier kann eine ganze Nation anlügen! Ich habe vor zehn Jahren mal gehört, dass ein Satellit scharfe Bilder von meiner Zigarettenschachtel machen kann. Und wir konnten nicht herausfinden, ob im Irak nukleare Waffen hergestellt werden? Das ist so lächerlich. Außerdem ist es offensichtlich, dass die Verbindung zwischen Religion und Politik gerade wieder sehr aktuell ist. Deswegen die Frage: Warum nicht nichts?

Du hast im Sommer mit Coldplay zusammen bei Live 8 in London den Verve-Song "Bittersweet Symphony" gespielt. Chris Martin hat dich mit den Worten angekündigt: "Hier kommt der großartigste Song, der jemals geschrieben wurde, gesungen vom besten Sänger der Welt."
Es ist mir schon fast peinlich, weil es ein unfassbares Kompliment ist, das mich verdammt eingeschüchtert hat, als ich dann auf die Bühne ging. Ich dachte erst mal: Will er mich aufbauen, weil vielleicht das Mikro oder sonst was nicht funktioniert? Oder weil eine Milliarde Menschen zuhören und -schauen? Bob Geldorf hat wohl gemerkt, dass ich ein bisschen durcheinander war. Er klopfte mir auf die Schulter, sagte ein paar sehr nette Sachen, und das hat mir ziemlich viel Selbstvertrauen gegeben.

Kannst du dich daran erinnern, wie die Leute bei dem Song reagiert haben?
Das ist lustig, Chris meinte an dem Tag, dass es aussehen würde, als ob das Publikum total weit weg wäre, jedenfalls war die Reaktion nach Bittersweet Symphony unglaublich. Schon komisch: Wenn Chris mich persönlich bei einem Bier gefragt hätte, ob wir den Song zusammen spielen, hätte ich wahrscheinlich nein gesagt. Die letzten 15 Jahre habe ich mir wirklich Mühe gegeben, nichts mit Musikerkollegen zu tun zu haben. Und dann hab ich sie alle innerhalb von drei Stunden backstage bei Live 8 getroffen [lacht]. Das war so intensiv! Ein Teil von mir könnte irgendwo in einem kleinen Dorf untertauchen, wo ich den ganzen Tag angeln könnte. Die andere Hälfte will aber die Aufmerksamkeit der ganzen Welt.