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Wo sich Ems und Hase gute Nacht sagen

Razz im Gespräch

Wer es schafft, den Blur- und The-Smiths-Produzenten Stephen Street für einen Konzertbesuch ins Emsland zu kriegen, muss etwas auf dem Kasten haben. Dachten wir uns und besuchten Razz in ihrer Heimatstadt Meppen. Im September erschien ihr zweites Album »Nocturnal«, das genau wie ihre Live-Shows das Zeug hat, 16-jährige Kids zurück zu Papas Indierock zu bringen. Daniel Koch interviewte die Band beim Hausbesuch, Natasha auf’m Kamp machte die Fotos dazu.
Geschrieben am
Ich warte an einem warmen Spätsommertag im Stadtzentrum von Meppen auf Razz – in einer Postkarte. Das Motiv: Marktplatz, norddeutsche Kleinstadt. Hinter uns sieht man das niedliche Rathaus mit seinen Türmchen, das 1408 aus Findlingen entstand. Heute ist es – wie viele Orte in der Gegend – relativ fest in CDU-Hand. Kurz bevor mich die Band abholt, bleibt ein alter Mann in historischer Amtskleidung vor dem Rathaus stehen, läutet eine alte Glocke und ruft etwas auf Plattdeutsch. Fünf Gäste zählt diese Stadttour, die man in allen Varianten buchen kann. Auch »Die urige Stadt(ver)führung« befindet sich im Angebot. Leistungen: »Stadtführung. Kräuterlikör. Ein ›Strammer Max‹.«

Niklas Keiser (Gesang, Gitarre), Christian Knippen (Gitarre), Lukas Bruns (Bass) und Steffen Pott (Schlagzeug) sind schon von Weitem als Band auszumachen. Die vier kennen sich seit Kindheitstagen, haben diesen selbstsicheren Swag, den man sich eher als Musiker auf Deutschland-Tournee als bei einer Kaufmannslehre in Meppen einfängt, und tragen allesamt Schwarz – was gut zu ihrer Musik passt.   »Ihr seht aus wie eine Band«, sage ich und kriege gleich grinsend die Retourkutsche. Schlagzeuger Steffen brummt mit tiefer Stimme: »Ha, nix für ungut. Du siehst aus wie ein Musikjournalist.« Sänger und Gitarrist Niklas sieht auf mein Interpol-Shirt und lacht: »Hast du das absichtlich angezogen?«
Gute Frage eigentlich. Und ein perfekter Einstieg. Denn Razz wurden schon oft als Meppens Antwort auf Interpol oder die Editors bezeichnet. Ihr Sound ist ähnlich dunkel und zugleich eindringlich, Niklas’ Stimme lässt sich gut zwischen Tom Smiths’ Pathos und Paul Banks tieftönigem Lamento verorten. »Diese Vergleiche ehren uns natürlich, obwohl wir schon glauben, dass wir etwas Eigenes haben«, sagt Niklas. Die Texte sind schwermütig und sinnsuchend, ohne ins Wehleidige zu kippen. Niklas erzählt: »Wir hatten Unmengen an Demos, aber noch keine Texte. Als ich loslegen wollte, hatte ich eine Schreibblockade. Davon handelt ›Paralyzed‹. Später fiel mir auf, dass ich vor allem die Themen verhandele, die mich beschäftigen, wenn ich nicht schlafen kann. Dieses nächtliche Ruhelose brachte uns auf den Titel.«

