×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Herz über Kopf

Recloose

Manchmal erlebt man ja aus heiterem Himmel ziemlich seltsame Zufälle. Als ich vor ein paar Wochen "Cardiology", das Debüt-Album von Recloose, in die Hände bekam, musste ich erst mal das Lexikon aus dem Regal holen: "Die Lehre vom Herzen und seinen Krankheiten." Aha. Hätte ich mir sparen können - zwe
Geschrieben am

Manchmal erlebt man ja aus heiterem Himmel ziemlich seltsame Zufälle. Als ich vor ein paar Wochen "Cardiology", das Debüt-Album von Recloose, in die Hände bekam, musste ich erst mal das Lexikon aus dem Regal holen: "Die Lehre vom Herzen und seinen Krankheiten." Aha. Hätte ich mir sparen können - zwei Tage später nämlich drückte mir mein Arzt nach einem Routine-EKG eine Überweisung zum Kardiologen in die Hand, weil er meinte, aus dem Zick-Zack auf dem Papier Rhythmusstörungen zu erkennen. "Das müssen wir uns mal näher ansehen", kommentierte er mit andächtigem Tonfall. Unnötig zu erwähnen, dass ich das Recloose-Album plötzlich mit ganz anderen Ohren hörte.

Laut dem englischen Wörterbuch (was wäre das Leben ohne Nachschlagewerke) ist ein "recluse" ein Mensch, der allein lebt und seine Mitmenschen meidet. Ein Einsiedler, ein Eigenbrötler. Matthew Chicoine wirkt eher wie das komplette Gegenteil dieser Beschreibung: Als ich ihn zum Interview treffe, kommt er lächelnd auf mich zu, greift meine Hand, "Hi, I'm Matt!"
Mitte zwanzig, Jeans, Turnschuhe, Kapuzen-Sweater, ein modisch transparentes Brillengestell auf der Nase, die langen Haare hinten zusammengeknotet: Müsste ich ihm ein Label anhängen, auf ihm stünde "Surfer", und nicht "Sozialgeschädigter". Dennoch: "Ich verbringe gerne Zeit allein und fühle mich in Menschenmengen meistens unwohl", beantwortet er meine Frage nach seinem Namen. "Es war nie so schlimm, dass ich irgendwie verhaltensgestört gewesen wäre, aber schon ziemlich ausgeprägt. Seit ich meine Freundin habe, ist es besser."
Seine Musik könnte man - passend zum Namen - als "eigenbrötlerisch" bezeichnen. Ausgangspunkt ist HipHop. Der ist Matt allerdings zu langsam geworden - die guten Zeiten waren Anfang der 90er, als Leute wie Main Source, Organized Konfusion und A Tribe Called Quest noch uptempo Party-Tracks machten. Also schraubt er die BPMs wieder hoch, bis er beim House-Tempo ankommt. Dazu kommen Samples, die kaum noch zu erkennen sind: "Sie dürfen nicht offensichtlich sein, sie dürfen die Musik nicht dominieren. Man kann sie ja verändern, zerschneiden, herumdrehen, transponieren und verfremden." Nach dieser Behandlung klingen Geigen wie Saxophone und Gesangs-Parts wie gestopfte Trompeten. Die reiche Musik-Geschichte Detroits, der Stadt, in deren Einzugsgebiet er den Großteil seines Lebens verbracht hat, findet sich auch wieder: Motown, Planet E, UR, 430 West. Und Jazz. Zu ihm hat Matt, der als Teenager Saxophon gespielt hat, ein ganz besonderes Verhältnis. "In der High School wollte ich immer in die Jazzband. Leider musste man, wenn man da rein wollte, auch in der Marschkapelle mitspielen. Mit der Uniform sah ich aus wie ein 'fuckin' idiot'."

