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Revisited: Tomte - "Hinter all diesen Fenstern"

Die besten Platten des Jahrzehnts

Wir blicken zurück auf die großen Momente und noch größere Alben, die uns auch heute noch begleiten. Jeweils mit der Original-Intro-Review von anno dunnemal. Platz 21.
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Das waren die Nuller: Wir blicken zurück auf die großen Momente und noch größere Alben, die uns auch heute noch begleiten. Jeweils mit der Original-Intro-Review von anno dunnemal. Heute mit Tomte - "Hinter all diesen Fenstern". Die besten Platten des Jahrzehnts wurden im Rahmen des Intro-Jahrzehntpolls von den Intro-Usern gewählt.

Wenn das Erste, was man über eine Platte schreiben will, etwas Negatives ist, dann bleibt einem gar nichts anderes übrig, als schnell etwas anderes nach vorne zu schieben. Vorausgesetzt natürlich, man will eigentlich den Leuten klar machen, dass diese Platte schlichtweg existenziell für ihr Leben und das Leben ihrer Liebsten ist.

Und deswegen sage ich es gleich mal zu Beginn dieser Besprechung: Tomte ist mit "Hinter All Diesen Fenstern", dem Album, auf das wir viel zu lange warten mussten, eine Offenbarung gelungen. Nie klang Arbeiter-Prosa umwerfender, nie wurde eine so tiefe Sehnsucht nach Liebe und Nähe angenehmer formuliert als mit der Uhlmann'schen Bierromantik. Und schon lange nicht mehr überzeugte deutscher Rock so eigenständig und facettenreich wie hier.



Eigentlich wär also alles super. Eigentlich. Aber, und ich hoffe, ich werde dafür nicht wieder wie jüngst in einer Kölner Neo-Hipness-Location vom Sänger dieser Band mit dem Messer gejagt, der Albumtitel (und das Artwork), der geht leider so gar nicht. Und zwar, da Thees Uhlmann, Großmaul, Entertainerarsch und Textergott bei Tomte, uns erzählen will, dass hinter all diesen Fenstern da draußen Menschen leben, die es wert sind zu bleiben.

Da kann man doch nicht anders, als zu schreien und daran zu erinnern, dass wir gerade gegen diese Masse von Leuten hinter den Fenstern einst angetreten sind, dass doch gerade dieses Nicht-Wissen, was man mit den 60 Millionen Hooligans hinter den Fenstern machen soll, außer ihnen zu zeigen, wo es langgeht, indem man das eigene (Aus-)Leben gegen ihre Existenz stellte, schon immer der Kern unserer linken Existenz war - was nicht heißt, dass wir uns des Dilemmas, eher als kritisierendes Moment in Erscheinung zu treten, nicht bewusst waren und sind, uns das Konstruktive, der fehlende Gegenentwurf für das bessere Leben mit ihnen nicht genauso fehlte wie ein Grund, warum wir überhaupt für (und mit?) all diese(n) Menschen hinter den Fenstern eine bessere Welt kreieren wollen - und ob wir es überhaupt wollen. Ja, Hass war unser größter Motor, als wir uns damals in der so called Subkultur eingenistet haben, damals, als wir jung und wild waren. Und jetzt soll das passé sein, sollen wir plötzlich das Gute in der Masse sehen und fühlen?
[usercomment=http://www.intro.de/forum/plink/1/1052079699/1052652461]Ich glaube, das können nur total sensible Menschen hören. Die sich total viel Gedanken über das Leben machen. Und sich versuchen selbst zu finden, so in Töpferkursen oder Batikworkshops.[/usercomment]
Tja, und wie ich das so schreibe, dieses Pamphlet an den Hass alter Tage, werde ich doch neidisch auf Thees Uhlmann, neidisch darauf, dass er so sentimental und zuversichtlich davon singen kann, dass "hinter all diesen Fenstern Menschen sitzen" und dass sie "es wert sind, dass man bleibt". Und dass es nicht bei der Beiläufigkeit so vieler sozialer Kontakte bleibt, sondern mit dem ganzen aufgewühlten Gefühl von "hier will ich hin" passiert. Denn würde er sonst singen: "Du bist den ganzen Weg gerannt"? Ganz sicher nicht. Hier spürt einer, wie schön es ist (noch ganz erschöpft vom Rennen), den Kopf in den Schoß des anderen zu legen und Ruhe zu finden, zum Atmen und Nachdenken.

