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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die Lichter der Meile

Reeperbahn Festival – so war der Freitag

Von Podiumsdiskussionen über Kunst und Lesungen bis hin zu den ganz kleinen und ganz großen Konzerten – mehr Vielfalt als auf dem Reeperbahn Festival geht nicht. Und wenn man will, kann man von mittags bis spät in die Nacht auf Achse sein. Aber wer hat dafür schon genügend Kraft? Unsere reichte am Freitag für diese Events:
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15:35 Uhr, Superbude

Der Nachmittag beginnt extrem entspannt. In der lauschigen WG-Wohnzimmer-Atmosphäre der »Rockstarsuite« gehen im Rahmen der Intro-Intim-Sonderedition »Superintim« zunächst Abby, dann Muso und zum Schluss Laing auf die Bühne. Das Publikum sitzt gemütlich in Sofaecken oder schlicht auf dem Boden und vor dem Set und zwischen den Songs wird geplaudert wie auf einer offenen Probe. Eine Distanz zwischen Publikum und Band existiert nicht und manche Fragen sind völlig im Sinne der Reihe: intim. Abby reden Tacheles darüber, wie Newcomer behandelt werden, Muso über seine Art über das Texten mit dem Leben klar zu kommen und Laing über das Tourleben mit nur einem männlichen Bandmitglied. Die Stimmung ist gelöst und herzlich wie in einer Musiker-WG (oder unserer Ideal-Vorstellung von einer Musiker-WG).

 

18:30 Uhr, Imperial Theater

Auch wenn es bislang noch nicht so richtig durchkam: Das Reeperbahn Festival ist weit mehr als nur Konzerte – zum Beispiel auch Vorträge und Lesungen. Zu einer solchen hat der alteingesessene Tourneeveranstalter Berthold Seliger geladen, um aus seiner neuen Lehr-/Streitschrift »Das Geschäft mit der Musik«. Seine Ausführungen zu Monopolstrukturen in nahezu jedem Zweig der Musikindustrie sind beängstigend, beeindruckend und sicher nicht nur für in der Branche Beschäftigte interessant – gerade, wenn man so pointiert und anschaulich erklären kann wie der widerborstige Berliner.

 

19:15 Uhr Salon Schmidt (Schmidt Theater)

Die eine oder andere Auszeichnung gibt es auf dem Reeperbahn Festival immer zu gewinnen. Dieses Jahr ist eine neue dazu gekommen: Der Rocco-Clein-Preis, benannt nach dem leider viel zu früh verstorbenen Moderatoren und Autor, versteht sich als Anschub- und Motivationshilfe für junge Musikjournalisten in einem immer schwieriger werdenden Umfeld. Die Verleihung ist dieses Mal kurz und knackig, Thees Uhlmann und Spex-Chefredakteur Torsten Groß tragen vor, und es gewinnen drei junge AutorInnen aus dem Umfeld von Visions, Rolling Stone und Spex. Die Geste zählt.

 

20:20 Uhr, Knust

Voll ist’s im Knust. Warum das so ist, verstehen wir nach den ersten paar Songs. Nicht nur sind diese Motorama, die uns bisher nicht wirklich ein Begriff waren und nun da oben auf der Bühne ihrem eigenartig fröhlichen Post-Punk spielen, überraschend gut. Lässt man den Blick schweifen, sieht man immer wieder ganz leise mitsingende Menschen, so introvertiert wie die Band selbst – die Exilrussen Hamburgs füllen an diesem Abend den Laden, aber mit diesem Gig überzeugen Motorama auch ein internationales Publikum.

 

 

20:22 Uhr, Indra

Es ist noch nicht zu spät – 2013 könnt noch das Jahr der Münsteraner Post-Punk-Band Messer werden. Schließlich verfügen sie neben einem so offenen wie schneidenden Sound auch über einen großartigen Frontmann der die ganze Theatralik dieser Welt völlig unpeinlich in seinen Gesichtsausdruck verzerrt. Die paar Songs, die es vom kommenden Album »Die Unsichtbaren« an diesem Abend zu Hören gibt, versprechen sehr viel – ohne jede Übertreibung! Mit seinem ausdrucksstarken Retro-Gewand könnte es einer der späten Höhepunkte des Jahres werden.

