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Jugend und Weisheit

Ratking

Mit Do-It-Yourself-Attitüde und einer rauen Mischung aus 90er-Jahre-Rap und Noise kreiert das HipHop-Trio Ratking einen neuen Sound. Martin Riemann traf Sporting Life, Wiki und Hak in ihrer New Yorker Hood. Er ließ sich von der Band erklären, was es mit der Kooperation mit King Krule und der Idee des HipHop-Zauberwürfels auf sich hat.
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»In der DNA von HipHop findest du jedes Genre«, stellt Eric »Sporting Life« Adiele gleich zu Beginn unseres Gesprächs klar. Der Mann ist ein echter HipHop-Analytiker und -Historiker: »Afrika Bambaataa benutzte dieselben Drum Machines wie die Dudes in Detroit oder Chicago, die House Music machten, und spielte sogar in denselben Clubs. Die Anschlussmöglichkeiten waren schon immer da, du musst nur herausfinden, wie du den Zauberwürfel drehst, und deine eigene Kombination finden.«

 

Wenn man der ruhigen Stimme des 30-jährigen Produzenten zuhört, bekommt man eine Ahnung davon, dass es ihm bei der Auseinandersetzung mit seinem eigenen musikalischen Genre nicht um vordergründige Attitüde geht, sondern um Kulturwissenschaft. Bereits als Jugendlicher mischte Sporting Life in die High-Life-Kassetten seines nigerianischen Vaters selbst produzierte Beats. Später zog es ihn, angefixt vom Londoner House-Veteran Mr. G, hin zur Dancemusic. Als er 2010 bei einem Park Jam auf der Bühne diesen seltsamen Jungen sah, der zu einem Instrumental rappte und danach einfach ohne Beat weitermachte, um dem staunenden Publikum mit seinen halsbrecherisch verspulten Reimen den Atem zu rauben, war Sporting Life sofort fasziniert von dem Teenager, den er scherzhaft als eine Art »New Yorker Bart Simpson« beschreibt. Gleich nach der Show besiegelte er ihren Pakt: »Ich mache Beats, du bist nicht abgeschmackt – wir sollten was zusammen machen.«

 

HipHop, Hardcore, No God

 

Im April 2014 sitzen die beiden gemeinsam auf einem Sofa in New York. Der Name des Jungen von damals lautet übrigens Patrick »Wiki« Morales, und gemeinsam mit dessen ehemaligen Schulfreund Hakeem »Hak« Lewis bilden sie Ratking, ein Rap-Trio, das in den letzten zwei Jahren durch seinen rohen, experimentellen Sound stetig wachsende Aufmerksamkeit geerntet hat und mittlerweile als die aufregendste HipHop-Crew New York Citys gehandelt wird. Die drei kommen locker rüber. Der relativ große Altersunterschied zu den beiden MCs macht sich höchstens dadurch bemerkbar, dass der Produzent besonnener wirkt. 

Was ihr musikalisches Wissen angeht, erscheinen Wiki und Sporting Life ebenbürtig. Letzterer sieht die Kombination aus »Jugend und Weisheit« als perfekt an. Es sei eine glückliche Fügung gewesen, dass er und Wiki schon bei ihrem ersten Treffen festgestellt hätten, dass sie nicht nur eine Bewunderung für den Wu-Tang Clan teilen, sondern beide auf die Electro-Pioniere Suicide stehen. So wurde die erste Ratking-EP »Wiki93« folgerichtig eine bewusste Mischung aus 1970er-Jahre-No-Wave und dem Eastcoast-HipHop der goldenen 1990er-Jahre. Normalerweise müsste man den anfangs erwähnten Zauberwürfel schon sehr lange drehen, um ausgerechnet auf diese Kombi zu stoßen, geben die drei zu, betonen aber, dass bei ihnen dieser Hybrid ganz natürlich zustande käme. Was nicht nur für große Aufmerksamkeit seitens der Kritik sorgte, sondern auch zu Touren mit GZA, Death Grips und zuletzt mit dem Odd-Future-Mitglied Earl Sweatshirt führte. 

 

Doch Ratking teilen sich die Bühne keinesfalls nur mit HipHop-Künstlern. 2013 waren sie mit der kalifornischen Hardcore-Punk-Band Trash Talk unterwegs, um ihre Show vornehmlich vor jungen Hardcore-Fans abzuliefern. Für den mittlerweile 20-jährigen Wiki sind Genregrenzen ohnehin ein gestriges Phänomen: »Die Kids heute sind ziemlich aufgeschlossen, wenn es um Musik geht«, lispelt er durch seine riesige Zahnlücke. »Ein positiver Effekt des Internets. Niemand will heute nur auf eine Sache stehen, es geht mehr darum, was für eine Sorte Mensch man ist. In unserem Live-Set finden sich auch Elemente von Punk und Hardcore, insofern passt es auf gewisse Weise, wenn wir mit Trash Talk unterwegs sind.« Für den irisch-puertoricanisch-stämmigen Sohn eines Bankangestellten sind diese Einflüsse sowieso kein Neuland. Als Jugendlicher hatte er eine Ramones-Phase und hörte später Bands wie die Germs, deren Bandmotto »No God« er sich sogar auf die Brust tätowieren ließ. Für seine breiten Grundkenntnisse über HipHop sorgte ausgerechnet sein aus der Bronx stammender Mathematiklehrer. Typisch New York.

