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Mumford & Sons und Co.: Die neue Lust am alten Sound

Wir sind das Folk!

Zum 25. Geburtstag heben wir alte Schätze aus dem Archiv. 2010 fragten wir »Ist Folkrock der neue Grunge der 10er-Jahre? Woher kommt die neue Freude an der Nostalgie?« nachdem Mumford&Sons, Angus&Julia Stone und die Fleet Foxes große Erfolge feierten. 
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Sie sind die größte Überraschung unter den neuen Folkpopbands des letzten Jahres: Mumford & Sons. Weltweit erreichte ihr Debütalbum »Sigh No More« Charts-Notierungen, die Größe ihrer Konzerthallen stieg sprunghaft an und reichte dennoch nur selten aus für die Massen, die dann auch alle Texte mitsingen konnten. Über 750.000 Alben haben Frontmann Marcus Mumford und seine drei als Söhne titulierten Mitmusiker bereits verkauft, mindestens 50.000 davon in Deutschland. Nicht schlecht für eine Band, die für ihr Album mit Gentlemen Of The Road zunächst ein eigenes Label gründen musste, um es überhaupt herauszubringen.

Man kann sagen, wir haben es gewusst: »Sigh No More« »besitzt genügend Potenzial, innerhalb von kurzer Zeit den Erfolg der 
Fleet Foxes sogar noch zu übertreffe«, stand zum Ausgang der Albumkritik in Intro #177 zu lesen. Nun, erfolgreicher als die Fleet Foxes sind Mumford & Sons zumindest hierzulande längst.«

Gründe für den regen Zuspruch in der Stimmung ihrer Musik zu suchen ist nicht schwer: Der Folkrock der Londoner ist von einer hymnischen Feierlichkeit, warm klingende Arrangements sind in wunderbar harmonische Songs gegossen, es gibt zwar sanfte Melancholie, aber keine Brüche. Trotzdem war musikalische Güte dieserart in der Vergangenheit noch lange kein Garant für Erfolg, geschweige denn Erfolg dieses Ausmaßes. Ben Lovett, der bei Mumford & Sons Keyboard und Akkordeon spielt, kann auch nichts zur Erklärung beitragen: »Es ist besser, sie nicht zu kennen«, sagt er lachend. »Wir werden auch nicht damit anfangen, unseren kleinen Erfolg zu analysieren.«

Wie in solchen Fällen nicht selten reagierte die Presse zunächst zwar wohlwollend, aber keineswegs euphorisch auf »Sigh No More«: »Das Album ist ein beeindruckendes Debüt. Es beeindruckt aber mehr durch Aussichten für die Zukunft als durch seine halbgare Gegenwart«, bilanzierte etwa der All Music Guide. Pitchfork verriss die Platte mit einer Wertung von 2.1 gleich ganz und unterstellte der Band mehr oder weniger explizit, verkleidete Faker zu sein. Solcherlei Lamento beeindruckte allerdings keinen Fan, der seit dem Release im Oktober letzten Jahres das Album für sich entdeckt hat. Man muss nicht lange suchen, um in Blogs und Foren leidenschaftliche Kommentare à la »Die Schönheit dieses Albums überwältigt. Genau das, was ich auf meinem dunklen Weg zurück brauche« zu finden, wie die Emphase der Fans überhaupt bei Bands dieses Spektrums deutlich überwältigender ist als normal.
Mumford & Sons befeuern mit ihrer Musik die sinnlichen Adern ihrer Fans so, wie es in den letzten Jahren nur Bands aus dem Spannungsfeld des Emo schafften. Thomas Sarkadi, Produktmanager bei der deutschen Plattenfirma Cooperative Music, hat eine passende Erklärung: »In allererster Linie merken die Leute, dass die Musik von Mumford & Sons mit sehr viel Liebe und Leidenschaft gemacht ist. Die Musiker beherrschen ihre Instrumente perfekt und spielen mit viel Freude energiegeladenen Folkrock – die Leute schätzen ihre erfrischende Unbekümmertheit. Das in Kombination mit den lyrischen Texten und spannenden musikalischen Wendungen scheint den Zuspruch von Mumford & Sons in den Köpfen der Leute auszumachen.«