Ich bin neidisch, da ich die Bilder im Fernsehen, die, während ich die Platte zum fünften Mal in dieser Nacht auf Rotation setze, in meinem privaten "jump and dance to the music of your friends"-Club laufen und die mir das nächtliche Bagdad zeigen, mit mehr Optimismus sehen könnte. Wenn ich fühlen würde, was Uhlmann fühlt, dann wüsste ich, dass ich nicht allein bin mit meinem Hass auf die Amerikaner, die einem lächerlich abgerüsteten, wehrlosen Volk so unnötig die eigene Stärke demonstrieren müssen, dass ich meinen Hass mit all den Menschen hinter den Scheiben teilen kann, da auch sie fühlen, was ich fühle: Ekel. Aber ich sehe das nicht. Und ich fühle das nicht. Ich fühle (fast) nur Angela Merkels da draußen. Ist das nicht traurig? Und dann denke ich an diese eine Zeile, die mir ein Mädchen einst im Morgengrauen zugeflüstert hat, nachdem ich in Richtung eines Joggers fluchte, wie man nur so doof sein könne, um diese Zeit zu joggen. Sie flüsterte: "Und wie kann man nur so doof sein, sich darüber aufzuregen, dass jemand so früh joggt?" Und sie hatte Recht. Scheiße. Sie hatte Recht. Und die Moral: Vielleicht muss man seinen Hass wirklich mehr kanalisieren, damit man ihn im richtigen Moment fließen lassen kann: Zum Beispiel jetzt, wo die Uhr 3.30 zeigt, die Zeit des Standbildes auf der Überwachungskamera vorbei ist und die ersten Bomben auf Bagdad fallen, der Zeitpunkt gekommen ist, an dem wir wissen, was das für die Unschuldigen hinter all diesen Fenstern im Irak bedeutet: Angst und Tod.

Nein, es ist nicht zu viel, was hier an Worten hineinfließt in Tomtes Welt. Thees Uhlmann mag zwar als Type so was von hemdsärmelig rüberkommen, mag nach Patrick Wagner der zweitbeste Selbstpromoter einer Band sein - allerdings, das muss gesagt werden, ein liebevollerer, so selbstverloren hilflos wirkender, dass man gar nicht anders kann, als ihn zu umarmen -, mag irgendwie immer so wirken, als scheitere er gerade, doch gerade aus diesen ganzen Mags wird am Ende ein Songwriter, der einen atemlos textet. Bilder, so schroff und ungewohnt wie sensibel und ergreifend. Beispiele gefällig? Here we go:

"Das war eine Mischung aus Angst und Bier, die dich trieb, weiterzugehen. An Plätze, die Menschen in deinem Alter vermeiden, um dort nicht gleich zu verglühen." (aus "Für immer die Menschen")

"Und das ist nicht die Sonne, die untergeht, sondern die Erde, die sich dreht." (aus "Die Schönheit der Chance")

"Schreit den Namen meiner Mutter, die mich hielt. Schreit den Namen meines Vaters, der mich machte zu einem glühenden Verehrer der Sachen des Lichts." (aus "Schreit den Namen meiner Mutter")

"Seit fünf Jahren halte ich mein Herz in kochendes Wasser, doch es scheint nichts zu nützen, denn so abgebrüht bin ich noch lange nicht." (aus "Insecuritate")

Tomte sind die deutschen Oasis. Könnte man schreiben. Und liest man auch gerne mal. Aber das liegt ja auch so was von auf der Hand, denn Thees Uhlmann ist nicht nur irgendein Oasis-Fan, er ist ein Oasis Ultra der ersten Stunde. Und als solcher schreit er ihre Bedeutung jedem ins Gesicht, der es ohne diesen Orkan nicht kapieren will. Aber: Alles egal. Denn am Ende von "Hinter All Diesen Fenstern" - das durchaus das ein oder andere Mal den Atem von Oasis aushaucht (und noch viel öfter in seinem Pathos-Midtempo-Rock an die grandiosen The Smiths erinnert), am deutlichsten auf der ersten Singleauskopplung "Schrei den Namen meiner Mutter" - ist eine pure, reine Seele am Horizont zu sehen, die die Gallagher-Brüder niemals sehen würden (und die Morrissey nie so selbstverloren, unegozentrisch transportieren konnte), geschweige denn durch ihre Kunst zu vermitteln in der Lage wären.

