×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Recap: Köln unter Strom, Intro mit dabei

So war die c/o pop 2011

Das Urban Festival c/o pop hielt mal zum achten Mal ganz Köln unter Strom. Mit dabei: Owen Pallett, Brandt Brauer Frick, Wu Lyf und Apparat Band.
Geschrieben am

Fünf Tage Festival mit viel Indie und Elektro, ein begleitendes Kongress-Programm, ein Treffen internationaler Festivalveranstalter und ein Fußball-Turnier, bei dem die Intro-Mannschaft leider viel zu früh ausschied – das alles hielt uns hier seit vergangenem Mittwoch vom Schlafen ab.

Die musikalischen Highlights in der Zusammenfassung:

MITTWOCH, 22.06.2011

Wolfram – Der Wiener, der in diesem Jahr sein selbstbetiteltes Debüt vorgelegt hat, ein atemlos machender Ritt durch Italodisco und Schmonz-House, durfte das Festival beim Electronic Beats Soiree inoffiziell mit einem DJ-Set eröffnen. Mission gelungen.

Janelle Monáe – Der Amerikanerin kam die Ehre der offiziellen Eröffnung der c/o pop zu. Der Tanzbrunnen war für die Neo-Funk-Soul-Künstlerin vielleicht, was den Andrang anging, eine Spur zu groß, nicht aber was ihre Souveränität im Umgang mit Bühne und Publikum betraf. Man merkte, dass sie in ihrem Heimatland schon längst vor viel größeren Zuschauermengen auftritt. Während ihr Album in seiner Modernität manchmal eine Spur zu kalt klingt, gelang ihr in der Liveumsetzung auf der Open-Air-Bühne die Erdung. Im Club wäre die Wirkung allerdings deutlich stärker gewesen.
Andreas Dorau – »Todesmelodien« heißt das neue, topaktuelle Album des einzig legitimen Überlebenden der Neuen Deutschen Welle. Man mag es immer etwas ungerecht finden, wenn jemand vom Standing eines Andreas Dorau in einem so kleinen Laden wie dem Studio 672 auftreten muss, man kann es aber auch einfach abfeiern, denn gerade in dieser Intimität erblüht diese gewisse distanzierte Nähe, die der Hamburger so konsequent kultiviert, erst richtig. Und so folgte ihm eine treue Fangemeinde durch Wortspiele und Slogangesänge.

Cómeme Clubnacht – Das südamerikanische Label mit (bedingt durch Co-Betreiber Matias Aguayo) Standleitung nach Köln gehört zu den festen Größen der c/o pop. Nachdem man die letzten Jahre das Roxy, Kölns sagenumwobenen Absturzschuppen auf dem Ring, immer konsequent in Grund und Boden geschwitzt hat, wurde das Label in diesem Jahr in den Stadtgarten upgegraded. Der Vorteil: deutlich mehr Besucher konnten teilhaben an den Sounds des derzeit vielleicht besten Dancelabels der Welt. Der Nachteil: die Atmosphäre war nicht ganz so kochend wie zuvor. An den Anstrengungen des Labelkollektivs lag es freilich nicht. Die hatten sogar einen Boxring im Stadtgarten aufgebaut, aus dem heraus sie in ständig wechselnden Konstellationen für Beats und Reime sorgten.

DONNERSTAG, 23.06.2011

Brandt Brauer Frick Ensemble – Das Trio mit seiner Elektro-Jazz-Mischung spielte das zweite Jahr in Folge auf der c/o pop. Zwischenzeitlich auch im Ausland bemerkt und zunehmend höher gehandelt, wurden die Kölner bei ihrem erneuten Heimspiel allerdings mit einem kleinen Orchester bedacht und in den WDR-Sendesaal geschickt, der sich im Zuge dessen quasi wie von selbst ausverkaufte. Entlassen wurde das Ensemble am Ende des Abends mit Standing Ovations. Alles richtig gemacht.