Mit dem Folkrock der späten 1960er haben Mumford & Sons gleichzeitig viel und gar nichts zu tun: Rein klanglich preisen sie zwar den Sound, den etwa Crosby, Stills, Nash & Young prägten, die Protestkultur der alten Riege geht ihnen aber völlig ab. Textlich halten sie sich ganz und gar an Innerlichkeit, und zwar in einer Andächtigkeit, die religiöse Züge trägt. Trotzdem sei »Sigh No More« kein religiöses Album, beteuert die Band. Sie lebt in dem Selbstbewusstsein, eben nicht die scharfe, explizite Musik zu spielen, die als Spitze der Dialektik von Pop gefeiert wird. Mumford & Sons orientieren sich ausschließlich am puren Klang klassischer Harmonien, sie wissen um den Traditionalismus dieser Haltung und können damit gut leben. Womöglich auch, weil sie beim Zitat des Sounds der späten 60er- und frühen 70er-Jahre jeglichen Ballast abschütteln.

Folk – Neues Interesse am alten Sound

Ende Mai 2010 erschien mit »Be Yourself« ein Tribute an Graham Nash, dem neben seinen Laurel-Canyon-Mitbewohnern und Bandkollegen Crosby, Stills und Young größten Songwriter des Folkrock der 70er-Jahre. Dort vereint finden sich viele Protagonisten der Indie-Szene, die sich alle irgendwie auf den guten alten Folk bzw. Folk- und Countryrock beziehen: der noch von Johnny Cash geadelte Bonnie »Prince« Billy, die aus Devendra-Banhart-Freakfolk-Kreisen entstammenden Vetiver, der spätestens durch Jack Whites Raconteurs bekannte Brendan Benson, Conor-Oberst-Labelmate Tyson Vogel von den Two Gallants oder Robin Pecknold von der Indie-Folk-Sensation Fleet Foxes. Sie sind nicht die Ersten, Nashs »Simple Man« ist schon lange Teil des Live-Sets der Szene-Lieblinge Bon Iver, andere Indie-Stars wie Wilco oder Band Of Horses greifen mit Liedern von Gram Parsons auf einen anderen Hauptprotagonisten des Folkrock der späten 60er und frühen 70er zurück. Ein Sound, den man zumindest in Europa bis vor einiger Zeit eher mit dem Plattenschrank der Eltern als mit jugendlicher Begeisterung 2010 verband.
Der Plattenschrank kann im Rückgriff auf die alten Tage noch ganze Dramen unterlegen. Newport 65 z. B., als Bob Dylan das Folk-Dogma abstreifte und den Styx hin zum Rock überschritt, während Pete Seeger im Hintergrund kochte. Damals hatte Folk noch seine Dogmen, eine Art Antithese zum Rock: »All instruments played on this album are acoustic«, stand noch 1969 auf dem Cover eines Albums der britischen Folk-Band Pentangle wie ein Glaubensbekenntnis zu lesen. Folk hatte sich per Definition der Akteure aus den 60er-Jahren auf bereits existierendes, vorgefundenes musikalisches oder literarisches Material zu beziehen, siehe die von Harry Smith 1952 kompilierte »Anthology Of American Folk Music«. Verzerrung oder einfach nur Verstärkung der Instrumente kam dem Pakt mit dem Teufel gleich. Dylan schiss drauf und bekam recht.

Die vermeintlichen Gegensätze zusammengebracht haben allerdings erst The Byrds (deren Mitglied oben erwähnter Gram Parsons mal war). Im Gegensatz zum dogmatisch minimalistischen Folk, der den Akzent ganz auf die Texte legte, geht im Folkrock ein zunehmend harmonischer, vielschichtig arrangierter Sound mit abnehmender Relevanz der Texte einher. Obwohl Folkrock noch Spuren der psychedelischen Phase zwischen 1967 und 1968 in sich trägt, markiert er eine generelle Abkehr von schriller, stilisierter, aufgedonnerter Musik. Pompösem Sgt.-Pepper-Pop begegnet er mit Gesten musikalischer Reduzierung, was eine Rückbesinnung auf die Bodenständigkeit von Folk signalisiert, ohne dabei auf elektrisch verstärkte Instrumente zu verzichten. Crosby, Stills, Nash & Young sind dafür ein fantastisches Beispiel. Im Prinzip eine Verweigerung und Erdung ähnlich wie Grunge zu Beginn der 90er. Eine Reaktion auf übermäßige Hybris und verschwenderischen Hedonismus.

