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»In Rainbows«

Radiohead

Radiohead veröffentlichen ihr Album »In Rainbows« zunächst als MP3-Download nach dem »Pay what you want«-Prinzip auf ihrer Webseite. Die Qualität der Songs spaltet die Gemüter.
Geschrieben am

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Die MP3-Veröffentlichung des neuen Radiohead-Albums nach dem «Pay what you want›-Prinzip auf der Bandwebsite ist keine Revolution, sondern eine Maßnahme. Deutliches Signal an die Musikindustrie: Vorsicht, für uns ginge es mitunter auch ohne dich. Nun, Radiohead können sich das leisten. Einen ganz schönen Wirbel haben sie da im Netz verursacht. Aber nur Wirbel allein wäre Schaumschlägerei, zum Glück findet man, wenn sich der Staub gelegt hat, auch eine tolle Platte: »In Rainbows« kann die Fans erfreuen und präsentiert eine Megaband, die mit »OK Computer« und »Kid A« schon vieles gegeben hat – aber noch lange nicht am Ende der Fahnenstange angekommen ist.

Fast komplett sind die Songs nicht weniger als groß: »15 Step«, der Opener, hackt sich mit gecrushten Maschinenbeats und ausgelassenen Synkopen direkt in Radioheads Best-of-Annalen, »Bodysnatchers« schickt wüst rumorende Gitarren hinterher und gibt den Weg frei für »Nude«, eine dieser verflixt ergreifenden Balladen mit Thom-Yorke-Falsett. Ein gelungener Auftakt, und ähnlich niveauvoll geht »In Rainbows« weiter. 

Die meisten Songs gehören dabei seit Jahren zu Radioheads Bühnenprogramm und haben in den Studioarrangements dazugewonnen: Phil Selways Schlagzeug hält die Gefühlswallungen gut in Schach, um sie an den richtigen Stellen anzufeuern. Mit  »Jigsaw Falling Into Place« (wird die erste Singleauskopplung im UK) und »Videotape« finden sich am Ende des Albums zwei weitere Highlights für den iPod. Nostalgiker, die auf die angebotenen 160 kbit pfeifen und ein amtliches Cover zur Musik wollen, können eine Box mit vielen Bonustracks kaufen oder gleich nach Weihnachten den regulären Tonträger. 

Radiohead machen es allen recht, sogar den Piraten. Und die Kasse klingelt trotzdem. Eine ungewöhnliche Allianz, die wohl nur bei so einer ungewöhnlichen Band aufgehen kann.
Hendrik Kröz

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Radiohead sind die Pink Floyd des Indierock. Aktuell in Funk und Fernsehen: ihr Album »In Rainbows«. Ich habe mich durchgehört. Stück für Stück bin ich durch den Regenbogen gelaufen. Der Album-Opener »15 Step« ist ein TwoStep mit Canterbury-Feeling und Soulbass. Hier und da tauchen Kitachöre auf. Yorke singt: »This is soft as your pillow.« Dieses Kissen war aber schon mal in der chemischen Reinigung – das Kissen eines Himmelbetts ist es jedenfalls nicht. 

Vieles auf »In Rainbows« klingt nach Regenwetter, Bristol-Downbeat und Rosmarin-Badezusätzen. »Nude« zum Beispiel. Oder »All I Need«. Immer wieder taucht ein Klavier auf. Die Hochkultur klopft an die Tür: minimale Kammermusik. Oder Indie-Jazzrock-Müßiggang wie in »Weird Fishes«. Könnte ich mir gut einen Tortoise-Remix vorstellen. Ein merkwürdiger Songtitel: »Faust Arp«. Was soll das sein, eine Faust-Arp? Es erklingen Streicher und Folkgitarre. Klingt ein bisschen nach Robert Wyatt. Der kann so was natürlich. Oder »Reckoner«: tausend Mal gehörtes Indiegitarrenpicking und Möchtegern-Improv-Schlagzeug-Sound. Dann typischer Yorke-Gesang. Dann wieder Klavier. Man sieht die »Magnolia«-Frösche förmlich auf den Bürgersteig vom Himmel fallen. In »Jigsaw Fallin Into Space« dann doch ein Überraschungs-Ei: Siebziger-Boogierock-Beat. Yorke klingt fast wie ein Countrysänger. Aber viel zu U2'esk. 

Nur eine Frage der Zeit, bis Radiohead am Petersdom spielen. Die Bibel als freier Download für alle. Und Gold. Zum Schluss ein »Videotape«. Ich muss an Frank Duval denken. Er war der große deutsche TV-Komponist der 80er-Jahre. Irgendwie haben Radiohead dieses Duval-Feeling: Kleine Satie-Miniaturen in softem Rock, und irgendwo ist gerade ein Mord passiert. Die Kultur aber lebt. Mit oder ohne Radiohead.
Maurice Summen