Mexican Institute Of Sound – Die Funkhaus Europa Summerstage, die auch in diesem Jahr extrem gut besucht war, ging erstmals im Gloria in die Verlängerung. Ganz zum Abschluss durfte der Mexikaner Camilo Lara, besser bekannt als Mexican Institute Of Sound, ran. Lara, der zuletzt beim Primavera auch mit Money Mark gemeinsam aufgetreten ist, denkt traditionelle mexikanische Musik und aktuelle Elektronik zusammen – und bringt vor allem noch jeden zum tanzen.

Owen Pallett – Der ehemals als Final Fantasy aufspielende Kanadier legte im Anschluss an seinen vielumjubelten Philharmonie-Auftritt mit Apparat Band (siehe Intro-Livebericht) noch ein DJ-Set in Kölns bester Bar, dem King Georg, nach. Von Depeche Mode bis zu »Sledgehammer« war alles dabei. In anderen Worte: Er darf gerne zum nächsten Karneval wieder vorbeischauen.

FREITAG, 24.06.2011

Aus der Anonymität ins Rampenlicht: Wu Lyf, das entrückte Indie-Rock-Kollektiv aus Manchester spielte im Rahmen der c/o Pop seinen zweiten Auftritt in Deutschland. Noch vor der Show, die aufgrund der Witterung vom Dach des Museum Ludwig in einen bestuhlten Saal verlegt wurde, konnte ein letztes Rätsel um die in der Vergangenheit häufig inkognito auftretende Band gelüftet werden: Man spricht das britische Quartett »wuleif« und nicht wie gedacht »wuliff« aus. Aha. Dann aber los: Zunächst mit dem Berliner Songwriter Touchy Mob, der sich mit Gitarre und einem auf ihr klebenden Korg-Nano-Kontroller mühte, digitale Beats und analoge Folkgeschichte in Einklang zu bringen. Das gelang bisweilen gut, oft zerbröselten die nicht selten epischen Stücke allerdings unter dem Gewicht des enormen Performance-Aufwands. Dennoch: Wer Tied & Tickled Trio oder Jim O’Rourke mag, kam hier bestimmt gut weg.
Wu Lyf reichte kurz darauf ein lapidarer Kommentar, um die Veranstalter und die im Hintergrund positionierten ARD-Kamerateams in Panik zu versetzen. Nach dem ersten Stück ihres 45-minütigen Sets, bei dem sie das komplette Debütalbum spielten, ließen sie wissen, wie sehr sich das Spielen vor sitzendem Publikum nach einer Award-Show anfühle (»I want to thank my mum for standing here«). Der folgende Nachsatz, man könne übrigens auch aufstehen, wenn man wolle, brachte das Publikum in 20 Sekunden mehr oder weniger komplett vor die Bühne. Es folgte ein frenetisch gefeiertes Steh-Konzert mit einer bescheidenen, fast schüchternen, dabei aber geradezu aufwühlenden Band. Ihr Stil, irgendwas zwischen Hardcore und New Wave, wirkt in jeder Sekunde vertraut, gleichzeitig aber über die Maßen eigen, fast bilderstürmerisch: Zum gepresstem Schreigesang von Sänger Ellery Roberts mochte man eher knutschen statt sich zu prügeln, während zu seinem Orgelspiel aber eher Kirchen statt Kerzen anzünden passend erschien. Danach Arcade Fire zu hören, wäre wie ein Besuch im DDR-Museum. Schwer zu glauben, dass einem Wu Lyf nicht noch häufiger begegnen werden.




Im Stadtgarten präsentierte zeitgleich das Label Italic mit Stabil Elite den »Sound Of Young Düsseldorf«. Die junge Band, die mit ihrem Song »Gold« (und dem dazugehörigen, von Kira Bunde produzierten Videoclip) auch die offizielle c/o Pop-Hymne stellt, lässt sich am besten zwischen den "alten" und den "neuen" Von Spar verorten und beweist aber dennoch große Eigenständigkeit. Wir prophezeien: Von denen wird man noch mehr hören. Ein Album soll noch 2011 erscheinen. Direkt im Anschluss performten Kreidler - mittlerweile im 17ten Bandjahr angekommen - den gereiften Sound of Düsseldorf, der 2011 aber immer noch zeitlos relevant und enorm druckvoll klingt. Der Krautrocklastige Abend schlug dann mit den Cologne Sessions im großen Saal des Stadtgarten in technoideres um - auch wenn es nicht so aussah. Das Wiener Trio Elektro Guzzi, besetzt mit Gitarre, Bass und Schlagzeug, lieferte ein furioses analoges Technoset ohne Loops, doppelten Boden und Absetzen.