Pure Nostalgie?

Dem Folkrock von heute wird die Wiederaufnahme der alten Soundästhetik bisweilen zum Vorwurf gemacht. Nostalgie, heißt es hier und da, sei die eigentliche Triebfeder. Gemeint ist damit zumeist pure Reaktion. Der Songwriter David Dondero nimmt diese im Raum stehende Kritik auseinander: »Es macht Sinn, diesen Begriff zunächst zu definieren. Nostalgie kann entweder die bittersüße Sehnsucht nach Dingen, Personen oder Situationen aus der Vergangenheit meinen oder den Zustand von Heimweh. Was mich betrifft: Ich versuche, Situationen zu reflektieren, die hinter mir liegen. Das ist definitiv bittersüß, aber ich habe dabei keine Sehnsucht nach Personen aus der Vergangenheit. Ich durchlebe diese alten Situationen und Gefühle durch meine Songs neu. Und das Heimweh – das betrifft mich definitiv nicht. Ich liebe es, unterwegs zu sein. Ich werde unruhig, wenn ich zu lange an einem Ort bin.«
Auch die australischen Hippie-Durchstarter Angus & Julia Stone haben ein unverkrampftes Verhältnis zur Nostalgie: »Sicher könnte unsere Musik nostalgisch sein. Ich vermute, dass jede Musik nostalgisch ist. Wenn ich Jimi Hendrix höre, trägt mich das zurück vor die Zimmertür meiner Schwester, durch die sein Album klingt. Wenn ich Janis Ian höre, erinnert mich das an meine Mutter, die das Wohnzimmer in unserem Haus in Newport saugt. Wenn ich ›Willing‹ von Little Feet höre, erinnert mich das an das Gesicht meines Vaters, wie er das Lied auf seiner alten Nylon-Gitarre spielt. Manchmal erzählen uns Leute auf unseren Shows, dass unsere Musik ihr Soundtrack für eine Reise gewesen sei, für eine Trennung oder eine neue Liebe. Die meisten Erinnerungen sind mit Songs verknüpft, und so haben in gewisser Hinsicht alle Songs ihre eigenen Erinnerungen.«

Die beiden sind ein fast noch krasseres Beispiel für den Sprung aus dem Nichts in ausverkaufte Hallen. Der Folk ihres aktuellen Albums »
Down The Way« besitzt eine seltsam mäandernde Note, die sogar Assoziationen in Richtung der Soul-Ikone Sade aufmacht. Ihre eigene Analyse des abrupten Erfolges fällt dementsprechend wonnig aus: »Ich habe das Gefühl entwickelt, dass die Leute, die zu unseren Konzerten kommen, schlicht gern zusammen sind und ihre Geschichten durch unsere Musik teilen.« Die Geschwister können sich diese Entspanntheit leisten – ihre ausverkaufte Deutschland-Tour im Frühjahr gehörte zu den großen Überraschungen des Jahres.