 

Auf der nächsten Seite geht's weiter mit Ratking.

Tarantino, Chameleon-Shit, New York

 

Um New York geht es bei allem, was Ratking machen. Die drei verstehen ihre Musik als Collage aller Eindrücke, die ihnen die Stadt jeden Tag vermittelt. »Ein Spaziergang durch die Straßen von New York ist großes Entertainment«, schwärmt Sporting Life und ergänzt, dass sie mit ihrem Debütalbum »So It Goes« in die dunklen Gassen blicken. Ratking legen keinen Wert auf unbedingte Authentizität. In ihren Raps und Noise-Gedichten dürfen die Dinge gerne auch mal »überhöht und zugespitzt werden«, sagt er. »So ist das mit der Kunst.« Oder wie Wiki es ausdrückt: »Die meisten unserer Storys sind wie ein Comic oder ein Tarantino-Film, in dem alle möglichen seltsamen Figuren vorkommen. Dazu gehören auch echte Leute aus unserem Umfeld wie DJ Dog Dick, Young Guru oder Black Mack, die uns auf dem Album geholfen haben. New York selbst ist in unseren Raps eine Art Kunstfigur, ein alternatives Universum.«

 

Die Shows von Ratking sind dementsprechend wild, roh und höchst unterhaltsam. Nicht von ungefähr nennen sie die Bad Brains als beste Liveband aller bisherigen Zeiten. Sporting Life hält sein Equipment so simpel wie möglich. Ein paar Roland-Drumcomputer, die er synchron zu den Raps seiner MCs bedient, einige Gitarren-Effektgeräte und die Software »Ableton Live«, mehr braucht er nicht für einen Liveauftritt. Im Video zu »Piece Of Shit«, das von dem New Yorker Filmkünstler Ari Marcopoulos realisiert wurde, kann man sogar beobachten, wie er ein Sample von einem alten iPod Nano abspielt. 

Für Wiki ist die spartanische Arbeitsweise seines Produzenten der Schlüssel zu der speziellen Ästhetik von Ratking, die er gerne mit Metaphern wie »chameleon shit« oder einfach als »raw as fuck« beschreibt. Passenderweise wurden die Tracks des neuen Albums von den reinen Beats herkommend konzipiert: »Wir haben uns viele Gedanken über die Blaupause gemacht«, beschreibt Sporting Life seine Arbeitsweise. »Das Gerüst des Albums basiert auf Drum-Patterns. Mir ging es bei jedem Track darum, ob ich allein auf die Beats abfahren kann. Und wenn Wiki bei den Shows dazu rappt, wird natürlich alles noch abstrakter. Dann gehen wir ins Studio, um die Tracks zu verändern.« 

 

So entsteht die bedrohliche Atmosphäre der Ratking-Songs. Ein besonders dunkles Stück auf dem Album ist »So Sick Stories«, das die drei mit ihrem Kumpel Archie aus London, besser bekannt als King Krule, aufgenommen haben. Wiki, Hak und der britische Genre-Bender rappen beziehungsweise singen gegen eine Bassdrum-Wand an, die von hypnotischen, Wu-Tang-Clan-artigen Mikrosamples durchzogen ist. Der Schrei am Ende klingt, als sei Ol’ Dirty Bastard aus dem Grab auferstanden. Wiki und Sporting Life machen keinen Hehl aus ihren Einflüssen, ODB steht bei ihnen hoch im Kurs. Vor allem habe es ihnen aber der Rapper Cam’ron angetan, ergänzen sie, auf dessen Album »S.D.E.« Noise und HipHop ebenfalls eine Symbiose eingehen. Sein Song »Violence« würde wie ein Jam mit den beiden Suicide-Mitgliedern Alan Vega und Martin Rev klingen. Auch in GZAs Album »Liquid Swords« sehen sie eine gelungene Mischung aus HipHop und Noise. Die Referenzliste kann um Vorbilder wie Big Punisher, Black Moon, Juvenile, Timbaland, Zomby und den No-Wave-Saxofonisten James Chance ergänzt werden. 

 

Und wie kommt angesichts all dieser Einflüsse der eigenständige Sound zustande? Letztlich ist es ganz einfach: Bevor Ratking ihr Debütalbum aufnahmen, stellten sie sich gemeinsam mit Produzent Young Guru die Frage, wie Jay Zs Meisterwerk »Blueprint« wohl geklungen hätte, wenn es in London vom Animal Collective aufgenommen worden wäre. Kann man bei derart absurden Ideen überhaupt irgendein Publikum im Auge haben? »Eigentlich ist es egal, was du machst, solange du das Feedback deines engsten Kreises nutzt«, antwortet Sporting Life. »Wir hatten keinen Masterplan, sondern dachten einfach nur an die Leute aus unserer Umgebung, denen wir das Album vorspielen wollten.« 

 

Ratking »So It Goes« (XL / Beggars / Indigo / VÖ 04.04.14)