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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Rocky Music

Rework

Und sie bewegt sich doch, die Popmusik. Manchmal auch genau in andere Richtungen und an andere Orte. Das Unerwartete macht ja auch das Reizvolle aus. In Zeiten, in denen Hypes bis ins kleinste Detail vorausberechnet werden, ist es umso absurder, wenn Typen einfach per sofort unprätentiös sind. Und d
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Und sie bewegt sich doch, die Popmusik. Manchmal auch genau in andere Richtungen und an andere Orte. Das Unerwartete macht ja auch das Reizvolle aus. In Zeiten, in denen Hypes bis ins kleinste Detail vorausberechnet werden, ist es umso absurder, wenn Typen einfach per sofort unprätentiös sind. Und darin auch gewissermaßen verlässlich. Alle müssen jetzt den Nietengürtel enger schnallen. Nur die hier nicht.

Rework, meine ich. Aus, of all Places, Stuttgart. Der Hauptstadt Baden-Württembergs. Dem Gourmetländle. Fuck Yeah! Was an dieser Stelle bisher geschah: "Zuerst hießen wir ‚Remote', nach 'Remote Control', einem Album von den Tubes", erklärt Daniel Varga, ein Viertel von Rework. Sein Partner Michel Kübler ergänzt: "Das erste Stück, das wir je gemacht haben, hieß aber ‚Rework', und bei dem Namen haben wir es dann auch belassen." Der Titel kam gleich auf die gleichnamige Maxi (Playhouse 43), zeigte in punky minimaler Funkmanier nach vorne: "Exploded work, exploded work, exploded work, wanna rework", brodelte es im Refrain. Vier Maxis und drei Jahre später erscheint nun "Fall right now", das Debutalbum, das völlig überraschend nach Chansons, Pop, Rock, House und New Wave klingt.

Nennen wir Rework der Einfachheit halber das sparsame Quartett. Und zwar, weil sie zwar Floor-kompatible Songs machen, schlanke Burner so wie oben. Ich wette sogar, das Gerenne zum DJ geht los, sobald der diesen unerbittlichen Sound kurz antickt. Aber Rework sind, darin versteig ich mich jetzt einfach mal, vom Prinzip her auch eine Art Clubpopband. Das fängt schon damit an, als was sie sich einst auf ihrer Homepage bezeichneten: Laetitia war die "creative Chanteuse" , Daniel der Verantwortliche für "Remote Vaulting" und Michels Aufgabe bei Rework war das "Machine Mutating". "Ich finde diesen jahrmarktmäßigen Style anziehend", sagt Michel heute dazu. Die Rework-Beats und -Sounds mögen funktional und kühl sein und suggerieren das distanzierte, etwas nervöse nächtliche Abklapper-Ambiente eines Clubs. Hooks und Refrains wiederum sind bis über die Maßen verspielt und zeigen über den Club hinaus ins Radio, wo die Melodie immer noch den Ton angibt. Rework wirken unbekümmert, aber nicht naiv. Klarer Fall von rocky Music. "Not quite like any other", das zweite Stück auf dem Debutalbum "Fall right now" könnte jeder Eric-Rohmer-Liebeserklärung-auf-Zelluloid zur Ehre gereichen. Es klingt so, wie wenn man aus Kitsch das spießige Element ausblendet. Genial simpel auch "Affaire Classée", das in seiner Hoppla-jetzt-komm-ich Softpop-Masche an alle französischen Großtaten zwischen Lio und X-Ray Pop gemahnt. Rework fühlen sich aber in vielen Gefühlswelten zu Hause, nicht nur in der old dirty französischen Fetenklassikerwelt. Aber wo wir schon beim Flirten mit der französischen Musik und dem Kino der flüchtigen Begegnungen und vielsagenden Blicke angelangt sind: Beide Rework-Sängerinnen, Laetitia und Caro, stammen aus Frankreich. Während Laetitia nur im Studio dabei ist, übernimmt Caro das Mikrophon auf der Bühne. Michel Kübler und Daniel Varga kümmern sich hauptsächlich um die Musik.

Meist bedeutet die Konstellation Frau am Gesang / Mann am Synthie absoluten Stillstand, bei Rework läuft es hingegen unkompliziert. Die Chemie stimmt: "Wir haben uns nicht so viele Gedanken gemacht, was es heißt, französische Texte zu haben. Wir mochten Laetitias Stimme", erzählt Michel. "Wir kennen sie schon lange, wir sind miteinander befreundet." Das Schöne bei Rework ist, wie zig Ideen, disparate Einflüsse, unterschiedliche Sichtweisen miteinander kollidieren und trotzdem nebeneinander bestehen können. Die Texte sind einfach und direkt, mal französisch, mal englisch mit schwerem französischen Akzent gesungen. Kinky Klischees werden dabei nicht ausgelassen. Und Rework stehen auch voll dazu. "Natürlich haben unsere Texte private Bezüge. Sie drehen sich um unsere Träume, die Liebe, das Leben, aber wir blenden auch gerne die Realität aus und lassen die Phantasie spielen. Mit dem Texten sind wir noch ganz am Anfang", meint Michel. Musikalisch geht es ähnlich munter durcheinander. Zwischen rotzfrechen Sommerballaden richtet sich der Blick von Rework zum Beispiel auch auf Chris&Cosey und ihren spröden "October Song". Kein Beitrag zum New-Wave-Revival, wie Michel meint: "New Wave ist ein Einfluss von vielen. Wir sind aber sehr beeindruckt von Throbbing Gristle, deshalb haben wir das Stück spontan auf das Album genommen". "Wir treffen uns fast täglich zum Musikmachen", ergänzt Daniel. "Dieses Gefühl, Musik zu machen, ist so präsent, dass wir schon gar nicht mehr darüber nachdenken. Wir analysieren unser Material auch nicht so genau, wir machen einfach immer weiter."

Daniel und Michel kennen sich schon seit Urzeiten. Sie sind fester Bestandteil einer noch recht jungen Stuttgarter Musikszene zwischen Rock und Elektronik. Während Michel auch unter dem Namen Re-Styles für das kleine Stuttgarter Label Pavlek aufnimmt, hat Daniel als DJ und Teil des Duos Borneo&Sporenburg schon einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht. Zusammen machen Kübler und Varga auch bei der Radiosendung "Monoton" mit, und sind Mitglieder im "Verein für Flüssigkeiten und Schwingungen (FFUS), der in einem alten Eisenbahnwaggon irgendwo an der Peripherie Konzerte und Partys abhält. Michel, der eine Indierockvergangenheit hat, kommt ins Schwärmen: "Da hängen interessante Musiker und Bands ab, zum Beispiel Monsieur Mo Rio, Rocket Freudenthal, Ina, Schlenz Deluxe..." Daniel, eher der Clubber, ergänzt: "Es gibt auch jede Menge interessanter Produzenten wie Soulphiction, Dublex Inc, Soda und Cpt. Future und auch gute Labels wie Onitor und Pavlek. Dieses Umfeld ist sehr wichtig für uns und unsere Musik." Trotzdem fühlen sie sich beim benachbarten Frankfurter Label Playhouse aufgehoben. Dort seien stilistisch völlig unterschiedliche Künstler am Start, und die Macher von Playhouse wüssten genau, was abgeht. Und, ist Stuttgart das nächste Seattle? "Nächstes Jahr ziehen wir sowieso nach Budapest!"