 

21:33 Uhr, Grünspan

Der Name ist Programm. Hier gibt es wirklich nichts zum feiern. Eher zum weinen. Es ist einfach nur ein langweiliger Auftritt von No Ceremony ///. Schaut man sich im halbvollen Grünspan um, sieht man gähnende Leute, gelangweilte Gesichter überall. Dazu Wodka aus Plastikbechern. Auf Platte funktioniert ihr eigenwilliger Synthie-Mix vielleicht, aber live? Schnell raus hier.

 

21:38 Uhr, St. Pauli Kirche

Hastigen Schrittes bahnen wir uns den Weg durch dunkle Ecken am Rande der Landungsbrücken und stolpern noch gerade rechtzeitig in die St. Pauli Kirche, Gottes letztem Refugium an diesem sündigen Ort. Da nimmt die absolut hinreißende Cellistin Julia Kent auch schon Platz vorm Altar und beginnt ihr Werk. Vielhändig und -füßig – ihr großer Zeh bedient laufend irgendwelche Tasten und Pedale – lässt sie ihre so düsteren wie vielschichtigen Kompositionen entstehen. Wunderschön ist das und ohne den kleinsten Fehlgriff, was für eine Performance!

 

22:05 Uhr, Fliegende Bauten

Fernab der Bumsmeile Reeperbahn und seiner Fressstände liegen die Fliegende Bauten. Dass man diese für Reeperbahn-Festival-Verhätnisse weite Strecke auf sich nimmt, liegt einzig und allein an der wundervollen Anna von Hausswolff. Ihrem Mix aus Drone-Bässen und Kirchenorgel kann man sich schwerlich entziehen. Immer tiefer wird man in den Sog der kleinen Schwedin hineingezogen. Dann ist alles vorbei. Man blinzelt verwirrt, schaut sich das schale Bier an und fragt sich, wo die letzte Stunde geblieben ist. Und jetzt ab zum Kiosk.

 

22:48 Uhr, Gruenspan

Weiter geht’s zum nächsten Highlight des Abends. Im sich sukzessive leerenden Gruenspan treffen wir auf einen ernsthaften, wirklich niemals lächelnden Willis Earl Beal, der die Lo-Fi-Attitüde über Bord geworfen und stattdessen nun eine potente Band hinter sich hat, die anstandslos zwischen Blues und Shoegaze changiert. Ein bisschen verängstigt sind wir ja schon, wenn Beal auf einmal aus einer behaglichen Soulballade heraus mit seinen an Tom Waits erinnernden Stimmeskalationen den Raum zum Beben bringt, aber eben auch genau so tief beeindruckt wie die am Ende verbliebene Publikumstraube.

 

23:25 Uhr, Indra

Den Willis Earl Beal-Auftritt hat ein Teil der Reisegruppe in der endlosen Schlange vor Milky Chance und vor der Bühne Anna von Hausswolffs verpasst – dann wenigstens nebenan zu The Low Frequency In Stereo. Die norwegischen (Post-)Rocker sind schon mittendrin und haben das Publikum bereits in ihren psychedelischen Bann gezogen – ohne dabei zu willenlos ins Wabern zu geraten. Die Fantasie sprießt, doch plötzlich wird man beinahe unwirsch aus dem Sog herausgeworfen. Die Band verabschiedet sich knapp, aber dankbar, und geht von der Bühne. Ist es denn wirklich schon vorbei? Tatsächlich! Verging viel zu schnell.

 

00:34 Uhr, Große Freiheit 36

In der großen Freiheit hält an diesem Abend der Plattenmulti Warner Hof. Zum Abschluss offeriert er den Fans einen Dance-Leckerbissen: Left Boy hat seinen DJ weit knapp unter der Hallendecke aufgebaut und turnt mit Rap-Unterstützung über die Bühne. Auch im alten Rock-Club Große Freiheit 36 funktioniert sein konzentrierter Electro-Rap, so wie schon auf unterschiedlichsten Festivals den ganzen Sommer über. Das hier ist die Party, die manchen Besuchern noch zu ihrem absoluten Glück gefehlt hat. Die Nacht startet jetzt.