In bed with Madonna
Bevor er anfing, seinen einzigartigen Sound zu entwickeln, der - trotz seiner Fülle an Einflüssen - erstaunlicherweise kein Stück konstruiert klingt, besuchte Matt die University of Michigan in Ann Arbor. An eben dieser hat 1976 eine gewisse Madonna Louise Ciccone Tanz studiert, noch bevor ihr die Welt zu Füßen lag. "Sie hat im selben Dorm gewohnt wie ich. Es gibt da zwar keinen Schrein für sie, aber man redet heute noch darüber. Vielleicht hatte ich ja sogar dasselbe Bett wie sie? [lacht]" Nach dem College zog er nach Detroit und begann, die Kombination Akai, Mac und Cubase zu testen. Das war 1996. Schon zwei Jahre später hatte er einen Vertrag, direkt bei seinem Traumlabel: Carl Craigs Planet E. "Ich habe in einem Deli gejobbt. Carl kam da ziemlich oft rein. Ich wollte ihn eigentlich ansprechen, aber ich war immer zu nervös, mein Herz pochte wie wild. Also habe ich irgendwann ein Tape zwischen ein paar Scheiben Brot gesteckt, als Sandwich eingepackt und in seine Tüte gesteckt." Unglaublich, aber wahr. Seitdem hat Matt drei 12-Inches und einige Remixe (u. a. für Herbert, Les Gammas, Dan Curtin) veröffentlicht und ist in Leftfield-House- und Offbeat-Kreisen zum heißesten Tipp seit langem avanciert. Und nun das Album. Matt erklärt mir, dass "Cardiology" für die Wirkung steht, die er mit seiner Musik erreichen will. "Kennst du dieses Gefühl, wenn du in der Küche stehst, und im Radio ein Song kommt, der so schön ist, dass du nichts mehr machen kannst, nur noch fühlen?" Herz über Kopf. Ein romantisches Bild. Da passt es, dass die Beats auf dem Album klingen wie Herzpochen, sich die Filter öffnen und schließen wie Herzklappen, und die Harmonien einem sprichwörtlich das Herz aufgehen lassen. Und deswegen haben die Vokalisten Dwele, Genevieve und Justin Chapman definitiv jede Menge Soul.

The end of the world
Kapiti Beach muss das verlorene Paradies sein, am Ende der Welt, in Neuseeland. Dorthin ist Matt im vergangenen Oktober gezogen, aus - Überraschung! - Gründen des Herzens: Seine Freundin kommt von dort. Direkt am Strand leben die beiden nun, die Sonne scheint, und das Leben ist günstiger als in Detroit. Und George Bush ist weit weg. "Das war natürlich auch Teil der Überlegung. Nicht dass ich ein Hellseher bin, aber in meinem Herzen wusste ich schon vor dem 11. September, dass es in den USA nicht besser wird. Die meisten meiner Freunde fragen sich auch "Warum leben wir noch hier?" Wenn der "gefährlichste Haufen aller Zeiten", wie Matt den Texaner und seine Regierung nennt, tatsächlich bald für das Ende der Welt sorgen sollte, dann erlebt Matt es lieber in Ruhe, mit einer schönen Aussicht, zum Beispiel auf die Surfer, die sich vor seinem Haus im Meer tummeln. Ob er selbst denn auch surft, will ich zum Schluss noch wissen. Er sähe ja zumindest so aus. "Nee, ich kann noch nicht mal schwimmen."

Nachtrag:
Mein Besuch beim Kardiologen ergab, dass mit meinem Herz alles in Ordnung ist. Bei der Ultraschalluntersuchung ärgerte ich mich allerdings ziemlich, kein Aufnahmegerät dabeigehabt zu haben - mein Herzschlag wurde nämlich in Geräusche umgewandelt; das klang richtig toll. Schöne Beats hätte man daraus machen können. Samplen, zerschneiden, verfremden. Das Tape hätte ich in ein Sandwich gesteckt und nach Neuseeland geschickt.