SAMSTAG, 25.06.2011

Am Samstag bewies das Introducing-Publikum eindrucksvoll, dass alle Vorurteile bzgl. Kölner Konzertbesuchern ihre Berechtigung haben: Die Gäste, die die erste Hürde des Abends gemeistert und den Kammermusiksaal des Deutschlandfunks in Köln-Zollstock ausfindig gemacht hatten, glänzten durch übertriebene Verhaltenheit und zurückhaltenden Enthusiasmus, obgleich beide Acts dieses Abends vollends überzeugten. MIT machten den Anfang und spielten vor einer simplen wie großartigen Lichtinstallation nahezu alle Songs ihres zweiten Überalbums »Nanonotes«. Felix bediente sein Schlagzeug derart dynamisch, dass man nur neidisch sein konnte angesichts solcher Kondition und Kunstfertigkeit, Sänger Edi schrie dazu rätselhaft-eindringliche Textfetzen in die Dunkelheit und Tamer frickelte fachmännisch am Moog-Synthesizer. Ansagen in Richtung Publikum gab es so gut wie keine – Konnte der Tatsache geschuldet sein, dass das Konzert live von DRadioWissen übertragen wurde und ein tighter Zeitplan eingehalten werden musste. Nach knapp einer Stunde voller liebenswerter Exzentrik und abstrakt-genialem Songwriting, übernahmen Austra aus Toronto und wurden dem vom diesjährigen SXSW generierten Hype gerecht. Drei Damen in Batik-Glitzeroptik schienen dem Esoterik-Seminar entflohen und tanzten sympathisch-unbeholfen zu einer wunderschönen Melange aus klassischer Operndarbietung und hypnotischem Darkwave. Einzig die beiden grell geschminkten männlichen Bandmitglieder wirkten gleichsam deplatziert und unmotiviert und schienen zum Gesamtkunstwerk Austra nicht mehr beitragen zu können als einen lustlosen Akkord pro Minute.

Sizarr Soundsystem – Das Scheue Reh war an jedem Abend der c/o pop einen Besuch wert, zwingend aber spätestens als die aus Landau bei Heidelberg kommende Youngsterbande Sizarr nach ihrem c/o pop-Konzert im Reh die Plattenspieler übernahmen. Jeder erwartete klassischen Indie-Dance, die Band zog es aber vor, HipHop-Klassiker am laufenden Band rauszuknallen. Wenn man den internationalen Besucher Glauben schenken durfte, machten sich selbst die hüftsteifen Deutschen ganz gut im Booty-Dance zu Jay-Z, Dr. Dre und Konsorten.


Nachsatz für den brancheninternen Gebrauch: Das legendärste und schönste an der »Kölner Popkomm« - die damit aber auch zum einzigen Mal hier fallen soll - also das Beste an eben jener Popkomm der alten Tage war ja immer der mexikanische Imbiss auf der Zülpicher Straße, bei dem sich - nachdem die Konzerte durchbesucht waren - alle einfanden: zum Pop-Diskurs, Bier verschütten und was man eben sonst noch so macht, wenn man von Musik hochgepeitscht ist. Der »Mexikaner« hört nun auf den Namen Scheues Reh. Denn eben vor dieser, stets in den c/o pop-Kontext eingebundenen, Kneipe versammelten sich an den letzten fünf Abende die zahlreichen (zugereisten) Festival-Besucher und Köln war mal wieder für fünf Tage und Nächte der Nabel der Popkultur – allein dafür muss man der c/o pop sehr dankbar sein; von den zahlreichen herausragenden Konzerten mal ganz abgesehen.