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Schlager galore

Radiopilot live

Fünf junge Herren aus Berlin bringen Indie-Electronica mit einem zeitgenössischen Schlager-Update und scheitern nicht mal. Unverschämt.
Geschrieben am
24.01.08, Berlin, Magnet.

Noch während man überlegt, ob man dieser jungen Band nun Knüppel zwischen die Beine schmeißt, wenn man die Worte "Schlager" und "Münchener Freiheit" in den Mund nimmt, besorgt das Sänger Lukas Pizon schon selbst. Den Song 'Sing doch' kündigt er grinsend mit den Worten "Und hier ein weiterer schöner Schlager" an, um später das junge Publikum in den ersten Reihen über die Qualitäten der Münchener Freiheit aufzuklären, die bei den "Pop-Rentnern" hinten im Publikum sicher noch bekannt seien. Man weiß also, was man tut, und man weiß, was man kann – auch wenn es sicher ein gewagtes Unterfangen ist, Indie-Electronica mit einem zeitgenössischen Schlager-Update und einer Prise juvenilem Renitenz-Rock zusammenzubringen. Was soll man sagen: Es scheint – gemessen an der Zuschauereuphorie – tatsächlich zu funktionieren.

Aber der Reihe nach: Radiopilot sind fünf junge Herren aus Berlin, die seit 2006 unter diesem Namen firmieren, vorher aber in diversen Indiebands agierten – zum Beispiel bei den von vielen geschätzten Fuzzy Casino, die eher dem englischsprachigen Garage-inspirierten Indie-Sound zugewandt waren. Wer sich hier nun beschweren mag, dass immer wieder das "Indie"-Unwort fällt, dem sei gesagt, dass auch die Band sich mit diesem Thema ausgiebig befasst hat – und offenbar zu dem Schluss kam selbigem abzusschwören. "Der Independent-Gedanke war ja ursprünglich mal, dass man machen kann, was man möchte", so Gitarrist und Songschreiber Rafael Triebel in einem Interview, "doch wenn man sich hier in Berlin die Szene anschaut, dann sind die Indie-Bands wesentlich verkrampfter als der Mainstream."

Die Konsequenz, die Radiopilot daraus zog, hieß: Go Mainstream! Will sagen: Vorprogramm von Juli. Vorprogramm von Pink! bei der IFA-Eröffnung. Und: Major-Vertrag. Für die Aufnahmen des Debüts 'Leben Passiert' (demnächst via Columbia / Sony BMG) verpflichtete man dann ebenfalls einen Grenzgänger zwischen Mainstream und Indie: Olaf Opal, der bekanntlich schon mit The Notwist, Naked Lunch, aber auch mit Juli und den Sportfreunden gearbeitet hat.

Zurück zur Musik: Das heutige Konzert im Berliner Magnet ist als Showcase deklariert, was die hohe Dichte an Musikbranchen- und Journaillevolk erklärt, die recht jungen Fans in den vorderen Reihen aber wenig zu stören scheint. Sollen die hinten doch checker-mäßig am Bier nippen und die Arme verschränken, vorne wird gefeiert! Man kann das Durchschnittsalter des Publikums sicher auf die Juli-Erfahrung runterbrechen, muss aber auch sagen, dass Radiopilot in ihren Texten Statements und Stimmungen transportieren, die einem im juvenilen Freiheitsdrang durchaus aus der Seele sprechen. Das wird zum Beispiel deutlich, als sie die Single 'Fahrrad' spielen: 'Willst du mit mir Äpfel stehen gehn? / Du bist ein Held, du wirst schon sehn. / Das bisschen Mut kann ich dir leihn, / von deiner Scheißangst dich befrein.'

Im hymnischen poprockigen 'OK' schlagen sie dann zynische Töne an und singen davon, dass man doch 'genau so verwöhnt' sei wie alle Kids hier. Aber dann zeigt sich noch die andere Seite von Radiopilot, die sich eben auch vor dem "Schl…"-Wort nicht scheut. 'Tokyo – Berlin' zum Beispiel so eine Nummer, die Elektropop und Schlager vermählt und dabei eine schlagersüße Fernbeziehungsgeschichte erzählt. Neben 'Sing doch', das ja gleich als Schlager angekündigt wurde, gibt es auch noch 'Immer wenn wir träumen', das durchaus schunkelkompatibel daher kommt, bis dann die Gitarren im Refrain das Ruder rum reißen. Zackig in die New-Wave-Disse kommt man dann wiederum ebenso schnell mit dem hittigen 'Foto von dir'.

Über die Live-Präsenz gibt’s bei all dem nix zu meckern, auch wenn man am pompösen Bühneneinmarsch und an den Zwischenansagen merkt, dass Radiopilot ein wenig versuchen, die großen Gesten, die man in Juli-Hallen brauchte, ins kleine Magnet zu quetschen. Ansonsten sitzt alles – bis auf einen Verspieler der Band, der von Sänger Lukas vielleicht ein wenig zu flappsig quittiert wird: "Mensch! Bei Showcases macht man keine Fehler!" Pause. Dann, das – räusper – rhetorische Ungeschick: "Ihr wart doch alle zum Üben im Bandlager in Polen. Was habt ihr denn da gelernt? Autos klauen?" Das hätte man sich sparen können/sollen/müssen. Davon mal abgesehen, schaffen sie es aber, ihre Fans am Tanzen und Johlen zu halten. Mitgesungen wird natürlich durchgehend was die Kehle hergibt – und spätestens hier geht ihr Songwritingansatz auf. Hymnen für das junge Herz – oder eben, wie’s der Sänger sagt: "Schlager galore!" Aber reloaded.

.: www.radiopilot.de :.
.: www.myspace.com/radiopilot :.