"Hinter All Diesen Fenstern" ist ein Album über das Leben. Und den Tod. Über den Moment, wenn der Tag geht, wenn die Liebe auf eine unklare Restzeit terminiert wird, wenn die Menschen am Ende eines Lebens an einem Grab stehen. Und entgegen all dieser Gegenwärtigkeit des Endes zeigt bei Tomte die Faust gen Himmel, reckt sich der Körper immer wieder seinem Schicksal der Vergänglichkeit entgegen und gibt uns den Mut zum Leben ohne doppelte Bindung namens Altersvorsorge.

Alles wagen. Alles leben. Davon kann diese Band ihre Geschichten erzählen. Was haben sie sich nicht alles anhören müssen. In den frühen Tagen von irgendwelchen süddeutschen Fanzine-Typen Vergleiche mit den Ärzten und Dinosaur Jr (und keineswegs, wie im Booklet geschrieben, mit ... But Alive - woher ich das weiß? Leiten Sie es sich selbst ab!) Viel später dann von der Plattenindustrie, dass der Markt nicht bereit sei und der Vorschuss geringer ausfallen müsse, ja, gar nicht kommen werde, denn es sei ja Krise angesagt. Und was machen die Höllenhunde? Sie holen sich alle Schreiber dieser Welt mal eben affirmativ-freundschaftlich ins Band-Bett, und sie stemmen mal eben ihr eigenes Label: Grand Hotel Van Cleef. Und sie legen über ihren End-Twenty-Angst-Rock Zeilen wie diese: "Sag ihr, dass ich sie liebe für die Zeit, die mir bleibt", "Du wirst sehen, du wirst stehen, in der Sonne" und "Ich weiß, dass du geknechtet wirst heute Nacht." Hier fühlt einer für andere. Und das bis zum bitteren Ende. In "Von Gott Verbrüht" klingt das dann so: "Du weißt, ich würde sterben für dich, um dir ein gutes Leben zu garantieren."[quizr]
Und das Schöne an dieser Zeile ist: Man glaubt es ihm, auch wenn man weiß, dass es, obwohl wir alle diese Romantik in uns tragen, immer diesen Gedanken gibt und wir dennoch oft anders handeln - da wir denken, es wäre ja ewig Zeit. Aber das ist es nicht. Denn wir sind sterblich. Ja, wir sind sterblich. Sterblich. Oh ja, wir sind sterblich. Und nachdem ich hundertmal "Scheiße" geschrieen habe, jetzt, hier, in dieser Nacht, da ich noch so viel Liebe geben will, da öffne ich die Arme, um zu umarmen, alle, und irgendwie in dieser Nacht nur mich, sehe Bilder von Menschen, die ich schon viel zu lang nicht umarmt habe, denke an die nichtigen Gründe für all das. Und bin mir bewusst (und damit wieder in der Welt des Realismus angekommen), dass ich mal wieder mit dem Fragment einer Review bereits alle Vorgaben getoppt habe - und das sogar in der Reviewausgabe unserer kleinen Kulturzeitschrift. [Ich hatte nichts anderes erwartet. Gerade in der Reviewausgabe - die Lektorin] Ach, wo soll das noch enden? Aber eins sei noch gesagt: Diese Monsterbesprechungen, die passieren nur bei den ganz großen Platten. Scheiße, Jungs (ich meine die Band, bevor mir das als ihr-wisst-schon ausgelegt wird), ich glaube, man kann gar nicht lang genug leben für diese Platte. Danke.

Ach so, dieses eine Mädchen habe ich seit dem Morgen mit dem Jogger nicht mehr gesehen. Und das ist eine Schande. Aber auch dafür hat die Uhlmann'sche Bierromantik die Erklärung parat: "Da ist zu viel Angst in deiner Welt."

Intro-Jahrzehntpoll, Platz 21:
Tomte - "Hinter all diesen Fenstern"
[Grand Hotel Van Cleef / Indigo / VÖ: 28.04.2003 ]

Die besten Platten des Jahrzehnts wurden im Rahmen des Intro-Jahrzehntpolls von den Intro-Usern gewählt.
Die gesamte Top 100-Liste findet ihr hier.

Der große Intro-Jahrzehntrückblick: Das waren die Nuller.
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