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Pop Songs 2007

Razorlight live

Trotz Sturmtief "Kyrill": Razorlight feierten ihre Aufnahme in den Mainstream und Frontmann Johnny Borrell einmal mehr sich selbst. Was der guten Stimmung freilich keinen Abbruch tat.
Geschrieben am
18.01.07, Köln, Live Music Hall.

Alle reden nur von Sturm. "Kyrill" legt das ganze Land lahm bzw. "rast auf die Hauptstadt zu" (N24), und beim Blick aus dem Redaktionsfenster frage ich mich noch, ob das Konzert überhaupt stattfindet, weil die Band doch bestimmt irgendwo festhängt und/oder der Nightliner umgekippt ist. Nichts degleichen, "Trotz Orkan 'Kyrill' - das Konzert findet statt" kündet die Website der Live Music Hall trotzig. Nun denn.

In der Halle ist es aber um halb neun noch recht überschaubar, obwohl offiziell ausverkauft - womöglich haben es doch nicht wirklich alle geschafft, zumal ja auch der Zugverkehr einstweilen das Zeitliche gesegnet hat. Kurz vor neun geht das erste Mal das Licht aus und die Kölner Karpatenhund betreten die Bühne. "Ist es das, was Du wolltest?", fragen die entzückenden Jungs und Mädels und nach verhaltenem Start haben die meisten KölnerInnen dem sympathisch-unaufdringlichen Gitarrenpop des Quintetts einen Platz in ihrem Herzen reserviert, zumindest für jetzt. Sehr nett, sehr unaffektiert spielen sie sich durch ihr unterhaltsames Set und das, obwohl sie erst gestern von ihrem Supportslot (auf der ganzen Tour) erfuhren. Mal mit Glockenspiel, mal mit Megafon, zwischen patzig und putzig changieren Songs wie 'Neonlicht' oder 'Und es fängt an'. "Du wirst mich vergessen, wenn das Licht angeht", singt Sängerin Claire. Mitnichten. Mehr zu Karpatenhund auch bald an dieser Stelle.

Umbaupause. Lange Umbaupause, die obligatorische englische Delegation in der Halle schwenkt ihre Flaggen und wird zunehmend unruhiger. Als endlich das Licht ausgeht und ein Marlene Dietrich-Intro geschmackvoll den Hauptteil des Abends einleitet, jubelt das erstaunlich gemischte Publikum als erstes Razorlight-Drummer Andy Burrows zu, der mit einem Kurz-Solo das Set seiner Band eröffnet, das sinnigerweise dann in die erste Single des aktuellen Albums, 'In The Morning', mündet. Johnny Borrell trägt wieder einen weißen Lappen, mit einem Ausschnitt der fast bis zum Bauchnabel reicht - er wird sich seiner wie gewohnt später entledigen.

Hektisch stolpern Razorlight durch die Anfangsphase ihres Sets, es bleibt kaum Zeit zum Luft holen: 'Hold On', 'Back To The Start', 'Don't Go Back To Dalston'. Letzteres steigert sich in den manisch-verzweifelten Refrain "Come back, come back to me". Obgleich mit großartigem Material besetzt ist es etwas schade, dass das Hauptaugenmerk so sehr auf das zweite, glattere Album der Band gelegt wird, die 1live-Hörer wird es freuen. 'America' ist dann auch schließlich der erwartete Konsens-Höhepunkt, für mich lag der dann eher beim Patti Smith-eskem 'In The City', 'Vice' oder dem programmatischen 'Stumble And Fall' vom grandiosen 'Up All Night'-Debüt. Sei's drum, Johnny Borrell ist mittlerweile halb entblößt und gibt auf der Bühne den hedonistischen Spargeltarzan in knallengen, weißen Röhrenjeans, natürlich entbehrt das nicht einer gewissen Sexyness. Bassist Carl Delemo nuschelt einmal schüchtern irgendwas ins Mikro, vermutlich "Prost!" oder" Danke", Gitarrist Björn ist die musikalische Stütze der Band und Drummer Andy prügelt das letzte aus sich heraus, derweil seine Haare im Ventilatorwind wehen.

Ansonsten bestehen Razorlight zu mehr als einem Dreiviertel aus Borrell, er weiß es, wir wissen es. Klare Verhältnisse, an diesem Abend in Köln. Als Zugabe spielt er allein den Schwanengesang 'Fall, Fall, Fall'. "People may get lonely sometimes", flüstert er. Ob er sich selbst meint, wie er da so nackt und allein oben über uns steht?