Fleet Foxes – Die Rückkehr der Flanellhemden

Solche Erfolge kommen nicht aus dem luftleeren Raum. Die Verhältnisse für Folk und Folkrock haben sich die letzten drei Jahre stetig hochgejazzt. Eine große Rolle spielt dabei eine fünfköpfige Formation aus Seattle, also jener mythenbeladenen Stadt im Nordwesten der USA, aus der schon Ende der 80er Grunge zum weltweiten Siegeszug angesetzt hat. Mit dem erdigen, sich im Garagen- und Hardrock wälzenden Sound jener Tage haben die Fleet Foxes zwar musikalisch nichts gemein, dennoch veröffentlichen sie über das Grunge-Nukleus-Label Sub Pop und teilen auch das optische Erscheinungsbild dieser Tage: Man trägt gerne Bart und Flanellhemd, Ersteres lang und wild, Zweiteres raushängend. Eine weitere Gemeinsamkeit mit der Ära Mudhoney/Soundgarden/Nirvana: Auch diesmal mussten es die Briten richten. Zwar hielt sich das Album satte 42 Wochen in den US-Billboard-Charts, über Platz 36 kam es jedoch nicht hinaus. Ganz anders im UK, wo man mit 62 Wochen nicht nur mehr als ein Jahr lang den Buzz zu reiten vermochte, sondern es gar mit Platz 3 aufs Treppchen schaffte. Damit einher gingen euphorische Kritiken: The Guardian sprach von einem »Klassiker«, der Mojo von einem »abenteuerlichen, aufrüttelnden Werk«, das sich für den Titel »Album des Jahres« ins Spiel bringt.

Begeistert zeigte sich zwar auch die deutsche Presse – so sprach Spiegel Online von einer »unbestimmten Sehnsucht«, die »Offenbarung« schreit; die Zeit sah in ihnen gar leicht kryptisch die »Beach Boys als Zisterzienserorden wiedergeboren«; etwas konkreter gingen wir es an und verwiesen nicht nur auf die »aufkommende Hippie- und Antivietnamkriegs-Bewegung« als Referenzkontext sowie Simon & Garfunkel und Crosby, Stills, Nash & Young als Einflüsse für den »naturalistischen und klassischen« Sound der Band, sondern bilanzierten völlig begeistert: »atemberaubend schöne Songs« –, auf die deutschen Charts hatte das jedoch mal wieder wenig Auswirkungen. Oder andersherum gesagt: Vier Wochen Präsenz und die Höchstplatzierung 51 lassen noch Spielraum für das für den Herbst angekündigte neue Album.

Die Band dürfte die deutsche Zurückhaltung kaum gestört haben, war ihr der Über-Nacht-Erfolg mit Achterbahnfahrt-Ausmaßen doch sowieso merklich unheimlich. Man erinnere sich nur an die Ansage, die Sänger und Gitarrist Robin Pecknold gegen Ende ihrer ersten UK-Tournee im Rahmen eines Supportauftritts für Elbow in der London Festival Hall machte: »Hi, wir sind U2. Wir sind jetzt drei Wochen im UK. Angefangen haben wir mit einem Publikum von 100, dann 300, 600 Leuten, und jetzt sind wir hier. Wow, das ist wie eine komplette Karriere.« Und als ob er geahnt hätte, dass die Reise noch lange nicht zu Ende ist, legte Keyboarder Casey Westcott nach: »Nächstes Mal findet ihr uns in der O2-Arena.«

Natürlich strikt humorvoll gemeint, denn zu den großen arroganten Gesten taugen auch die Fleet Foxes nicht. Pecknolds Role-Model war und ist Elliott Smith, allerdings ohne dessen destruktiven selbstzerstörerischen Lebensstil aufzugreifen. Statt Heroin führt sich Pecknold lieber veganes Essen zu. Das hat sich in der Vergangenheit nicht nur als effizientes Mittel gegen den massiven Babyspeck seiner Teenagertage erwiesen – zumal er bis in das Jahr 2008 hinein auch noch sein Geld als Koch in Restaurants verdienen musste –, sondern auch als gesundes Grundsetting für das viele Touren, das seit der Aufgabe von Nebenjobs das Leben der Bandmitglieder prägt.

Passend zur Unsicherheit des prekären Künstler-Backgrounds geht es der Band mit ihren Songs darum, alte Familienwerte hochzuhalten, den Fans und sich selbst einen gemeinsamen Ort zu erschaffen. Gerne wirft Pecknold, wenn er von seinen gesellschaftlichen Hoffnungen auf Erneuerung spricht, auch Bob Dylan ein, den Dylan der 60er-Jahre, der gegen Krieg und Ausgrenzung ansang; zugleich weiß er aber auch, dass die Zeiten sich geändert haben, dass die Kluft, die es zu bewältigen gilt, heute sehr viel größer ist. Der australischen Tagezeitung The Age gab er Ende 2008 folgende ernüchternde Einschätzung zu Protokoll: »Um in Amerika einen Wandel zum Besseren auszulösen, müsste das Land schon eine Kolonie von Norwegen werden.«

