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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Plötzlich überflüssig

Ratatat

Abseits von funktionaler Tanzmusik oder experimenteller Soundästhetik bestimmt auch tausend Jahre nach den Beatles immer noch die menschliche Stimme das Popgeschäft. Und wehe, jemand wagt es, an diesem ehernen Gesetz zu rütteln. Der wird schwer kämpfen müssen mit der Verständnislosigkeit der Massen.
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Abseits von funktionaler Tanzmusik oder experimenteller Soundästhetik bestimmt auch tausend Jahre nach den Beatles immer noch die menschliche Stimme das Popgeschäft. Und wehe, jemand wagt es, an diesem ehernen Gesetz zu rütteln. Der wird schwer kämpfen müssen mit der Verständnislosigkeit der Massen. Vorhang auf für: Ratatat. Sie zeigen, wie man die Charts auch ohne Refrain im Handumdrehen übernehmen könnte.

Das zugezogene New Yorker Duo begann die gemeinsame Arbeit bereits vor fünf Jahren: Damals nannten sich der Computernerd/Tastenwizard Evan Mast und der Miet-Gitarrist Mike Strout, der bereits mit Ben Kweller und Dashboard Confessional das Tourleben kennengelernt hatte, noch Cherry. So so, Kirsche also. Rot, saftig, einladend, süßlich. Die Besserwisser der Musikindustrie rieten allerdings zu einem dringenden Namenswechsel. Schnell einigte man sich auf: Ratatat. Ratatat? Tja, da setzen sich die Assoziationsräder nur mühsam in Gang. Lautmalerisches Schlagzeuggeprügel? Eine Maschinengewehrsalve? Es entstehen mehr Fragen als Antworten. Evan Mast stellt sich ihnen gutmütig:

Kennst du die Zeile “Ratatat-tat, tatatat, like that – I never hesitate to put a nigger on his back ...”? Ähem, okay, nicht so geil vorgetragen von mir ...

[lacht] Klar, das ist Snoop Dogg auf dem “Chronic”-Album von Dr. Dre. Ich ahne schon, worauf du hinauswillst. Nein, daher kommt unser Name nicht. Oder vielleicht doch irgendwie ...

Habt ihr schon andere Assoziationsvarianten gehört?


Wir haben schon Bilder geschickt bekommen von Kindern, komische Geschichten, Fotos, und es gibt wohl auch eine Pokémon-Figur, die so heißt. Wurde mir zumindest gesagt.

Dieser ganz persönliche herumirrende Zugang scheint mir ganz passend zu sein für euch und eure Musik. Durch den Verzicht auf Vocals kann sich jeder ganz individuell nähern, es gibt keinerlei Vorgaben von euch. Auffällig ist dabei, wie oft in Kritiken einerseits von eurer Zugänglichkeit, ja, Poppigkeit geschwärmt wird – und andererseits fast schon flehentlich gebettelt wird: Um Himmels willen, macht es uns doch einfacher und baut die menschliche Stimme ein ...


Genau das ist auch der Sinn der Sache. Man kann sich in traditioneller Popmusik an ein festes Gefüge klammern. Du hast keine musikalische Idee für eine zweite Strophe? Hey, die Stimme und die Texte werden’s schon rausreißen! Das ist uns zu wenig. Wir bauen und arrangieren sehr lange an unserem Material herum. Das kann schon mal Monate dauern für einen einzigen Song.

Diese Mühe hört man den Songs auf ihrem zweiten, entspannt größenwahnsinnig und natürlich vollkommen zu Recht “Classics” betitelten Album erst an, wenn man sich vor Augen führt: Die sind wirklich nur zu zweit! Auf das austariert bouncende Low-Key-Beatgerüst werden sorgfältig Gitarrenspuren und Keyboardflächen getürmt, bis die Songs schließlich unsicher wackelnd einen Höhepunkt erreicht haben – an dem alles in sich zusammenbricht. Perfekter, rein instrumentaler Spannungsaufbau. Perfekter Pop. Eddie Van Halen – ein erklärter Held der beiden – dürfte altväterlich nicken bei all dieser ausgestellten Flitzefingerfertigkeit. Dessen Ex-Sänger David Lee Roth und Sammy Hagar allerdings dürften sich vor Entsetzen die Haare raufen. Denn plötzlich sind sie – überflüssig.