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Eine kleine Fickmusik

Rhye im Interview

»Wir wollten nie geheimnisvoll sein und uns verstecken«, sagt das mysteriös gesichtslose Duo Rhye. 2012 versteckte es sich, um an seinem Album »Woman« zu arbeiten – das wohl intimste Stück Musik, das man sich dieser Tage auf den Plattenteller legen kann. Daniel Koch macht der Geheimniskrämerei ein Ende.
Geschrieben am
»Fickmusik.« So das wenig qualifizierte Urteil eines Freundes zum Rhye-Song »Open«, das ich an dieser Stelle zitieren muss. Weil es irgendwie in eine, nun ja, nachvollziehbare Richtung geht. Rhye werden sicher auch den »Smooth Operator« von Sade studiert haben. Allerdings verhält es sich dabei ein wenig wie mit diesem Spruch aus »Fight Club«, nur mit umgekehrtem Vorzeichen: »Das ist keine Liebe, das ist Sportficken«, sagt Tyler Durden da einmal nach einem wilden Ritt mit Marla Singer, und im Falle von »Open« muss es nun heißen: »Das ist keine Fickmusik, das ist Liebe.« Fiel mir in dem Moment natürlich nicht ein – aber macht sich hier ganz gut...

Der Reihe nach: Das in L.A. lebende Duo Rhye veröffentlichte Anfang 2012 seine unheimlich sexy klingende Debüt-EP »Open« – auf dem unheimlich geschmackssicheren Label Innovative Leisure. Vor allem dem Titelstück konnte man sich kaum entziehen: ein schwermütiges Streicher-Intro, eine simple, aber perfekte Bassmelodie, ein Beatklicken und eine Stimme, so samten und wundervoll, wie man lange keine Stimme mehr gehört hatte. Aber was sang da? Ein Mann? Eine Frau? Völlig egal. Die Blogwelt liebte das Lied spätestens ab dem Moment, in dem das Video dazu veröffentlicht wurde. Man sieht darin Paare beim Liebesspiel, intim gefilmt, mit einem Kamerablick, der die wirklich erotischen Details feiert, die elektrisierten Armhärchen, die Hand, die über eine nackte Schulter streicht, die seltsamen Muster der Sommersprossen und Muttermale auf der Haut, das Auf und Ab eines schönen Bauches. Besser konnte man diese Zeilen nicht bebildern:

»I’m a fool for that shake in your thighs / I’m a fool for that sob in your sighs / I’m a fool for your belly / I’m a fool for your love.«
Auch die Faktenlage gefiel: Rhye verzichteten auf Bandfotos, nannten sich nicht beim Namen, hielten sich dezent im Hintergrund, führten erste Interviews lediglich per Mail. Auf Rätselraten konnte das Web Zwo-Null bekanntlich schon immer gut. Verstärkt durch die androgyne Stimme, kochte sich ein munterer Netzhype hoch, bei dem man sich nur über eines einig war: Die ersten Songs sind großartig. Und sonst so? Nun sagt schon!


Der Nicht-Scoop

Die Auflösung des Rhye-Geheimnisses ist fast schon ein wenig zu simpel: Hinter Rhye verbergen sich Sänger, Cellist, Produzent Mike Milosh und Robin Hannibal, der auch Teil des dänischen Soulpop-Duos Quadron ist. Eine ganz neue Erkenntnis haben wir damit aber mitnichten gewonnen, wie Robin Hannibal mit einem Schmunzeln in der Stimme am Telefon verrät: »Wir wollten nie geheimnisvoll wirken oder uns verstecken. Für uns war wichtig, dass die Musik für sich spricht und sich die Wirkung nicht durch unsere Personen oder das, was wir bisher gemacht haben, verändert. Die Leute sollten sich ihr eigenes Bild machen.« Genau das ist dann ja auch passiert, mitunter mit überraschenden Ergebnissen: »Viele dachten sogar, Mike sei eine Frau!« erzählt Hannibal. »Das war schon irgendwie lustig. Dabei konnte man schnell herausfinden, wer sich hinter Rhye verbirgt. Unsere Namen standen unter den ersten Songs, die wir bei iTunes eingestellt hatten.«

Das Album »Woman« stützt die These, die wir uns schon nach »Open« und der anschließenden Single »The Fall« zurechtgelegt hatten: Sollten diese zehn Songs der Versuch sein, menschliche Emotionen in Klang zu fassen? Eine Musik zu finden, die ungefähr das auszulösen oder abzubilden vermag, was man zum Beispiel in einer intimen Nacht gefühlt hat? »Ja. Genau so ist es. Sorry. Diese Fragen hast du dir damit selbst beantwortet.« Mist. »Wobei ich es wirklich nur einen Versuch nennen würde. Denn natürlich ist das eine unmögliche Aufgabe«, ergänzt Robin Hannibal. »Die Songs reflektieren tatsächlich Dinge, die Mike und ich erlebt haben. ›Open‹ zum Beispiel beschreibt eine besondere Nacht, die Mike mit seiner Frau verbracht hat. Aber in dem Moment, in dem du versuchst, diese Gefühle zu vertonen, bist du zwangsläufig in einem Arbeitsprozess, der wenig mit der Natürlichkeit zu tun hat, mit der du diese Emotionen empfunden hast.« Hannibal spricht von »instrumenteller Reproduktion«, um den Prozess zu beschreiben.

Man merkt in jedem Satz, dass Rhye eine genaue Vorstellung davon haben, wie der »Roll-out von Rhye«, wie es Hannibal nennt, funktionieren soll. Die Bekanntmachung der Künstler selbst ist also nicht wirklich ein Stolpern ins Scheinwerferlicht, sondern der logische nächste und weit im Vorfeld geplante Schritt: »Wir sind in jeglicher Hinsicht entspannt. Wir haben die Regeln gesetzt, nach denen wir unsere Musik einführen und das Album herausbringen«, stellt er klar. Nun freuen sich Rhye darauf, die ersten Konzerte zu spielen. Denn »wir sind kein virtuelles Projekt, das sich im Internet versteckt«, stellt Hannibal klar. »Wir sind Menschen – die Leute sollen sehen, wer diese Musik macht. Aber sie werden eine andere Version von Rhye erleben. Die besten Konzerte sind für uns die, bei denen eben nicht versucht wird, ein Album eins zu eins nachzuspielen – und deshalb werden wir das auch nicht tun.«

Schön zu hören. Jetzt muss nur noch alles daran gelegt werden, die eigene Freundin von Rhye zu überzeugen, damit man sich am Ende beim Konzert nicht selbst kuscheln muss. 

Rhye

Woman

Release: 01.01.2013

℗ 2013 Polydor Ltd. (UK)