Aktuell steht »
Fleet Foxes« übrigens kurz vor der gigantischen Marke von einer Million verkaufter Alben. Von Druck für das für den Herbst angekündigte Nachfolgealbum will aber niemand sprechen, dazu weiß diese ach so bodenständige Band zu sehr das Leben ohne Mac-Jobs zu schätzen und sieht ihren Status quo als große Chance, ihre Utopien zumindest ein Stück weit umzusetzen.
 

Go Wild – Guerilla-Grunge

Das britische Uncut Magazine machte in seiner Besprechung des Fleet-Foxes-Albums darauf aufmerksam, dass die Band mit Bon Iver die Heraufbeschwörung der amerikanischen Wildnis teile. »Fleet Foxes« wie auch »For Emma, Forever Ago« stellen sich einem modernen gesellschaftlichen Fortschrittsglauben entgegen und propagieren als krasses Anti die Umkehr zu einer neuen alten Natürlichkeit.

Sind Mumford & Sons – trotz der Namenszuschreibung auf das eine Bandmitglied – und Feet Floxes explizit Bands, so performen Bon Iver zwar als Quartett, wahrgenommen wird aber vor allem der im Mittelpunkt stehende Singer/Songwriter Justin Vernon, nicht zuletzt, da er das Debütalbum in einer abgeschiedenen Jagdhütte im US-Bundesstaat Wisconsin allein eingespielt hat. Dementsprechend reduziert klingt es auch, nicht die Arrangements der Songs stehen im Zentrum, sondern der von Vernons heller Stimme ausgelöste Gefühlskosmos. Der All Music Guide sprach in seiner Besprechung des Debüts davon, dass es in der Lage sei, den Klang der Isolation einzufangen, eine Isolation, die durch Vernon allerdings – zumindest, wenn es nach Mojo geht – so prächtig wie nur möglich wird. Ein Punkt, an den Spiegel Online gerne andockte: »Man hört ja von einer gewissen Euphorie, die in Abgeschiedenheit lebende Menschen befallen kann. Vielleicht hat der Gute auch ein paar halluzinogene Baumrinden zu viel gegessen.« Psychedelische Anklänge hat sein Sound durch die Dopplungen seiner Stimme auf Platte jedenfalls.

Bei seinem Projekt Volcano Choir bringt er diesen Ansatz sogar ins Extrem. Hier schließt sich womöglich der Kreis zur psychedelischen Phase der Byrds, auch wenn man nirgendwo deutlicher hören kann, wie sich der Sound der 60er von dem des 21. Jahrhunderts, wie sich Folkrock vor und der nach Punk voneinander unterscheiden.

Mag das Marihuana von heute auch um ein Vielfaches potenter sein, Musiker haben zwischenzeitlich gelernt, sich unter dessen Einfluss im Aufnahmeprozess nicht dem Klischee hin- und der Lächerlichkeit preiszugeben. Nicht zuletzt dafür hatte Punk den Hippies ja deutlich den Kopf gewaschen. Reflektiert oder nicht, die Folkrocker dieser Tage sind in einer Welt nach Punk aufgewachsen – und wissen darum genauso, wie sie von Grunge die Lektion gelernt haben, dass Flanellhemden schnell in die Kollektion von C&A aufgenommen werden können – ohne dass sich eine Jugendbewegung dagegen wehren könnte. Und auch wenn die Protagonisten dieses neuen alten Sounds womöglich in einer Form desillusioniert sind, dass sie einen wirklichen Wandel für blanke Utopie halten, leben sie den Idealismus im Privaten. Sie machen nicht den Fehler, ihre Ziele zu großspurig vor sich her zu tragen, sie wollen nicht einmal als Gruppe erkennbar sein. Sie sind Guerilla-Grunge. Eine undogmatische, individualisierte, von allem befreite Verweigerung gegenüber einer Welt, die jedes Maß verloren zu haben scheint.
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