Razz spielen diesen Sound schon seit ihrer Gründung in Teenie-Tagen. Als ihr immer noch aktueller Manager sie 2012 auf einem Festival in Meppen »entdeckte«, waren sie 16 und 17 und ihre Musik noch ein wenig Postpunk-lastiger. Das Debüt aus 2015, »With Your Hands We’ll Conquer«, zeigte mehr Reife und Facetten. Auf »Nocturnal« klingen sie nun geschliffen und selbstsicher, mehr nach London als nach Meppen. Auch das ist kein Zufall: Produziert hat nämlich Stephen Street. Wie so etwas passiert? Gitarrist Christian erzählt: »Die Verbindung kam über unser Label. Die Kaiser Chiefs sind da jetzt unter Vertrag, und Stephen hat sie damals produziert.« Niklas ergänzt: »Er kam dann für ein Konzert von uns nach Meppen, um uns kennenzulernen.« Bassist Lukas ergänzt: »Wir waren hier ums Eck beim Griechen.« Eine schöne Vorstellung: Der Mann, der in den 80ern mit Marr und Morrissey im Studio saß, die Babyshambles in die Spur brachte und unter anderem Blurs »Parklife« produziert hat, bestellt in dieser emsländischen 35.000-Seelenstadt im Delphi einen Gyrosteller. Wir ziehen um und setzen uns vor Mikes Pub an einen Außentisch. Man kennt sich, und der Besitzer scheint zu wissen, was hier läuft. Kaum kommt das Bier, läuft drinnen die Razz-Platte. Falls ich mir noch nicht sicher sein sollte, ob ich die Musik gut finde. Wäre aber nicht nötig gewesen.
Mit Street trafen sich Razz für eine Studiosession in Berlin, um schließlich in einem Studio in Leer »Nocturnal« aufzunehmen. »Für Stephen war das, glaube ich, gar nicht so leicht«, sagt Niklas. »Das ist halt Ostfriesland. Ziemlich karg da. Etwas anders als London oder Berlin.« Steffen erzählt lachend: »Stephen meinte nur: ›Wow, hier geht echt wenig.‹ Und hat sich immer mega gefreut, wenn wir saufen gegangen sind.«

Meppen selbst spielt bei all dem eine gar nicht so große Rolle. Bock darauf, eine Band zu gründen, bekamen Razz durch das Hören der Kings Of Leon, durch Konzerte, auf die die Eltern sie mitnahmen, das Abi Festival in Lingen oder das Stemweder Open Air. Oder, im Falle des Schlagzeugers, durch den Drummer der Killerpilze: »Der war damals 13, ich zehn – da dachte ich: ›Wow, vielleicht kann ich das auch.‹« Allerdings scheint die musikalische Früherziehung in Meppen zu fruchten: Alle spielten zuvor in diversen Schulprojekten. »Inzwischen kennt man uns«, sagt Niklas, »aber viele auch erst, nachdem sie uns mal im Radio gehört haben oder so. Bei einem Bekannten von uns, dem Produzenten und DJ Nugat, ist es genauso: Erst, wenn mal was in der Zeitung steht, merken viele: Och, das ist ja ganz geil.«

 Wenn man Razz auf einer Festivalbühne sieht – wie ich wenige Tage nach unserem Treffen auf dem Pure & Crafted –, merkt man, dass ihnen Erstaunliches gelingt: Ähnlich wie die Giant Rooks schaffen sie es, den zuletzt etwas angestaubten Indierock wieder an ein junges Publikum zu bringen. »Ich glaube, das kommt wieder«, meint Christian. »Ich habe mit vielen Leuten aus dem Business darüber gesprochen, und alle teilen dieses Gefühl. Stephen meint das auch.« Und Niklas ergänzt: »Man merkt es ja auch daran, dass gerade viele Bands dieser Art aufblühen – seien es Leoniden oder Giant Rooks.« Mit Letzteren sind sie übrigens nicht nur befreundet, die Rooks haben auch ein Feature zum facettenreichen Razz-Song »Another Heart Another Mind« beigesteuert.

Letzter Locationwechsel. Für das Shooting gehen wir ans Ufer, dort, wo sich Ems und Hase gute Nacht sagen und ineinander fließen. Eine norddeutschere Kulisse als diese gibt es in ganz Meppen nicht. Und dennoch sind auch Razz kurz davor, ihre Heimat bald hinter sich zu lassen: Einige liebäugeln mit großen Städten wie Hamburg oder Berlin, Steffen hat schon ein WG-Zimmer in Osnabrück. Davor und dazwischen wird aber erst mal getourt. Im November in Deutschland, doch ein Abstecher nach England ist auch drin. »Wäre natürlich toll, wenn wir einen guten Eindruck hinterließen«, sagt Niklas. Und wer weiß: Vielleicht kriegt der NME ja spitz, dass Street die Jungs mag: »Meet the northern Krauts Stephen Street is rooting for!« Das wäre doch eine Headline, die helfen würde.

Razz

Nocturnal

Release: 08.09.2017

℗ 2017 Long Branch Records

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